Stevenson ist kein Extremsportler, das sei gleich mal vorweggeschickt. Er hat Philosophie studiert, später eine private Ranch in Afrika besessen und schließlich als Banker gearbeitet. Bei einem akademischen Gastaufenthalt in Norwegen lernt er seine spätere Frau kennen, die er ein Jahr später heiratet.
Aber irgendwie ist er nicht zufrieden mit seinem Leben in Norwegen und entschließt sich zu einer Reise nach Tibet. Wie so viele Westler kommt er dorthin, um sich selbst zu finden. Erfreulicherweise ist er einer von den Autoren, die mit der Zeit einsehen, dass man sich nicht dort finden kann, wo man gar nicht hingehört.
Wie in so vielen Reiseberichten aus entlegenen Gegenden schließt auch Stevenson schnell enge Freundschaften zu Trekkern, mit denen er erst wenige Tage zugebracht hat. Irgendwie verläuft das Leben unter solchen Umständen (fern von zuhause, mit dem Bedürfnis nach Anschluss) wie im Zeitraffer. Freundschaften, die sich zuhause über Jahre entwickeln müssen, entstehen innerhalb weniger Tage, erleben eine kurze Blütezeit und enden in den meisten Fällen mit der Trennung, wenn die Beteiligten buchstäblich wieder ihre eigenen Wege gehen.
Sicher liegt es an seiner Einstellung, möglicherweise auch daran, dass er alleine reist, jedenfalls entstehen während der Reise auch viele enge Kontakte zu den Einheimischen, die ihn an ihrem Leben teilnehmen lassen. Diese Geschichten bereichern seinen Reisebericht ungemein.
Obwohl es auch “nur” ein Reisebericht ist, ist dieses Buch doch so ganz anders als Hape Kerkelings Ich bin dann mal weg. Klar, irgendwie muss auch ein deutscher Komiker sein Geld verdienen. Davon abgesehen verstehe ich nicht, warum er jenes Buch geschrieben hat. Für mich muss ein Buch irgendwie einen Informationsgewinn bringen. Stevenson schafft das. Über das Individuelle hinaus schafft er es die Intensität, aber auch die Beliebigkeit und Flüchtigkeit seiner Reisebekanntschaften zu beschreiben. Er geht über das konkrete hinaus, schafft es trotz seiner direkten persönlichen Betroffenheit davon zu abstrahieren. Und seine Beschreibung des einfachen Lebens der Tibeter und Nepalesen hat fast schon dokumentarischen Charakter.
Schade, bei Kerkeling hatte ich nicht einmal das Gefühl, dass er sowas versucht hätte. Aber offensichtlich reicht das seinen Lesern.