Archive for October, 2009

Peter-Paul Verbeek – What Things Do

Sunday, October 25th, 2009

Verbeek versucht einen neuen Zugang zur Technikphilosophie. Ausgiebig setzt er sich mit den zwei deutschen Philosophen zusammen, die einen phänomenologischen Zugang zu den Artefakten moderner Technologie versucht haben: Martin Heidegger und Karl Jaspers. Ein großer Teil des Buches behandelt ihre Auffassung von Technikphilosophie, die teils vom Eindruck des zweiten Weltkriegs gefärbt ist und der Rolle von Industrie und Hochtechnologie im Rahmen von Massenvernichtungswaffen gespielt haben. Andererseits zeigt Verbeek auch sehr deutlich Heideggers einseitig romantisierenden Blick auf Techniken aus der Vergangenheit vs. Technologien aus seiner Zeit.

Hier ist ein schönes Beispiel für eine philosophische Diskussion, die mir bei nüchterner Betrachtung schlicht eine Scheindiskussion zu sein scheint. Es geht um Heideggers Auffassung von zwei Arten von Technologie, nämlich einer traditionellen (“guten”) und einer modernen (“schlechten”).

“Ihde [ein Kritiker von Heidegger, Anm. MM] could also have illustrated his claim that Heidegger’s description of traditional technologies is biased by discussing another artifact Heidegger contrasts with the hydroelectric plant, namely ‘the old wooden bridge that joined bank with bank for hundreds of years’. Such a bridge, Heidegger claims, is ‘built into’ the Rhine, while the Rhine is ‘dammed up into’ the hydroelectric plant. By the phrase ‘built into the Rhine River,’ Heidegger evidently means something to the effect that it ‘respects’ the Rhine in some way, or ‘does not force the Rhine to reveal itself in a way that is not proper to it.’ But can’t this also be said for the hydroelectric plant? After all, the Rhine allows the power plant to be inserted into it, and the plant would not function if the Rhine did not cooperate.” (Zitat von S.68/69)

Hier werden gewaltige Worthülsen aufgebläht, der Rhein wird zu einem intentionalen Wesen anthropomorphisiert und “erlaubt” den Bau einer Brücke, ist “kooperativ” oder wird im Fall des Wasserkraftwerks zu etwas “gezwungen”. Wie der letzte zitierte Satz zeigt, ist Verbeek mit Heidegger durchaus einverstanden, die Diskussion auf dieser Ebene zu führen.

Warum dies eine Scheindiskussion ist? Sicher, jeder kann argumentieren wie er will. Es gibt auch kein Problem damit, Dingen wie etwa Flüssen vorrübergehend und in Gedanken Intentionen zu unterstellen. Das Problem hier ist, dass dem Fluss Intentionen unterstellt werden, für die es keine Evidenzen gibt. Und nachdem etwas unterstellt wurde, was maximal unwahrscheinlich ist (mehr noch, nach unserem Alltagsverständnis absurd) werden daraus sogar noch Einteilungen in Kategorien vorgenommen (hier: gute vs. schlechte Technologie).

Insgesamt lässt Verbeek viele alte Bekannte vorbeiziehen. Der Neckerwürfel fehlt genausowenig wie das Beispiel vom Computer als Artefakt, dass für den Nutzer solange vollkommen transparent ist, solange es korrekt funktioniert, bspw. um einen Text zu schreiben. Erst obald er eine Fehlfunktion hat, wird der Rechner als solcher wieder “präsent”.

Ich bin etwas ratlos, schließlich sollte ich mich als M.A. Phil. über solche Versuche freuen, sich der modernen Technik aus philosophischer Sicht zu nähern. Aber irgendwie bleibt ein sehr schaler Geschmack zurück. Ich kann wirklich nicht erkennen, wozu dieses Protokoll der Auseinandersetzung (denn kaum mehr ist es) gut sein soll. Aber vielleicht liegt es auch an mir als Leser…

Ernst Pöppel – Grenzen des Bewußseins

Thursday, October 8th, 2009

Der Autor beschreibt diverse Phänomene menschelichen Bewußtseins aus Sicht eines Psychologen. Er stellt sich die Frage, was menschliches Bewußtsein eigentlich ist und wo seine Grenzen liegen. Dabei spannt er den Bogen von optischer Wahrnehmung über Höhren bis hin zur Sprache.

Interessant zu lesen ist das Buch auch deshalb, weil es bereits 1985 geschrieben wurde, also fast 25 Jahre alt ist. Was bei mir in der Vorlesung Neurokognition (2003 oder 2004 an der TU-Chemnitz gehört) bereits etablierter Stand der Wissenschaft war – z.B. über die Verarbeitung optischer Reize im Okzipitallappen – wurde erst in den 1980er Jahren entdeckt.

Schön ist auch zu sehen, wie geistreich und abwechslungsreich sich populärwissenschaftliche Literatur schreiben lässt. Immer, wenn der Stoff über längere Strecken etwas trocken bleibt, streut Pöppel ein Gedicht oder eine Anspielung zu einem Klassiker der europäischen Geistesgeschichte. Ich kann mich nicht entsinnen, bereits ein ähnlich gut lesbares Buch über irgendeine Wissenschaft gelesen zu haben.

Daniel H. Pink – A Whole New Mind

Thursday, October 1st, 2009

Daniel Pink hat sich die Frage gestellt, was die Menschen der westlichen Welt in Zukunft denn eigentlich noch arbeiten können angesichts der massiven Verlagerung von Produktionskapazitäten vor allem in Länder des asiatischen Raumes.

Wie er eingangs durch zahlreiche Statistiken belegt, sind es inzwischen nicht mehr nur noch die typischen blue collar jobs, die nach Osten wandern sondern durchaus auch Tätigkeiten wie die Entwicklung von Software oder die Beantwortung von Support-Anfragen via Telefon.

Seine Antwort – und er gibt sie noch bevor er die Frage explizit formuliert hat – lautet, dass wir uns auf die intellektuellen Qualitäten besinnen sollten, die gemeinhin der rechten Gehirnhemisphäre zugeschrieben werden: Kreativität, ästhetische Gestaltung, emotionale Intelligenz.

Zuweilen wirkt das Buch als käme es aus der Rubrik “Rat, Tat und Lebenshilfe” – nicht ganz zu unrecht. Gerne werden die großen Probleme unserer Zeit auf wenige Schlagworte verkürzt: Asia, Abundance, Automation. Immerhin bekommt der Leser aber den Hinweis, dass eine solche Schlagworttrias repräsentativ zu verstehen sei.

Nach der Antwort, der Problemanalyse und der Fragestellung liefert der Autor dann im zweiten und größeren Teil des Buches seine Auflistung von Kernkompetenzen, mit denen der Leser in der Welt der Glablisierung wirtschaftlich erfolgreich werden kann. Dazu gehören u.a. Symphaty, Story und Design.

Zeitweise konnte ich nicht unterdrücken, dass sich meine Augenbrauen beim Lesen nach oben zogen, etwa wenn der Autor seinen Besuch bei einem Lachclub in Indien ziemlich unreflektiert beschreibt und hinterher seinen Lesern empfiehlt. Witzig war auch der Verweis auf eine wissenschaftlichen Untersuchung, die von der Zeitschrift Nature durchgeführt worden sei. Etwas mehr Sorgfalt beim Schreiben hätte dem Autor hier vielfach den Vorwurf erspart, methodisch nicht sauber genug gearbeitet zu haben.

Von diesen Schwächen abgesehen war das Buch aber trotzdem interessant zu lesen.