Archive for May, 2008

Ingeborg Bachmann – Malina

Tuesday, May 27th, 2008

Das war mein erster Roman von Ingeborg Bachmann und mit ziemlicher Sicherheit auch mein letzter. Selten hatte ich derartige Mühe mit dem Stil zurecht zu kommen oder wenigstens ansatzweise zu verstehen, worum es geht.

Die Protagonistin lebt im Wien der – schätzungsweise – 1960er oder 1970er Jahre. Sie wohnt mit Malina im 3. Wiener Bezirk, genauer in der Ungargasse, ihrem Ungargassenland. Während sie mit Malina zusammenlebt liebt sie Ivan abgöttisch, der nur ein paar Häuser weiter wohnt. Doch irgendwie haben diese beiden Beziehungen etwas schizophrenes – wenn auch nicht im ursprünglichen Gebrauch des Wortes: Mit Malina wohnt sie zusammen, er gibt Acht auf sie, sie kann ihren Kopf in seine Hand legen, um etwas Ruhe zu finden nach schlaflosen Nächten. Er ist ihr mehr der väterliche Freund, der ihr auch einmal etwas verbietet.

Derweil ist Ivan ihr angebeteter. Sie liebt ihn abgöttisch, meint ohne ihn nicht leben zu können. Doch die beiden treffen sich nie, obwohl Ivan durchaus auch zu Besuch in Malinas Wohnung kommt. Immer ist Ivan gerade gegangen, wenn Malina nach hause kommt.

Lediglich am Schluss wird dieses Muster durchbrochen, als Malina einen Anruf von Ivan entgegennimmt und am Telefon sagt, die verlangte Frau lebe hier nicht und habe hier auch nie gelebt.

Die Darstellungsform ist auch nicht immer einfach zu verdauen: Wörtliche Rede, im Schriftsatz dargestellt wie bei einem Theaterstück, wechselt sich mit Fließtext ab. Für mich ist inhaltlich kein Bruch zwischen den Inhalten beider Statzformen erkennbar, die Wahl wirkt willkürlich.

So undeutlich wie für die Erzählerin bleibt auch für den Leser, ob sie nun gerade fantasiert oder “reales” erlebt. Vielleicht will die Autorin zeigen, wie verschwindend schmal diese Grenze sein kann. Ich habe das nie so erlebt, folglich kann ich nur darüber spekulieren, ob ihr das gelungen ist.

Für mich war das dann wohl das letzte Buch von Bachmann.

Mario Vargs Llosa – Lob der Stiefmutter

Friday, May 16th, 2008

Der peruanische Schriftsteller Llosa beschreibt eine eigentlich harmlose Ausgangssituation: Vater, Sohn und Steifmutter leben in trauter Eintracht zusammen. Zunächst hatten Vater wie Stiefmutter Sorge, dass der Sohn die Stiefmutter nicht akzeptieren würde, doch diese Sorgen zerstreuen sich am 40. Geburtstag der Stiefmutter, an dem sie einen liebevollen Brief vom Stiefsohn erhält, in der er sie seiner Zuneigung und Verehrung versichert.

Das gerade erst verheiratete Ehepaar genießt Nacht um Nacht die Freuden der Körperlichkeit, die der Vater jeden Abend durch eine Art Waschungsritual vorbereit. Das Familienidyll bekommt einen ersten Riß, als herauskommt, dass der Stiefsohn der Mutter beim Baden zuschaut. Sie straft ihn durch Nichtachtung, der zehnjährige revanchiert sich mit einer Selbstmorddrohung. Sie lenkt ein und die Beziehung zwischen den beiden wird inniger den je. So innig, dass der Sohn ihr Liebhaber wird – eine Situation, in die sie in einem Traumhaften Zustand hineinrutscht, die ihr aber nur wenig Gewissensbisse und dafür um so mehr Genuss und Wohlbefinden verursachen.

Zunächst seint alles gut zu gehen, die Beziehungen zwischen den dreien festigen sich sogar noch. Doch eines Tage gesteht der Sohn dem Vater die Geschichte durch einen Schulaufsatz, den er “Lob der Stiefmutter” betitelt hat und in dem er im Detail die körperliche Beziehung zur Stiefmutter schildert. Dem Vater bleibt zunächst die Spucke weg, kurz darauf jagt er die Frau aus dem Haus.

Der Roman endet damit, dass der Sohn dem Zimmermädchen scherzhaft seine Liebe gesteht und behauptet, er hätte das alles nur für sie getan, um mit ihr und dem Vater allein im Hause zu sein.

