Archive for August, 2007

Marjane Satrapi – Persepolis

Thursday, August 23rd, 2007

Satrapi ist gebürtige Iranerin und hat bis zu ihrem 14. Lebensjahr unter Khomenis Regieme in ihrer Heimat gelebt. Durch ihren unabhängigen Geist bekam sie in der Schule wie auch im öffentlichen Leben zunehmend Probleme und wurde von ihren Eltern auf eine französische Schule in Wien geschickt. Später zog sie nach Frankreich, wo sie heute als erfolgreiche Comicautorin arbeitet.

In “Persepolis – Eine Kindheit im Iran” beschreibt sie ihre Kindheit im Iran. Vordergründig ein Comic und mit einfacher Sprache versehen, wirft sie viele Schlaglichter in verschiedene Richtungen des islamischen Regimes. Den erzählerischen Rahmen bildet ihre Biographie, die sie ohne jedes Selbstmitleid oder Hass für das Regieme erzählt. Bereits im Vorwort gibt sie den Leitsatz “Vergeben, aber nicht vergessen” aus, dem sie in ihren Schilderungen treu bleibt.

Aus einer vordergründig persönlichen Perspektive schildert sie die alltäglichen Repressionen gegen alle möglichen Bevölkerungsgruppen im Iran: Frauen, Kommunisten, all solche, die als westlich dekadent bezeichnet werden (z.B. Männer, die sich rasieren, keinen Vollbart oder eine Krawatte tragen). Hintergründig vermag sie es, trotz – oder gerade wegen – des einfachen Erzählstils – über ihre individuelle Biographie hinaus auch ein Stück Geschichte des Irans zu erzählen.

Fazit: Für mich der erste Comic seit mehr als 10 Jahren. Und es hat sich gelohnt.

Azar Nafisi – Lolita lesen in Theheran

Tuesday, August 21st, 2007

Azar Nafisi ist Iranerin und war zum Studium für einige Zeit in den USA. Aufgewachsen noch zu Zeiten des Schah-Regiems war sie schon als Studentin politisch aktiv. Nach dem Sturz des Schah ging sie zurück in den Iran und erlebte bewusst die Wirren der Revolution und die Transition der vormals liberalen Gesellschaft in eine totalitär unterdrückte Masse mit.

Als Dozentin für englische Literatur lehrte sie an verschiedenen Universitäten in Theheran bis sie die Gängelei durch den islamischen Apparat in der Universitätsführung nicht mehr ertrug und ihren Beruf aufgab. Mit sieben ihrer besten Studentinnen etablierte sie ein geheimes privates Literaturseminar bei sich zuhause, in dem auch jene Bücher gelesen werden konnten, die auf dem langen offiziellen Index standen.

In ihrem sehr autobiographischen Buch gewährt sie tiefe Einblicke in das Alltagsleben insbesondere der Frauen in der iranischen Republik. Sie berichtet über den höchsten Zensor des Landes für Fernsehen und Theater, der bis 1994 von einem Blinden besetzt wurde. Das Nicht-in-Versuchung-führen führte soweit, dass die Regierung sich bemüssigt fühlte, einen Vorhang über das Meer zu spannen, um Männer und Frauen vor unkeuschen Blicken zu schützen. Ihre Studentinnen werden für Verstösse gegen die strenge Kleiderordnung streng bestraft und gedemütigt, etwa, weil ein paar ihrer Haare unter dem Schleier hervorschauen oder sie im Nacken etwas Haut unter dem Schleier zeigen.

Die Geschichte endet mit der Auswanderung in die USA, wo dieses Buch entstand.

Das Buch behandelt neben der sehr persönlichen Perspektive der Autorin auf ihr Land – denn sie fühlt sich auch in den USA noch zu ihrer Kultur zugehörig – eine Vielzahl von Facetten des Alltagsleben, die über ihre persönliche Biographie hinausgehen. Dabei liefert sie viele Denkanstösse: Die Haltung gegenüber ihrem Land ist ganz anders als ich es erwartet hätte. Sie macht eine klare Trennung zwischen dem Iran und der gegenwärtig herrschenden Elite und dem System brutaler Suppression. Viele außenstehende würden diese Trennung wahrscheinlich nicht machen und den Iran schlicht mit dem herrschenden Regiem identifizieren.

Ich werde das Buch als Anlass nehmen, mehr über den Iran zu lesen.

