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Jurij Trifonow – Das Haus an der Moskwa

Friday, December 3rd, 2010

Trifonow schreibt über Opportunismus, Kaltblütigkeit und die Mechanismen von Verdrändung und Verläugnung der eigenen Geschichte.

Glebow, Sohn aus einfach und ärmlichen Verhältnissen verlebt den größten Teil seiner Kindheit in Moskau vor Beginn des 2. Weltkriegs. Dort schielt er immer wieder hin zu den Menschen, die mehr haben als er und seine eigene Familie, die in ziemlich ärmlichen Verhältnissen leben.

Später, als Student der Literaturwissenschaften, baut er systematisch die Beziehung zu einem seiner Professoren auf, der der Vater einer bereits fast vergessenen Freundin aus der Schulzeit ist. Immer enger wird er in die Familie des Professors aufgenommen und Glebow schreckt auch nicht davor zurück, die Jugendliebe der Tochter Julia für sein Fortkommen zu nutzen.

Das alles klingt furchtbar kalt und berechnend und die Frau des Professors durchschaut seine Motive auch und wirft sie ihm vor, aber ganz so einfach ist es dann auch wieder nicht. Glebow mag Sonja, die Tochter des Professors wirklich, auch wenn er bald merkt, dass diese Liebe seinerseits wohl nicht von Dauer sein wird.

Kalt berechnend seine eigenen Karrierechancen taxierend entschließt sich Glebow, den Professor – seinen Schwiegervater in spe – bei einer Intrige an der Universität nicht zu unterstützen. Diese Entscheidung wird sich im Verlauf seiner Karriere positiv für ihn auswirken, während der Professor als gebrochener Mann leben muss und die Tochter Sonja Selbstmord begeht, nachdem Glebow die Beziehung beendet hat.

Trifonow analysiert hier meisterhaft, wie Menschen vor ihrem eigenen Gewissen mit Leichen im eigenen Keller – sprichwörtlichen und echten – umgehen bzw. vermeiden, mit ihnen umgehen zu müssen. Für mich ist die Klarheit seiner Analyse die größte Stärke des Romans, der mich ansonsten nicht so sehr angesprochen hat.