Archive for November, 2007

Denken ohne Gehirn

Friday, November 23rd, 2007

Auf Alter Ego(n) von Simon Meier gibt es seit heute einen Beitrag über Jerry Fodors Kognitivismus. Der Beitrag liegt hier.

Amos Oz – Ein anderer Ort

Wednesday, November 21st, 2007

Trotz des nicht abreißenden Stroms neuer Bücher durch das Abo der Bände 51-100 der SZ-Bibliothek komme ich in letzter Zeit nicht mehr so recht dazu Romane zu lesen. Für die gut 400 Seiten von Oz habe ich ziemlich lange gebraucht. Vielleicht lag es aber auch daran, dass der Stoff mich nicht so recht zu fesseln vermochte.

Oz schreibt über das Leben in einem israelischen Kibbuz im Nordosten des Landes. Die Geschichte spielt sich fast ausschließlich in dieser für die meisten Mitglieder mehr oder weniger hermetisch abgeschlossenen Siedlung in unmittelbarer Nähe des Feindes ab. Die Araber beschießen dann und wann die Einwohner. Die Bedrohung bleibt aber weitgehend im Hintergrund, wird für den Lesen vielleicht in gleicher Weise verdrängt wie für die Einwohner, die mit diesem halb Krieg, halb Waffenstillstand zu leben gelernt haben.

Wie das in kleinen Gruppen so ist floriert auch im Kibbuz Mezudat Ram der Klatsch. Oz verwendet ihn aktiv, um seine Geschichte zu erzählen. Die Ansichten der unterschiedlichen Einwohner werden häufig – aber bei weitem nicht ausschließlich – an ihrem Klatsch zum Leser transportiert. Das ist auf der einen Seite eine interessante schriftstellerische Methode. Auf der anderen Seite ist durch die Natur des Kolportierten natürlich auch die Gefahr gegeben, nicht über das alltägliche hinauszukommen. Dieser Gefahr vermag der Autor nicht immer zu entgehen. Statt dessen muss der Leser mehr als einmal eine Erklärung über sich ergehen lassen, warum es statthaft ist, den Klatsch aufzuschreiben. Auf jeden Fall entsteht ein lebhafter, vielfältiger und schillernder Eindruck des alltäglichen Lebens. Der Konflikt mit den Arabern wird gestreift, aber nicht weiter ausgearbeitet. Das Verhältnis der vor den Nazis geflohenne Juden und deren in Israel geborenen Nachkommen zu Deutschland wird ebenfalls aus der sehr persönlichen Sicht von dem Besucher Sigfried aufgegriffen, der Befriedigung darin empfindet, in seinem Nachtclub in Deutschland ehemalige SS-Soldaten einzustellen, die nunmehr vor ihm als Besitzer stramm stehen müssen.

Irgendwie konnte ich mit dem Stil nicht so viel anfangen.

Jean-Paul Sartre – Geschlossene Gesellschaft

Friday, November 2nd, 2007

Sartre hat mit der “Geschlossenen Gesellschaft” ein Theaterstück über das Zusammensein in der Kleingruppe geschrieben. Kurz hintereinander werden drei Menschen, jeweils durch den gleichen Kellner begleitet, in einen Raum geführt: Ein Mann und zwei Frauen. Alle drei sind Tote, alle drei fühlen sich irgendwie schuldig und haben erwartet in die Hölle zu kommen. Doch im Raum gibt es keinen Folterknecht und keine glühenden Kohlen. Schnell merken sie jedoch: “Die Hölle, das sind immer die anderen.”

Garcin, der Mann, ist vor dem Krieg geflohen, er wollte nicht als Soldat kämpfen müssen. Vorher hatte er immer versucht, wie ein richtiger Mann, wie ein Held zu leben, doch dann wird er bei seiner Flucht gestellt und erschossen. Er fühlt sich als Feigling und er wollte immer das Gegenteil davon sein. Bei den beiden Frauen versucht er Trost zu finden. Doch mit dem Trost wird es nichts. Sartre führt dem Leser vor Augen, dass wir uns selbst immer nur durch die anderen beurteilen. Unser Selbstbild ist nicht möglich ohne die Reflektion darüber, wie wir in den anderen wirken (könnten). Diese Bezogenheit auf die anderen macht uns abhängig davon, was die anderen von uns denken könnten; was sie wirklich über uns denken, können wir letztendlich aber nicht herausbekommen. Garcin geht durch die Hölle in der Annahme, dass die anderen ihn für einen Feigling halten. Er schafft es nicht, aus diesem Selbstbild zu entkommen und so bleibt er zusammen mit den beiden Frauen im Raum, als sich die Gelegenheit ergibt, zu entkommen.

Die Peiniger in dieser Hölle sind sich die “normalen” Menschen gegenseitig, es bedarf gar keiner zusätzlichen Folterknechte.

“Der Mensch ist das, was er will”.

Colette – Mitsou

Friday, November 2nd, 2007

Die grand dame der französischen Literatur beschreibt das Entstehen einer Liebe zwischen der pariser Varietétänzerin Mitsou und einem Offizier zur Zeit des 1. Weltkriegs. Beide sind 24 und durch die Umstände gezwungen, zu früh erwachsen zu werden. Er, weil er im Krieg täglich mit dem Tod konfrontiert wird. Sie, weil sie von den Männern umschwärmt und mit Geld gut versorgt sich und ihrer Umwelt einen großbürgerlichen Lebensstil vorspielen muss, der in ziemlicher Geschmacklosigkeit ihrer Wohnung endet.

