Archive for July, 2008

Orhan Pamuk – Rot ist mein Name

Wednesday, July 30th, 2008

Pamuk schreibt hier eine Geschichte der Buchillustratoren-Kunst des nahen Ostens in Romanform. Facettenreich und schillernd nimmt er den Leser mit in eine ganz andere Welt, die Welt der Illustratoren, die eitel und eifersüchtig darauf aus sind, sich die Gunst ihrer Meister und die Unterstützung ihrer mächtigen Auftraggeber, der Schahs und Paschas zu bewahren.

Seine Erzähltechnik ist dabei ganz anders, als ich es gewohnt bin. Statt eines allwissenden Beobachters oder eines Icherzählers darf hier zur Abwechslung jeder der Akteure mal in die Rolle des Icherzählers und gleich darauf wieder in die des lediglich von außen betrachteten Handelnden schlüpfen. Allein diese Erzähltechnik macht das Buch schon lesenswert. Wenn die Monade schon keine Fenster hat, so muss der Leser halt in sie hineinschlüpfen.

Pamuk wendet diese Erzähltechnik auch in schelmischer Weise an, etwa wenn er den ermordeten Illustrator auch nach seinem Ende, das er in einem alten Brunnen findet, noch weitererzählen lässt. Oder wenn gar die Karrikatur in einem beliebten Kaffeehaus selbst zu sprechen beginnt.

Zur gleichen Zeit ist Pamuks Roman auch eine Kriminalgeschichte, die sich um die Aufklärung des Mordes dreht, eine Liebesgeschichte zwischen Seküre und Kara, der von seinem ehemaligen Oheim nach 12 Jahren aus der Fremde gerufen wird, um die Arbeit an einem Buch für den Pascha zuende zu bringen, ein historischer Roman über die Buchillustrationskunst und nicht zuletzt auch ein kunsthistorischer Roman, der die verschiedenen Darstellungstechniken in Morgen- und Abendland gegenüberstellt.

Oliver Sacks – Musicophilia

Monday, July 28th, 2008

Der Autor beschreibt verschiedene Arten von “unnormalen” menschlichen Reaktionen auf Musik. Dazu gehört ebenso eine stark gesteigerte Musikalität wie etwa beim Williams Syndrom, einer genetischen Anomalität, wie auch das plötzliche Verschwinden jeglicher Empfindsamkeit für Musik wie z.B. bei Infarkten in bestimmten Hirnregionen.

Sacks zeigt anhand unzähliger Beispiele aus seiner eigenen Praxis, durch Referenz auf die offenbar umfangreiche einschlägige Literatur und nicht zuletzt durch Excerpte aus seiner Korrespondenz mit Betroffenen weltweit, dass die Empfänglichkeit für Musik nicht etwa nur die zufällige Leidenschaft einiger Menschen ist – so wie die Vorliebe für ein bestimmtes Parfüm – sondern grundlegend konstitutiv für Menschen ist. Zwar ist Musikalität bei Menschen sehr unterschiedlich stark ausgebildet, trotzdem gehört die Identifikation eines Rhytmus, das Erfassen einer Melodie zum Grundrepertoir jedes Menschen. Diese Eigenschaft kommt im übrigen nur den Menschen zu, auch höhere Säufetiere besitzen sie nicht.

Leider wirkt das Buch ein bisschen zu stark kompilatorisch. Manchmal war mir beim Lesen, als hätte Sacks von überall her seine Notizen zusammengesucht, die er sich im Laufe seiner professionellen Tätigkeit als Neuropsychiater zum Thema Musik gemacht hat, um sie alle in einem Buch zusammenzutragen. So wirkt das Buch manchmal mehr wie ein Sammelsorium und nicht wie aus einem Guss.

Horst-Eberhard Richter – Die Chance des Gewissens

Friday, July 4th, 2008

Richer, Deutschlands wohl bekanntester Psychoanalytiker der Nachkriegszeit und viel beachteter Mahner der Zivilgesellschaft, fasst in diesem Band in einer Art intellektueller Autobiographie wichtige Gedanken und Initiativen seines Lebens zusammen. So spröde der Schreibstil manchmal ist, so interessant sind doch die Gedanken, die Richter vorführt. Beeindruckend ist auch, mit wie vielen unterschiedlichen Themen er sich auseinander gesetzt hat, wieviel Kontakt und Einfluss er in diversen Komissionen und auf unterschiedliche Spitzenpolitiker hatte.