Archive for September, 2008

Franz Werfel – Eine blaßblaue Frauenschrift

Monday, September 29th, 2008

Werfel beschreibt in einem rel. kurzen Roman eine fiktive Episode aus dem Leben des Emporkömmlings Leonidas Tachezy. Aus einfachsten Verhältnissen hat er sich zu einem der mächtigsten Beamten im Österreich der 1930er Jahre hinaufgearbeitet. Mit dem Frack von einem Komilitonen, der sich im Studentenwohnheim erschossen hat, fand er Zugang zu Festbällen und höheren Gesellschaftsschichten. Dort lernte er auch seine zukünftige Frau kennen, eine der reichsten Erbinnen Österreichs, die sein berufliches Leben seither mit Luxus versüßt.

Doch unter dieser glänzenden, zumeist bis zur Selbstverliebtheit selbstzufriedenen Oberfläche gärt es. In Wirklichkeit hatte Leonidas in den knapp 20 Jahren seiner Ehe etwa 10 Seitensprünge, so genau kann er sich an die Zahl aber auch nicht mehr erinnern. Darunter ist auch eine Frau aus seinem früheren Leben, die Tochter des jüdischen Arztes, bei dem er zu seiner armen Studentenzeit als Hauslehrer engagiert war und in die er sich damals unsterblich verliebt hatte. In den Jahren seiner Hauslehrertätigkeit konnte er nicht bei ihr landen, doch nach seiner Heirat und bereits in hohem Posten gelingt es ihm, sie zu verführen.

18 Jahre später, die Geschichte ist fast vergessen, erhält er einen Brief von ihr, in dem sie ihn bittet, einen 17-jährigen jungen Mann zu protegieren, der in Deutschland “aus bekannten Gründen” zur Zeit nicht auf’s Gymnasium gehen kann. Leonidas Selbstzufriedenheit zerbricht zu einem Scherbenhaufen, er bangt, dass er neben seiner kinderlosen glänzenden Ehe nun doch einen Sohn hat, der alles zerstören wird. Nur mühsam kann er sich beherrschen und muss mit Schrecken feststellen, dass sein nach außen glänzendes Leben hohl ist.

Bruce Chatwin – Traumpfade

Tuesday, September 23rd, 2008

Chatwin dürfte unter seinen Schriftstellerkollegen bereits viel Neid ausgelöst haben. Wie kaum ein anderer ist er durch die ganze Welt gereist. Er hat mit unterschiedlichsten Völkern zusammen auf allen fünf Kontinenten gelebt und seine Erfahrungen zu einer Reihe von Büchern kondensiert. Dabei findet er ein schönes Gleichgewicht von vielen zum Teil urkomischen Anekdoten, vielen hintergründigen Geschichten aber auch wohl überlegten Gedanken, die weit über die unmittelbaren Erfahrungen hinausreichen.

In den Traumpfaden beschreibt er die sog. Songlinges der australischen Ureinwohner. Die Aborigines (TODO: schreibweise) bewegen sich an Hand alter, von ihren Ahnen überlieferter Lieder durch ihr Land. Die Lieder enthalten einerseits mythologische Geschichten über die Entstehung des Landes, andererseits aber auch konkrete Gehanweisungen für den Wanderer, die freilich nur die Aborigines (TODO) verstehen. Mit dieser Technik, so Chatwin, war es möglich, den riesigen australischen Kontinent ohne Landkarten und Wegweise, vielfach auch ohne die Sprache des lokalen Stammes zu sprechen, zu durchwandern.

