Archive for February, 2009

Günter Schulte – Neuromythen

Thursday, February 12th, 2009

Vor einigen Jahren bei einer Sammelbestellung beim Verlag 2001 angeschafft lag dieses Buch seither ungelesen in meinem Regal. Beim Schmökern in Nietzsches Werken fand ich in seinen Unzeitgemäßen Betrachtungen den Hinweis an seine Kollegen, sie sollten lieber eigene Gedanken zu Papier bringen statt immer nur die Klassiker wiederzukäuen. Günter Schulte – Philosophie-Professor in Köln – hat sich das getraut und seinen Beitrag zur philosophischen Diskussion über die Neurowissenschaften versucht.

Man kann das Buch auf mindestens zwei verschiedene Arten lesen.

Tor 1: Als einen Aufsatz zur Diskussion um die Neurowissenschaften, in guter Deutscher Gelehrtenmanier. Dazu gehören die Besprechung einschlägiger Quellen wie der Bibel aber auch Immanuel Kants; dem Zeitgeist geschuldet dürfen natürlich auch moderne naturwissenschaftliche Quellen nicht fehlen, um den Anschein eines Diskurses zwischen der Philosophie auf der einen und den Naturwissenschaften auf der anderen Seite zu wahren.

Tor 2: Mehr kann man bei der Lektüre gewinnen, wenn man den Aufsatz als Parodie liest auf zahlreiche Beiträge der Gegenwartsphilosophie zu naturwissenschaftlichen Themen. Beispiel gefällig: Der Mensch hat sich entwickelt durch Gehirnkannibalismus. In diesem Verständnis werde ich jetzt ein paar Kerngedanken zusammenfassen.

Im Vorwort stellt Schulte zunächst selbst fest, dass es in der Wissenschaft zunächst einmal zwei Kulturen gebe: die der Naturwissenschaften und die der Philosophie. Mit dem Verweis auf eine Veröffentlichung von Brockmann von 1996 löst er dieses Problem aber im Handumdrehen. Brockmann wird hier so zitiert, als sei die Lösung mit Beginn des dritten Jahrhunderts aber schon da. Nun gebe es eine “dritte Kultur”, in der sich Naturwissenschaftler, Philosophen und sonstige Geisteswissenschaftler vereinigt hätten. Hier wird auf eine Quelle verwiesen ohne ihre Belastbarkeit zu untersuchen oder auch nur anzudeuten. Trotzdem wird die Aussage der Quelle fortan als Wahrheit verwendet. Dass es viel Evidenz dafür gibt, dass der Diskurs zwischen Philosophie und Naturwissenschaften bis heute kaum statt findet, wird verschwiegen.

Hier sei beispielhaft – und sicherlich auch verkürzt – der Gedankengang aus dem zweiten Kapitel zusammengefasst, um ein paar weitere Besonderheiten der Argumentation aufzuzeigen. Die These – und auch hier beruft sich Schulte auf andere Autoren – lässt sich so zusammenfassen: Die biblische Schöpfungsgeschichte kann auch als eine Geschichte von Kannibalismus, genauer Gehirnkannibalismus (sic!), interpretiert werden. Und weiter (ich zitiere wörtlich von S.56): “Der Mensch entstand durch Gehirnkannibalismus. [...] Wir haben nun gesehen: Die Bibel hat im Prinzip nichts dagegen.” Die Argumentation läuft in etwa so ab: Der homo sapiens sapiens könnte sich durch Gehirnkannibalismus entwickelt haben. Das ist originell aber höchstens unwahrscheinlich. Die umständliche Interpretation der biblischen Genesis liefert – in Sachen logischer Notwendigkeit oder nur Evidenz betrachtet – zwar keinen Widerspruch aber eben auch keine Unterstützung.

Eine krude Theorie indirekt mit der Uminterpretation einer Mythensammlung sehr zweifelhafter Herkunft zu stützen ist absurd.

Im folgenden werden alle möglichen Indizien – und seien sie auch noch so abwegig – zusammengeklaubt und der Theorie vom Gehirnkannibalismus einverleibt.

Als Parodie gelesen kann man viel darüber lernen, mit welchen quacksalberischen Methoden hier aller möglicher Unsinn publiziert wird.

Leo Perutz – Der schwedische Reiter

Wednesday, February 11th, 2009

Perutz beschreibt – zeitweise mit romantischem Stil, manchmal modern – die Geschichte eines namenlosen Diebes und eines Adligen, die im frühen 18. Jahrhundert ihre Identitäten tauschen.

Der Dieb versucht und gewinnt sein Glück als vorgeblicher Adliger. Er heiratet die Frau die er liebt. Nach sieben Jahren ist die Zeit des Glücks jedoch vorbei und die beiden müssen wieder ihre Rollen tauschen.

Für mich etwas befremdlich waren die längeren Selbstmonologe der Protagonisten, die Perutz dafür nutzt, ihren inneren Geisteszustand und die gedanklichen Bahnen zu schildern, auf denen er sich entwickelt.

Insgesamt wirkt der Roman manchmal etwas zu konstruiert. Zahlenmystik begenet dem Leser mehr als einmal: sieben Jahre dauert das Glück des Diebes als Adliger, dreimal treffen sich die Helden in der Mühle des toten Müllers um ihr Schicksal zu ändern, dreimal taucht das Motiv des namenlosen Toten auf. Auch die Sprache, besonders die der wörtlichen Rede, wirkt mitunter sehr gekünstelt. Auf der anderen Seite vermittelt sie das (naive) Gefühl, im frühen 18. Jahrhundert bei den Charaktären des Romans zu sein.