Die beiden lernen sich in ihrer Garderobe kennen, wo er von einer ihrer Kolleginen in ihrem Schrank vor dem Varietédiener versteckt wird. Er verliebt sich in sie und es beginnt ein reger Briefaustausch, in dem sich die beiden Charaktäre langsam aneinander und für den Leser in die Tiefe entwickeln. Es sind eben doch nicht nur beliebige verliebte 24jährige, sondern zwei besondere Menschen, beide nicht perfekt, aber mit eigenen Wünschen und nicht ohne Witz im Umgang miteinander.

Beeindruckend ist der Stil Colettes, der eine Mischung aus Regieansagen für ein Theaterstück, einem klassischen Roman und einem Briefroman ist. In äußerst kompakter Form wird so das Entstehen der Liebe zwischen den beiden eingefangen. Schließlich treffen sich die beiden für ein kurzes langes Wochenende in Paris. Und die Beschreibung dieses Wochenendes ist der Höhepunkt der Erzählung. Aufgeladen mit hohen Erwartungen und jeder mit einem Idealbild des anderen, das alle Schwächen ausblendet, stehen sich die beiden gegenüber. Beide fühlen sich zu einem nicht geringen Maß gezwungen, sich gegenseitig etwas vorzuspielen, was sie gar nicht sind. Die Ernüchterung bleibt bei aller Liebe nicht aus. Diese erste Enttäuschung, die der Liebe keinen Abbruch tut sondern sie in die Realität zurückholt, ist es was, Colette mit ungeheurer Sicherheit und großem Einfühlungsvermögen beschreibt.

Ingo Schulze – 33 Augenblicke des Glücks

Thursday, November 1st, 2007

Ingo Schulze hat in diesem Band 33 Geschichten aus St. Petersburg gesammelt, zumeist aus Sicht eines Deutschen Besuchers geschildert. Er stellt dem Band einen Brief voran, in dem er dazu aufgefordert wird, diese in einem Nachtzug gefundenen Geschichten unter seinem Namen zu veröffentlichen. Auf diese Weise wird ein gewisser Abstand zwischen dem Urheber (der “zufällig” längere Zeit in St. Petersburg gelebt und gearbeitet hat) und der Geschichte aufgebaut. Später greift er diese Konstruktion ironisch wieder auf, indem er in seinen Geschichten eine Passage auftauchen lässt, die ebenfalls von einer Geschichtensammlung berichtet, die in einem Nachtzug nach St. Petersburg gefunden wurde. Der Autor sei seitdem verschollen.

Die Geschichten umfassen ein breites Spektrum. Häufig beginnen sie realistisch und alltäglich, um nach kurzer Zeit auf abenteuerlichem Kurs ins Irreale abzuheben. Etwa, wenn der Deutsche Icherzähler einen Jagdausflug mit russischen Freunden macht. Alles beginnt ganz normal als Fahrt mit der Familie des russischen Freundes ins Wochenendhaus weit draußen auf dem Land – Familienidyll. Der Weg ins Absurde beginnt schon in der Nacht. Alle schlafen in einem Raum, trotzdem macht sich die Frau des russischen Freundes über den Icherzähler her. Dem Erzähler scheint es hinterher, als hätte ihm sein Freund danach zugeblinzelt. Am nächsten Morgen gehen sie auf die Jagd. Ein Gewitter zieht auf, der Vater des Freundes wird von einem umstürzenden Baum erschlagen, der Freund wird zu Stein und der Freund findet das Haus verlassen und mit eingeschlagenen Fenstern wieder. Aber das Auto steht mit steckendem Schlüssel noch vor der Tür, und so kann er entkommen

Fazit: Ich konnte mich mit den Geschichten nicht so gut anfreunden.

Marlene Streeruwitz – Verführungen

Thursday, November 1st, 2007

Die Autorin schreibt über eine Frau, die im Wien des ausgehenden 20. Jahrhunderts von ihrem Mann verlassen wird. Der Mann, Hochschuldozent, hat sie zunächst mit seiner Sekretärin betrogen, später dann mit anderen Frauen und sogar ihrer besten Freundin. Ihr bleibt es überlassen, sich und ihre beiden Kinder von ihrer Tätigkeit in einer dubiosen Werbeagentur zu ernähren.

Die Protagonistin ist eingentlich ein moderner Antiheld: Manchmal ist sie es, von der die Initiative ausgeht, doch meistens ist sie ein Spielball des Geschicks, das ihr meistens alles andere als gewogen ist. Ihr Glück mit anderen Männern ist nie von Dauer, ihre einzige Freundin hat ein Drogenproblem, eine Affäre mit ihrem Exmann und begeht schließlich Selbstmord. Trotz allem versucht sie, ihren Kindern die perfekte Mutter zu sein, ihrem Arbeitgeber gegenüber gute Arbeit abzuliefen und spielt für ihre Eltern weiterhin die fröhliche Ehefrau und Mutter.

Bedrückend und vermutlich leider realistisch ist die Schilderung des Umgangs der beiden getrennten Eheleute im Roman. Sie hassen sich total, wollen den Schaden und Schmerz des anderen, beinahe um jeden Preis. Und dieses Verhalten scheint nicht mal selten in Trennungsfällen zu sein. Was ist es, dass die Menschen zu angriffslustig macht. Oder, um den Gedanken der Einwohner des Bergdorfs zu folgen, die Carlo Levi in Christus kam nur bis Eboli zu folgen: Wie muss man die Regeln der Gemeinschaft anpassen, um solche Situationen zu vermeiden oder wenigstens möglichst unwahrscheinlich zu machen?