In der zweiten Hälfte scheint ihm die Kraft der Erzählung als bindendes Glied zwischen seinen einzelnen Gedanken abhanden gekommen zu sein und er reiht über zig Seiten einfach nur Notizen aneinander, die er sich zu einem Thema gemacht hat, das ihn offenbar über einen langen Zeitraum beschäftigt hat: Der Gedanke, dass das Nomadentum für den Menschen schlichtweg konstitutiv sei. Aus diversen Bereichen der Wissenschaft zieht er Untersuchungsergebnisse heran, die belegen sollen, dass der Mensch zur Wanderung und nicht zum sesshaften Leben geboren sei. Dazu gehört etwa der Säugling, der aufhört zu weinen, wenn er von der Mutter auf den Arm genommen und umhergetragen wird. Auch soziologische Untersuchungen führt er an, nach dem als nomaden lebende Stämme friedlicher und ausgeglichener seien als solche, die sich permanent an einem Ort niedergelassen haben.

So sehr ich selbst die Lust nach dem Leben in anderen Ländern in mir spüre – und nach Kräften auslebe :-) – so unschlüssig bleibt seine Argumentation dennoch für mich. Und das aus einem sehr banalen Grund, der ebenso wenig zwingend ist wie seine Argumentation, damit aber die gleiche argumentative Stärke besitzt: Die Tatsache, dass er diese (vielfach romantischen) Gedanken aufschreiben kann verdankt er der Tatsache, dass die Menschen sesshaft geworden sind. Unter Nomaden wird sein Buch kaum Verbreitung finden. Nicht, weil der Inhalt nichts neues für sie wäre (Punkt für Chatwin) sondern weil sie das Lesen von Büchern wie dem seinen als bedeutende Art der Gedankenvermittung weder kennen noch von anderen Völkern importieren oder importieren wollen. Von der Technik der Buchdruckerei ganz abgesehen.

Sein Kerngedanke erscheint mir deshalb ähnlich zu den romantischen Remineszenzen (TODO: Schreibweise) eines gut ausgebildeten und finanziell abgesichterten Intellektuellen, wenn er vom einfachen und mit der Natur im Einklang stehenden einfachen Leben philosophiert. Wenn das wirklich so verlockend wäre, könnte er es ja von heute auf morgen realisieren…

Franz Werfel – Die Vierzig Tage des Musa Dagh

Tuesday, September 23rd, 2008

Franz Werfel – Die Vierzig Tage des Musa Dagh

Werfel beschreibt in diesem Roman den Genozid der Türken an den Armeniern während des ersten Weltkriegs. Minutiös hat er recherchiert und verwebt historische Tatsachen im Rahmen der Familiengeschichte der Bagradians zu weit mehr als einer bloßen geschichtlichen Schilderung – die allein freilich schon Beachtung verdient hätte.

Fer Fokus der Erzählung ist auf der Geschichte von sieben armenischen Dörfern mit insgesamt ca. 6000 Einwohnern. Zunächst nur durch Gerüchte von Greultaten, die an anderen entfernten Dörfern verübt wurden, wenig später dann aber auch durch eine offizielle Verlautbarung erfahren sie, dass sie umgesiedelt werden sollen. Die offiziellen Stellen lassen bei dieser Nachricht wenig Zweifel daran, dass sie nicht lange fackeln werden und die Armenier unter Aufsicht von Armee und Polizei aus ihren Döfern vertreiben werden. Das Ziel ist die Wüste; den meisten ist bereits vor der Vertreibung klar, dass sie dort verhungern oder Krankheiten erliegen werden.

Die sieben Döfer am Fuße des Berges Musa Dagh entschließen sich mehrheitlich, dem Vorschlag von Gabriel Bagradian Folge zu leisten und auf dem für die Armenier strategisch günstigen Berg Schutz vor den Türken zu suchen. Werfels Geschichte rühmt auf weiten Strecken den Mut und die kriegerische Tapferkeit dieses Häufleins von Bauern und Handwerkern, denen es – so Werfels Beschreibung – gelingt, die Türken über 40 Tage nicht auf den Berg zu lassen und drei Angriffe von gut Ausgerüsteten türkischen Soldaten, die zudem noch in der Überzahl waren, zurückzuschlagen.

Am Ende werden die meisten Armenier von französischen Kriegsschiffen gerettet. Bagradian, ihr militärischer Anführer, bleibt auf dem Berg zurück.