Franz Werfel – Eine blaßblaue Frauenschrift
Monday, September 29th, 2008Werfel beschreibt in einem rel. kurzen Roman eine fiktive Episode aus dem Leben des Emporkömmlings Leonidas Tachezy. Aus einfachsten Verhältnissen hat er sich zu einem der mächtigsten Beamten im Österreich der 1930er Jahre hinaufgearbeitet. Mit dem Frack von einem Komilitonen, der sich im Studentenwohnheim erschossen hat, fand er Zugang zu Festbällen und höheren Gesellschaftsschichten. Dort lernte er auch seine zukünftige Frau kennen, eine der reichsten Erbinnen Österreichs, die sein berufliches Leben seither mit Luxus versüßt.
Doch unter dieser glänzenden, zumeist bis zur Selbstverliebtheit selbstzufriedenen Oberfläche gärt es. In Wirklichkeit hatte Leonidas in den knapp 20 Jahren seiner Ehe etwa 10 Seitensprünge, so genau kann er sich an die Zahl aber auch nicht mehr erinnern. Darunter ist auch eine Frau aus seinem früheren Leben, die Tochter des jüdischen Arztes, bei dem er zu seiner armen Studentenzeit als Hauslehrer engagiert war und in die er sich damals unsterblich verliebt hatte. In den Jahren seiner Hauslehrertätigkeit konnte er nicht bei ihr landen, doch nach seiner Heirat und bereits in hohem Posten gelingt es ihm, sie zu verführen.
18 Jahre später, die Geschichte ist fast vergessen, erhält er einen Brief von ihr, in dem sie ihn bittet, einen 17-jährigen jungen Mann zu protegieren, der in Deutschland “aus bekannten Gründen” zur Zeit nicht auf’s Gymnasium gehen kann. Leonidas Selbstzufriedenheit zerbricht zu einem Scherbenhaufen, er bangt, dass er neben seiner kinderlosen glänzenden Ehe nun doch einen Sohn hat, der alles zerstören wird. Nur mühsam kann er sich beherrschen und muss mit Schrecken feststellen, dass sein nach außen glänzendes Leben hohl ist.