Oscar Wilde – Lady Windermere’s Fan

Thursday, August 16th, 2007

Zunächst eine Begebenheit von der TransAlp 2007: Wir sitzen in der Zillertalbahn auf dem Weg nach Jenbach. Ich lese Oscar Wilde. Neben mir sitzt ein älterer Herr, der mich nach einiger Zeit auf englisch anspricht und mit britischem Dialekt fragt, ob Wilde mir gefalle. Klar gefällt er mir, was bei ihm wenig Begeisterung auslöst. Ich nutze die Gelegenheit und frage ihn, wie es inzwischen um Wildes Reputation bestellt sei, nachdem er für seine Homosexualität um die letzte Jahrhundertwende herum ins Gefängnis musste. Seine Antwort lautete in etwa so: Wir (die Briten) lesen seine Stücke, sie sind respektiert, aber seine Biographie…

In Lady Windermere’s Fan beschäftigt sich Wilde mit den Moralvorstellungen seiner Zeit, mit Tugend, Anstand und Aufrichtigkeit. Lady Windermere, die zunächst sicherlich die tugendhafteste von allen Charaktären in diesem Stück ist, muss mehr und mehr feststellen, dass ihre moralischen Maßstäbe leider nicht absolut sind. Ohne es zu ahnen begegnet sie ihrer Mutter, die ihre gesellschaftliche Stellung aus Liebe zu einem anderen Mann aufgegeben hat. Lady Windermere blickt deshalb auf sie herab. Am Ende muss sie jedoch anerkennen, dass es die ihrer Meinung nach verworfenste Person ist, die sie vor demselben Schicksal rettet.

Beeindruckend ist, wie Wilde es schafft, einen ziemlich einfachen und vordergründigen Humor mit vielen hintergründigen Anspielungen verknüpfen kann, um so eine Erörterung über die eigentlich philosophische Frage nach Moral und Tugend unters Volk zu bringen, die in anderer Form wohl nur ein müdes Gähnen geerntet hätte.

Axel Brauns – Buntschatten und Fledermäuse

Thursday, August 16th, 2007

Nachdem ich Kraniche und Klopfer vom selben Autor gelesen hatte, fand sich in Birtes Bücherbestand nun auch noch Brauns Debutroman, der weitgehend autobiographisch ist. Er beschreibt einen medizinisch gesehen sicherlich leichten Fall von Autismus, schließlich ist der Erzähler am Ende der Geschichte in der Lage, ein “normales” Leben zu führen.

In der frühen Kindheit hat der Protagonist Axel große Schwierigkeiten, die Sprache anderer Menschen als solche Wahrzunehmen. Meistens erreichen ihn nur Laute oder einzelne Fetzen. Seine Eltern müssen darum kämpfen, dass er nicht auf eine Sonderschule kommt sondern am normalen Schulunterricht teilnehmen darf.

Doch auch auf der normalen Schule ist er sehr in sich gekehrt und hat deutliche Schwierigkeiten, sich an eine Welt anzupassen, die alle anderen um ihn herum als “normal” empfinden, die für ihn aber tag täglich unzählige Unverständlichkeiten aufwirft.

Das Buch erinnert daran, dass das, was die Mehrheit als “normal” empfindet eben nur für eine bestimmte Gruppe normal ist. Keineswegs sollte man das Wort normativ gebrauchen, schließlich zeigt der Roman, wie schwer es der Protagonist damit hat und dass er schließlich einen Weg findet, sein eigenes “normales” Leben zu führen.

Francois Lelord – Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück

Thursday, August 16th, 2007

Lelord hat einen interessanten Schreibstil: Er schreibt, als wäre der Leser ein kleines Kind. Die Sätze sind einfach aufgebaut, kommen mit einem begrenzten Vokabular aus und etwas schwierigere Begriffe werden jeweils erklärt. Wer zu Anfang noch glaubt, dass er aus Versehen ins das falsche Bücherregal gegriffen hat, wird nach kurzer Zeit feststellen, dass Lelord diesen Stil sehr bewusst und gezielt einsetzt, um Distanz zur beschriebenen Person zu wahren.

Es geht um den erfolgreichen Psychiater Hector, der sich trotz seines Erfolges irgendwann zu fragen beginnt, warum seine Patienten unglücklich sind. Es sind gerade die Patienten, die Erfolg haben, in gesellschaftlich angesehenen Stellungen leben und denen es auch materiell in keiner Hinsicht mangelt. Trotzdem sind sie unglücklich. Das färbt mit den Jahren mehr und mehr auf Hector ab und er macht eine Weltreise, um in China, Afrika und den USA zu ergründen, was man braucht, um Glücklich zu sein.

Das klingt ziemlich platt. Trotzdem schafft Lelord es, mit seinen simplistischen Erzählstil Kernelemente dessen zu umreißen, was nach derzeitigem Kenntnisstand wichtige Voraussetzungen – wenn auch nicht Garanten – für Glück sind.

Fazit: So kurzweilig wie interessant zu lesen.