Archive for November, 2008

W.G. Seebald – Austerlitz

Friday, November 28th, 2008

Mit insgesamt vielleicht vier Absätzen auf gut 400 Seiten beschreibt Seebald hier die Geschichte der fiktiven Person Austerlitz. Jüdischer Abstammung lebte er die ersten vier Jahre in Prag. 1938, so kann er später rekonstruieren, wurde er nach England geschickt, wo er im Haus eines Predigers aufgenommen und aufgezogen wird. Auch wenn er dort nie schlecht behandelt wurde, so bekam er doch die seelische Kälte seiner Stiefeltern zu spüren. Seine Stiefmutter stirb zuerst, sein Stiefvater während seines letzten Schuljahres. Seine Herkunft hat er zu diesem Zeitpunkt fast vergessen und die verbleibenden Erinnerungen erfolgreich verdrängt. Anlässlich der Einweisung seines Vaters in eine geschlossene Einrichtung kurz vor dessen Tod wird Austerlitz zum Rektor des Internats gerufen, der ihm als erster offenbart, wie er wirklich heißt.

Fortan lebt Austerlitz ein Leben auf der Suche – der Suche nach seiner Herkunft, seinen Eltern und einem Ort, zu dem er sich zugehörig finden kann. Er reist quer durch Europa, treibt architektonische Studien und trifft schließlich auf sein Kindermädchen aus der Prager Zeit. Wirklich heimisch wird er jedoch nirgends, nicht in Ländern und nicht bei Menschen.

Einzig aufgelockert durch einige Fotos zieht sich der Text bis auf wenige Ausnahmen ohne Absätze über hunderte von Seiten dahin. Der lieblose Drucksatz der Süddeutschen Bibliothek macht sich dadurch bemerkbar, dass sich immer wieder noch Trennzeichen mitten in den Zeilen finden. Aber auch ohne die typographischen Mängel gehört Seebald nicht zu den Autoren, mit denen ich mich verstärkt beschäftigen möchte.

Nadine Gordimer – Niemand der mit mir geht

Monday, November 24th, 2008

Dieser Roman hat als geschichtlichen Rahmen die jüngere Geschichte Süd-Afrikas, dem Ende des Apartheit-Regiemes und den Aufbau eines neuen Staates unter Beteilugung aller Ethnien des Landes. Die Geschichte entwickelt sich entlang der fiktiven Biographie der Juristin Vera Stark, die sich als Weiße in einer Bürgerrechtsbewegung für die Rechte Schwarzer bei Landenteignungen einsetzt. Zu ihren Freunden zählen auch alte Untergrundkämpfer der schwarzen Widerstandsbewegung, die die neuen Politiker werden.

Vor diesem Hintergrund schreibt Gordimer eine sehr perönliche Geschichte der Ereignisse. Familiäre Probleme, zunächst ihre Liebhaber und später das faktische Zerbrechen ihrer zweiten Ehe bringen den Fokus auf die Frage, wie Beziehungen besser nicht beschaffen sein sollten, wenn sie wirklich dauerhaft sein sollten. Ein längerer Abschnitt handelt auch von einem ihrer engsten Freunde, über den nach einiger Zeit herauskommt, dass er während seiner Zeit im Widerstand Gefangene im Auftrag der Widerstandsbewegung gefoltert hat. Hier versteht Gordimer es, den Blick auf die Sachlage aus sehr verschiedenen Richtungen zu werfen.

Javier Marías – Alle Seelen

Thursday, November 20th, 2008

Der spanische Autor Marías schreibt in erster Linie über seine Erfahrungen aus seinem zweijährigen Gastaufenthalt an der Universität Oxford. Anekdotenreich gibt er die Absurdität des salbungsvollen Lebens dort wieder, ihren Anachronismus und ihre ganz eigenen Bräuche. Er schreibt aber auch über die Liebe, die zu seiner Geliebten in England, aber auch die zu seiner jetzigen Frau und dem gemeinsamen Kind. Als anderes großes Thema fügt er Reflektionen über den Tod hinzu, seine eigene endliche Existenz und die seiner Freunde, von denen zum Zeitpunkt der Niederschreibung 2/3 gestorben sind.

Eigentlich sind 200 Seiten für eine Beschreibung des Lebens in Oxford, die Liebe und den Tod ziemlich knapp. Eine ausführliche Beschreibung aller dreier kann deshalb wohl niemand ernstlich erwarten. Aber die Dichte und Tiefe, mit der er Anekdoten und philosophische Gedanken über Endlichkeit – der Liebe wie des Lebens – aneinanderreiht, ist schon beeindruckend.