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Nick Heil – Dark Summit

Monday, November 23rd, 2009

Als eine unserer Buchacquisen auf der Annapurna-Runde kamen wir in Anbetracht der Berge kaum um eine weitere Reportage über die Verhältnisse im Extrembergsteigen herum. Und richtig: Im “Fishtail Book Store” in Pokhara fand sich Nick Heils “Dark Summit”, in dem er ausführlich über die kontroverse Saison 2006 am Everest berichtet.

1996 rückte der Everest zum ersten Mal ins öffentliche Bewusstsein, als dort in einer Saison mehrere kommerzielle Expeditionen von schlechtem Wetter überrascht jeweils mehrere Todesfälle zu beklagen hatten. Damals wurde viel über den kommerziellen Wahnsinn am Everest publiziert, der ungeübte Touristen auf den höchsten Gipfel der Erde bringen soll (60.000 US-$ Startgeld vorausgesetzt) und zu – im Nachhinein ist man ja stets klüger – vermutlich vermeidbaren Todesfällen geführt hätte.

Die Ereignisse des Jahres 1996 und die Öffentliche Bekanntheit der Zustände hat aber nur zu einem kleinen Einbruch der Scharen der kommerziellen Expeditionsteilnehmer geführt. Seit der Jahrtausendwende boomt das Geschäft mit geführten Everestbesteigungen wieder, sogar trotz Bürgerkrieg in Nepal zu jener Zeit.

Einige Zeit war es – abgesehen von den üblichen vereinzelten Todesfällen – ziemlich ruhig geworden um das Dach der Erde. 2006 kam es bei mehreren Besteigungen von der Nordseite aber wieder gehäuft zu Todesfällen. Im Gegensatz zu den Unglücken zehn Jahre zuvor war diesmal das Wetter ziemlich günstig. Trotzdem kam es zu einem Fall, in dem 40 Teilnehmer verschiedener Expeditionen an einem sterbenden Bergsteiger vorbei weiter aufstiegen und ihn nicht retteten.

Heil geht vor allem der Frage nach, wie das passieren konnte. Akribisch rekonstruiert er die Geschehnisse, spricht mit Teilnehmern der damaligen Expeditionen und steigt selbst bis auf den North Col am Everest auf, nicht weit vom Hauptgipfel entfernt.

Seine Antwort auf die Frage ist komplex und scheint ihn selbst auch nicht so richtig zu befriedigen. Trotzdem ist es ihm gelungen, eine möglichst ausgewogene und sachliche Rekonstruktion der Ereignisse zu Papier zu bringen. Im Gegensatz zu vielen anderen Kommentatoren der Ereignisse von 1996 verliert er sich nicht in bloßen Anschuldigungen und Moralapellen sondern bohrt weiter und geht der Frage nach, nach welchen Regeln am Everest gehandelt wird.

Äußerst lesenswert und ein interessanter Blick auf die menschliche Natur in Extremsituationen – also da, wo die Moral am stärksten auf die Probe gestellt wird.