Wolfgang Hildesheimer – Marbot. Eine Biographie
Tuesday, June 17th, 2008Hildesheimer schreibt die Biographie eines vorgeblich bis dahin weitgehend unbekannten, sicherlich aber unterschätzten britischen Kunstkritikers des 19. Jahrhunderts. Andrew Marbot traf mit vielen der geistigen Größen seiner Zeit zusammen, u.a mit Goethe und Schopenhauer. Mit ungeheurer Akribie scheint Hildesheimer durch die Archive gezogen zu sein, hat alte Briewechsel gesichtet und geschwärzte Passagen aus historischen Dokumenten wieder lesbar gemacht. Allein, so wahr die Details der Personen sind, auf die Marbot trifft, er selbst ist bloße Fiktion.
Hildesheimer bedient sich seiner und des literarischen Genres der Biographie lediglich als Stilmittel. Er schreibt eine Art Meta-Biographie, eine Biographie, wie sie sein sollte. Danach sollten Fakten stets deutlich markiert unterschieden werden von den Überlegungen und Interpretationen des Biographen.
Und an ein weiteres schwieriges Thema wagt sich Hildesheimer hier heran, nämlich die Auseinandersetzung mit dem Inzest zwischen Mutter und Sohn, am beispiel von Marbot und seiner Mutter. Er exemplifiziert die moralische Instanz der Kirche in Form des Paters und Hauslehrers van Rossum, der Marbots Lehrer und enger Vertrauter war.
Und ein weiteres schwieriges Thema wird aufgenommen: das des Suizids. Marbot bringt sich zu dem Zeitpunkt um, zu dem er erkennen muss, dass ihm im Rahmen seiner begrenzten kreativen Möglichkeiten nicht weiter zu schaffen bleibt. Lange sieht er diesen Tag voraus un tritt still ab.
Die Art, wie Hildesheimer diese schwierigen Themen bearbeitet, ist an sich beeindruckend. Zuweilen scheint er den Stil der Biographie aber dann doch zu genau zu kopiert haben, nämlich immer dann, wenn der Textfluss gar zu schulmeisterhaft wird und ohne die strenge Stilvorgabe leichter zu rezipieren geweseb wäre. Trotzdem ein gelungenes Experiment.