Archive for December, 2007

Anthony Burgess – Uhrwerk Orange

Friday, December 28th, 2007

Burgess schreibt mit Uhrwerk Orange eine düstere Dystopie von einer Gesellschaft, in der zwischen Eltern und Kindern keine Verständigung mehr möglich ist. Während die Elterngeneration per Gesetz gezwungen ist zu arbeiten vertreiben sich die Jugendlichen ihre Zeit vollgepumpt mit Drogen mit Vandalismus, gewalttätigen Übergriffen und Vergewaltigungen.

Die Geschichte wird aus Sicht des Antihelden Alex erzählt, dem Anführer einer Vierköpfigen Bande, die allabendlich auszieht, um sich an der eigenen Brutalität und dem Leiden ihrer Opfer zu berauschen. Burgess verdreht die üblichen Wertvorstellungen, indem er Alex sagen lässt, dass sich alle anderen für dsa Gute entschieden hätte, er aber nunmal für das Schlechte und das fortan für ihn normal sei.

Die Polizei sieht sich außer Stande, die Straßenbanden unter Kontrolle zu bekommen und so kommt das öffentliche Leben nach Einbruch der Dunkelheit weitgehend zum Erliegen. Wer dennoch unterwegs ist läuft Gefahr, von Alex und seiner Bande überfallen zu werden.

Bei dem Überfall auf das Haus einer alten Dame tötet Alex die Hausbesitzerin in einem Handgemenge und wird von seinen Kumpanen an die Polizei verraten. Er kommt ins Gefängnis, das wie alle anderen Gefängnisse auch, vollkommen überlastet ist. Er ist einer der ersten, die an einem neuen Programm der Regierung zur Rehabilitierung von Gewaltverbrechern wie Alex teilnehmen. Die Behandlung besteht in der Gabe von Medikamenten, die beim Betrachten von gewalttätigen Filmszenen zu starker Übelkeit und Schmerzen führen. Burgess hat sich wohl eine Art von Konditionierung vorgestellt, wobei der Wirkmechanismus nicht so ganz klar wird. Aber da es sich hier um einen Roman und nicht um ein psychologisches Werk handelt kann man das auch eigentlich vernachlässigen.

Die Konditionierung gelingt und Alex wird als “geheilt” entlassen.

Burgess behandelt in diesem Zusammenhang einige grundlegende philosophische Fragestellungen wie etwa die Frage, ob es nicht eigentlich den Menschen ausmacht, dass er sich entscheiden kann. Insbesondere, ob das Gute nicht erst dadurch gut wird, dass der Mensch sich aktiv dafür entscheiden muss wird vom Gefängnisseelsorger immer wieder gefragt.

Bei der Konditionierung wurde als Begleitmusik zu den Filmen immer klassische Musik gespielt, die Alex vorher sehr mochte. Natürlich mag er sie nach der Konditionierung eigentlich immer noch, nur löst sie jetzt zusätzlich eine starke negative Reaktion bei ihm aus. Zurück in der Freiheit hört sein Nachbar diese Musik und er springt aus dem Fenster, weil er seine eigene konditionierte Reaktion nicht länger ertragen kann.

Sein Fall wird publik und die öffentliche Meinung dreht sich gegen die Regierung, die einwilligt, ihn nochmal behandeln zu lassen, wodurch die Konditionierung aufgehoben wird. Alex ist wieder der alte. Er trifft jedoch einen seiner alten Bandenkumpanen, der inzwischen geheiratet hat und ihm seine Frau beim Kaffee vorstellt. Das ist der Zeitpunkt, zu dem Alex zu überlegen beginnt, ob er sich nicht selbst auch diese Geborgenheit wünscht. So endet die Geschichte mit einem Akt der Willensfreiheit.

