Monika Maron – Stille Zeile Sechs
Saturday, August 23rd, 2008Maron schreibt eine Geschichte über die nicht mehr ganz junge Frau Rosalind Polkowski in der DDR der 1980er Jahre. Eines Tages entschließt sich Polkowski nicht mehr weiter ihre Gedankenzeit im historischen Institut zu verkaufen, wo sie bislang über die Geschichte der Arbeiterbewegung im Auftrag der DDR-Regierung geforscht hat. Stattdessen will sie die gewonnene intellektuelle Freiheit dazu verwenden, sich selbst weiterzuentwickeln.
In einem Café trifft sie auf den ehemaligen Funktionär Beerenbaum, der eine Schreibkraft sucht, die ihm seine Biographie aufschreibt, weil seine eigene rechte Hand seit einem Schlaganfall mehr oder weniger gelähmt ist. Zur Bedingung macht sie, dass er nur ihre Arbeitskraft, nicht aber ihre Geist gegen die Entlohnung erhält. Beerenbaum versucht durch Fragen immer wieder, sie während der Diktate mit in seine Gedanken und Geschichte einzubeziehen, und schließlich beginnt sie sich mit ihm auseinanderzusetzen. Sie bringt in Erfahrung, dass er vor langer für die Demission eines ihrer Freunde von der Universität gesorgt hat, der einem befreundeten Republikflüchtling nach dessen überstürzter doch geglückter Flucht seine Dissertationsschrift in den Westen nachgeschickt hatte.
Polkowski beginnt – gegen ihren Willen – ihren Arbeitgeber zu hassen und ihm kritische Fragen zu stellen. Es kommt zu mehreren Konflikten, die beide – Beerenbaum und Polkowski – sehr mitnehmen. Sie trägt sich mit Gedanken an Gewalttätigkeiten, die sie am liebsten gegen ihn verüben würde, doch es kommt nicht dazu. Die Treffen mit Beerenbaum und die gedankliche Auseinandersetzung mit ihm bringen beide an ihre Grenzen und darüber hinaus.
Beim letzten großen Streit erleidet Beerenbaum einen Herzanfall und verstirbt kurz darauf. Trotz allem wird auch sie an seinem Grab stehen. Nicht aus spätem Mitleid, nicht aus purer Freude über seinen Tod, sondern sehr nachdenklich.