Die Person des Sohnes bleibt auch über den Schluss des Romans hinaus schillernd. Keinem der Protagonisten ist klar, ob er nun ein kleiner Teufel oder ein Engel ist, ob er die Beziehung zur Stiefmutter absichtsvoll im Voraus geplant hat, oder ob er mehr Opfer der Stiefmutter und der Umstände ist. Llosa versteht es, ihn mit einer Art magischen Wolke zu umgeben, die beide Schlüsse zulässt und zugleich keinen.

Marco Finetti, Armin Himmelrath – Der Sündenfall

Tuesday, May 13th, 2008

Es handelt sich bei diesem Buch im übertragenen Sinn um die Neuauflage der alten biblischen Geschichte, nur in einer anderen Domäne: Der Wissenschaft. Obwohl seit der Veröffentlichung wohl schon ein Jahrzehnt vergangen sein mag, hat es an seiner Aussage wenig eingebüßt. Allerdings merkt man deutlich, wie unter dem Eindruck des Betrugsfalls “Herrmann/Brach” geschrieben wurde, der 1997 für großes Medienecho sorgte. Damals wurde vielfach behauptet, dass dies der erste Betrugsfall in der modernen deutschen Wissenschaftsgeschichte gewesen sei. Die Autoren zeigen detailliert, aber niemals langatmig, dass hier der Wunsch Vater des Gedanken ist. Akribisch beschreiben sie Fälle aus den 1920er Jahren bis ans Ende des 20. Jahrhunderts, in denen plagiiert, manipuliert und Ergebnisse erfunden wurden.

Sie stellen diese Geschehnisse auch immer wieder in einen internationalen Zusammenhang, indem sie zeigen, wie im europäischen Ausland, aber auch in den USA mit ähnlichen Fällen umgegangen wurde und wird. Sie weisen darauf hin, dass überall Kontrollmechanismen installiert und Prozesse definiert wurden, wie bei dem Verdacht eines Betrugs in der Wissenschaft zu verfahren sei – nur nicht in Deutschland. Dort berief man sich bis Ende der 1990er Jahre darauf, dass es Betrug hierzulande “praktisch nicht gebe”, folglich keine Regelungen dazu brauche und überhaupt die Wissenschaft ihr Recht auf Selbstbestimmung behalten müsse.

Bereits Ende der 90er Jahre haben sie die Tendenz ausgemacht, dass sich in neuer Beruf innerhalb der Wissenschaft entwickelt: der des Wissenschaftsmanagers. Er ist auf Grund der komplizierten Beantragungsverfahren ausschließlich damit beschäftigt, Forschungsanträge zu schreiben und kommt kaum oder gar nicht mehr dazu, selbst zu forschen. Zehn Jahre später ist diese Position schon selbstverständlich geworden, Forschung schon nicht mehr ohne sie denkbar.

Ernest Hemmingway – For Whom the Bell Tolls

Saturday, May 10th, 2008

Hemmingway beschreibt in diesem Roman das Leben und die Eindrücke eines Partisanen, der im spanischen Bürgerkrieg der 1930er Jahre hinter den Linien des Feindes gegen die Faschisten kämpft. Eigentlich werden auf den knapp 500 Seiten nur 4 Tage aus dem Leben des amerikanischen Spanisch-Dozenten Robert Jordan beschrieben, die dafür aber ungeheuer dicht.

Jordan verliebt sich zum ersten Mal in seinem Leben so richtig in ein Opfer des faschistischen Terrors, das von einer Partisanengruppe befreit wurde und nun mit ihnen in den Bergen lebt. Jordan ist zu dieser Gruppe gestoßen, um mit ihnen zusammen eine strategisch wichtige Brücke zu sprengen. In nur wenigen Tagen gelingt es ihm das Vertrauen der Mehrheit der Bandenmitglieder zu gewinnen. Nicht jedoch ihres Anführers Pablo, dem als einzigen so richtig bewusst wird, dass Jordan mit dieser Aktion das Überleben des Rests der Gruppe bereitwillig für die Ziele des Krieges aufs Spiel setzt.

Hemmingway schildert eindrücklich die Gedanken und Gewissensbisse, aber auch die Gefühle und Hoffnungen aus dieser sehr privaten Perspektive auf den Bürgerkrieg. Am Schluss endet die Aktion so, wie er es sich vorher ausgemalt, vielleicht sogar gewünscht hat: Die Brücke wird erfolgreich gesprengt, er aber auf der Flucht so schwer verletzt, dass er sich entschließt, zurückzubleiben und im direkten Kampf zu sterben. Auch wenn mein letzter Satz etwas pathetisch klingt: Hemmingway gelingt es, stehts einen gesunden Abstand vom Pathos zu behalten.