Louis Begley – Lügen in Zeiten des Krieges

Sunday, December 16th, 2007

Begeley schreibt eine – vemutlich in weiten Teilen seine eigene – Geschichte, wie er als jüdisches Kind den zweiten Weltkrieg in Polen überlebt hat. Von seiner Tante versteckt und mit vielen Wirrungen quer durch Polen schaffen die beiden es immer wieder, Deportationen zu entgehen. Dabei lernt er von seiner Tante, sich bis zu einem Grad zu verstellen und einen katholischen polnischen Jungen zu spielen, dass er selbst fast schon nicht mehr weiß, was richtig und falsch, was gut und böse ist. Beim Vorbereitungsunterricht zur katholischen Erstkommunion erfährt er etwa, dass Lügen eine Sünde ist. Andererseits ist er unter den Nazis jeden Tag gezwungen zu lügen, um am Überleben zu bleiben. Diese Kluft vermag er lange Zeit nicht zu schließen.

Immer, wenn die beiden irgendwo Fuß gefasst haben, werden sie nach einiger Zeit trotz ihre gefälschten Papiere wieder als Juden erkannt und müssen ins nächste Provisorium fliehen. Als sie deportiert werden sollen und bereits auf einem großen Platz mit unzähligen anderen Juden zusammengetrieben worden sind ist seine Tante so kaltblütig beim Einsteigen in den Zug eine entrüstete polnische Frau zu spielen, die den Bahnhof durch die laufenden Deportationen vollkommen überfüllt vorfindet. Der Bluff gelingt und sie wird von einem deutschen Offizier mit einer Fahrkarte versorgt. Bei der nächsten Station steigen sie aus und können den Rest des Krieges verhältnismäßig unbehelligt auf dem Land verbringen.

Jaan Kross – Der Verrückte des Zaren

Sunday, December 16th, 2007

Jaan Kross schreibt die Geschichte eines seiner Vorfahren, der von seinem Freund, dem russischen Zaren, den Schwur abgenommen bekommen hat, immer die Wahrheit zu sagen. Irgendwann bittet der Zar ihn, einen Bericht über die Missstände in Russland zu verfassen, und das macht er dann auch – hne Rücksicht auf den Zaren.

Der Zar ist tief beleidigt, erklärt ihn für geistesgestört und wirft ihn in ein Verlies, ohne seiner Familie zu sagen, wo er sich befindet.

Auf Basis intensiver Recherchen zeichnet Kross in diesem historischen Roman die Lebensgeschichte seines Vorfahren nach, dem (belegtermaßen) Goethe ein Gedicht gewidmet hat und der in Lettland zahlreiche Freunde unter den Intellektuellen hatte.

Ricarda Huch – Der Fall Deruga

Saturday, December 8th, 2007

Die Handlung des Romans ist schnell erzählt. Deruga, Arzt und Lebemann, ist des Mordes an seiner geschiedenen Frau angeklagt. Die Erzählung behandelt die Geschehnisse im Gerichtssaal sowie die Gespräche Derugas und anderer am Prozess beteiligter zwischen den Verhandlungen.

Zunächst sieht es so aus, als hätte Deruga seine Ex-Frau wirklich umgebracht. Sie hat ihm ein großes Vermögen hinterlassen. Noch zu ihren Lebzeiten hatte er sich damit gebrüstet, dass er seine Ex-Frau beerben würde. Ausgerechnet zu der Zeit, als sie dann 17 Jahre nach der Scheidung stirbt war er allein verreist. Eine Obduktion erbringt, dass sie durch Gift und nicht wie zunächst vermutet eines natürlichen Todes gestorben ist.

Ricarda Huch entwickelt in diesem Rahmen eine bissige Kritik an der Psychoanalyse Freuds, mit der einer der Anwälte und der Richter Deruga beizukommen versuchen und sich zu abstrusen Einschätzungen seines Seelenlebens hinreißen lassen. Aber auch die Frage, ob die Tötung auf Verlangen legitim und ethisch vertretbar ist, stellt sie.

Am Ende stellt sich heraus, dass Deruga seine Ex-Frau wirklich getötet hat, aber auf ihr eindringliches Verlangen hin. Im Roman wird er für diese Tötung freigesprochen, wählt jedoch aus Verdruss am Leben selbst den Selbstmord.