Archive for June, 2010

Daniel Kehlmann – Ruhm

Wednesday, June 23rd, 2010

Mein zweiter Roman von Daniel Kehlmann (inzwischen ist er noch erfolgreicher geworden) besteht auf mehreren Kurzgeschichten mit sehr unterschiedlichen Stilen: klassische 3.-Person-Perspektive, Ich-Erzähler bis hin zu Blog-Artikel. Auch wenn es keinen strengen chronologischen oder kausalen Zusammenhang zwischen den Einzelgeschichten gibt, so haben sie trotzdem eine gewisse Überlappung, die sie verbindet.

Kehlmann geht in den Geschichten verschiedenen Aspekten von persönlicher Identität und ihrer Eingebettetheit im sozialen Gefüge ein: Der Schauspieler, dessen Identität von einem Double übernommen wird; der Ehemann mit den zwei Leben, zwei Häusern und zwei Frauen; die krebskranke alte Frau, die sich dann doch nicht das Leben nehmen will.

Mehrfach treten diese Personen in den Erzählungen mit dem Autor in Dialog, tritt der Autor in seiner eigenen Erzählung als Autor auf.

Am Ende hatte ich das Gefühl, dass die Kehlmann nicht so richtig wusste, wie er die einzelnen Handlungsstränge zusammenfügen oder wenigstens bündig abschließen sollte. So wirkte der Schluss etwas abrupt für mich.

Karlheinz Deschner – Der gefälschte Glaube

Wednesday, June 23rd, 2010

Im Gegensatz zu Dawkins Gotteswahn, der vor allem die philosophische Frage stellt, ob wir nicht auch gut (oder sogar besser) ohne Glauben leben könnten, konzentriert sich Deschner auf die Kritik an der katholischen Kirche selbst.

Mit Hilfe unzähliger Literaturstellen versucht Deschner nachzuzeichnen, wie die katholische Kirche systematisch das neue Testament “angepasst” hat, um die eignen Machtstrukturen zu rechtfertigen. Prominente Beispiele dafür sind die Infallibilität (auch dies ein eigens entwickeltes Kunstwort) des Papstes oder das Papsttum selbst, das die Kirche von Petrus ableitet, der jedoch bis einige Jahrhunderte nach Christi Geburt gar nicht als Papst bekannt war.

Streckenweise habe ich mich an 1984 erinnert gefühlt: Die geschriebe Geschichte wurde, wie Deschner anhand der Differenzen zwischen älteren und neueren Versionen des Neuen Testaments zeigt, systematisch verändert, Dinge weggelassen und andere hinzugefügt.

Ein interessanter Schluss ist auch, dass sich vor dem Hintergrund dieser Fakten die Institution der katholischen Kirche nicht vom katholischen Glauben trennen lässt, da die Institution die christliche Lehre zumindest maßgeblich beeinflusst hat.

Hei Ma – Verloren in Peking

Thursday, June 10th, 2010

Neuerdings kommen nun auch die Bücher der Metropolen-Serie der Süddeutschen Zeitung zu mir ins Haus; genauer gesagt ins Büro, weil die Postzustellung zuhause nicht zuverlässig funktioniert, aber das ist eine andere Geschichte.

Hei Mas Geschichte beschreibt eine Gruppe von Schriftstellern und Literaturkritikern, die sich im China der 1990er Jahre in Peking mit der Bürokratie ihres “Avantgarde”-Verlags herumschlagen müssen. Die meisten von ihnen stammen vom Land und wohnen bunt zusammengewürfelt in einem ziemlich heruntergekommenen und vollkommen überbelegten Wohnheim des Verlags. Diese Umstände sind quasi ein Treibhaus für Ambitionen und Neid, Beziehungsprobleme, Intrigen und Erfolg direkt neben Misserfolg.

Obwohl die Erzählung im Roman grob chronologisch geordnet ist und es Kausalzusammenhänge zwischen den beschriebenen Ereignissen gibt, entstand für mich eher der Eindruck, in ein Kaleidoskop zu schauen. Ma beschreibt verschiedenste Aspekte des beengten Zusammenlebens dieser Intellektuellen des post-maoistischen China. Hier beschreibt die Zuzugsproblematik nach Peking für die Ehefrauen der Literaten vom Land, auf die sie manchmal jahrelang warten müssen. Ein paar Seiten weiter hat sich das Kaleidoskop um einige Grad gedreht und ein Schlagerball mit Stars, Sternchen und Eintagsfliegen wird beschrieben.

Eine faszinierende Art der Beschreibung, sehr dicht und abwechslungsreich, ohne dabei rastlos zu wirken.

John Krakauer – Into the Wild

Saturday, June 5th, 2010

Krakauer erzählt die Geschichte von Chris “Alexander Supertramp” McCandless, einem jungen US-Amerikaner, der Anfang der 1990er Jahre entschied, seine aussichtsreiche Hochschulausbildung vorzeitig zu beenden, all sein Geld an Oxfam (eine amerikanische Hilfsorganisation) zu verschenken und sein Glück im einfachen und einsamen Leben in Alaska zu suchen.

Die Geschichte ist eine wahre Begebenheit, wurde erfolgreich verfilmt und von Krakauer offenbar minutiös recherchiert. Neben den rein biographischen Begebenheiten behandelt Krakauer aber noch ein weiteres Thema, das ihn wie auch viele andere fasziniert: das Reißaus-Nehmen aus dem zivilisierten Alltagstrott, das “Zurück” zum “echten” und “einfachen” naturverbundenen Leben.

McCandless hat seinen Versuch mit dem Leben bezahlt. Nach einer Vergiftung an – wie Krakauer vermutet – verschimmelten Samen und einem durch Hochwasser vermeintlich abgeschnittenen Rückweg in die Zivilisation ist McCandless so schwach, dass er verhungert.

Krakauer widmet sich auch lang und breit der Frage, ob dies nun ein tragischer Unfall oder McCandless naiver unzureichender Vorbereitung geschuldet ist. Die Tatsache, dass er ohne Karte in die Wildnis zog, nicht einmal eine Axt mitbrachte und keine Möglichkeit zur Kommunikation mit der Außenwelt hatte führte letztenendlich dazu, dass er in einem alten Bus verhungerte. Dieser Tod ereilte ihn nur 6 Meilen entfernt von der nächsten Ranger-Station (also war er keineswegs “mitten in der Wildnis”) und in einem alten Linienbus aus den 1940er Jahren, der vor langer Zeit in der kanadischen als Unterkunft für Arbeiter abgestellt wurde (also in einem Relikt der Zivilisation).

Krakauer gibt sich viel Mühe, dieses Ende romantisch zu verklären, es einzuordnen in eine Reihe von intelligenten Menschen, die die Nähe zur Natur gesucht haben und abzugrenzen von einer Reihe anderer tragischer Fälle, bei denen Menschen wie McCandless blauäugig und bis zur Schädelkante aufgeladen mit Natur-Romantik und -Ideologie ihr Leben in der Wildnis ließen.

Am Ende ist Krakauers Verklärung für mich leider doch nur eine Überladung des Geschehenen mit höheren Zielen und jugendlichen Ambitionen. Wenn McCandless so intelligent war wie Krakauer zeigen will, warum war er dann so schlecht vorbereitet? Auf diese Weise zu sterben ist traurig aber auch ziemlich leicht. Darin etwas höheres zu sehen kann ich nicht nachvollziehen.