Archive for June, 2007

Jan Weiler – Maria, ihm schmeckt’s nicht

Tuesday, June 26th, 2007

Weiler beschreibt – natürlich ganz ohne Bezug zu lebenden Personen aus seiner Familie :-) – Anekdoten, zu denen es kommt, wenn ein Deutscher bei seinen italienischen Schwiegereltern und dem Rest der Großfamilie zu Gast ist. Gleichzeitig beschreibt er auch ein Stück deutsche Geschichte, nämlich die seines Schwiegervaters Marcipane, der gut ausgebildet als Gastarbeiter nach Deutschland kommt und hier doch nur für Hilfsarbeiten eingesetzt wird. In der Aneinanderreihung von Anekdoten finden sich auf diese Weise auch immer ein paar allgemeinere Gedanken. Insgesamt sehr kurzweilig, vielleicht etwas zu kurzweilig für meinen Geschmack.

Siegfried Lenz – Das Kunstwerk als Regierungserklärung

Monday, June 18th, 2007

Auf einer Metaebene beschreibt Lenz Motivationen, Ziele und inhärente Probleme von Revolutionen. Nicht zu interessant in meinem Lesekontext.

Siegfried Lenz – Aus der Nähe

Monday, June 18th, 2007

Lenz schreibt einen Essay über die US-amerikanische Literatur des 20. Jahrhunderts, die er nach dem 2. Weltkrieg druch die Taschenbuchauflagen von rororo kennengelernt hat. Auf drei Lieblingsautoren geht er ausführlicher ein: Hemmingway, Faulkner und Dos Passos. Für alle drei beschreibt er besondere Merkmale ihres Stils und ihr Genre. Fazit: Die Anregung, Dos Passos Roman über das Leben in New York zu lesen, habe ich mitgenommen, ansonsten hat der Essay wohl mehr biographische Bedeutung.

Sherko Fatah – Im Grenzland

Sunday, June 17th, 2007

Fatah schreibt die Geschichte eines Schmugglers, der aus dem nördlichen Irak die vermiente Grenze zur Türkei überquert, um dort Waren einzukaufen, auf seinem Rücken durch die Minenfelder zu tragen, um sie im embargogeschlagenen Irak zu verkaufen. “Der Schmuggler”, wie der Protagonist im Roman nur genannt wird, hat es durch diese Tätigkeit ziemlich weit gebracht, er genießt einiges Ansehen in seiner Stadt und Kontakte zu wohlhabenden und einflußreichen Personen.

Sein ältester Sohn geht auf eine vom Iran finanzierte Koranschule. Der Sohn – “Böckchen” – wird zusehens radikalisiert. Vater und Sohn  entfremden sich. Der Vater geht weiter seiner Tätigkeit nach, seine Frau ist zuhause und kümmert sich um Haushalt und die beiden jüngeren Kinder. Doch diese Quasi-Ruhe wird an dem Tag durchbrochen, an dem der älteste Sohn verschwindet; vermutlich wurde er vom Geheimdienst verschleppt.

Der Vater gerät aus dem Gleichgewicht, wird zudem noch bei einem seiner illegalen Grenzübertritte von Soldaten entdeckt und schwer misshandelt.

Insgesamt malt Fatah ein ziemlich düsteres Bild. Wahrscheinlich ist es ziemlich realistisch. Trotzdem konnte ich mich mit dem Stil nicht recht anfreunden. Obwohl er 2001 den Aspekte-Literaturpreis erhalten hat und als “wichtige Stimme der deutschen Gegenwartsliteratur” gefeiert wird: Ich kann mich nicht so richtig mit seiner Art zu erzählen anfreunden.

Siegfried Lenz – Mutmaßungen über die Zukunft der Literatur

Sunday, June 17th, 2007

Thalia in Saarbrücken verhöckert ständig Restbestände – was eigentlich verwunderlich ist, denn irgendwann müssen die Restbestände ja mal erschöpft sein. Egal, ich konnte nicht daran vorbeigehen und so kam ein kleiner Essayband von Lenz in meinen Besitz, zu dem auch dieser Essay gehört.

Lenz mutmaßt über die Zukunft der Literatur im Zeitalter des allgegenwärtigen Computers. Seine Beschreibung dessen, was beim Lesen mit dem Leser geschieht finde ich sehr treffend: “Lesen ist offenbar eine riskante Tätigkeit: Wir geben etwas von uns auf und erfinden uns neu. Dass die Lust des Erfindens dabei nicht zu kurz kommt, kann ruhig vorausgesetzt werden. Diese Lust ist eine Erfahrung, an deren Ende sich ein überraschendes Glücksgefühl einstellt.

Trotzdem ist auch ihm nicht entgangen, dass Lesen inzwischen zu den eher unwichtigen Tätigkeiten gehört: Die durchschnittliche Lesezeit pro Tag liegt in Deutschland bei 9 Minuten, der durchschnittliche Fernsehkonsum bei 136 Minuten. Was kann uns die klassische Literatur noch geben, angesichts von Hypertext und Autorenkollektiven, die creative writing praktizieren?

Lenz Antwort: Den inneren Dialog mit dem Autor, die Nicht-Beliebigkeit dessen, was man liest. Und er schließt mit den folgenden Worten: “Gewiß, es wird immer nur eine Minorität sein, die die Literatur braucht; aber war es je anders?”.

J.M. Coetzee – Eisenzeit

Thursday, June 14th, 2007

Coetzee schreibt über das Südafrika der Apartheid. Er vermag es, von seiner individuellen Biographie und der Historie des Landes zu abstrahieren und beide in der fiktiven Geschichte einer alten, alleinstehenden Frau zu konkretisieren. Zu Beginn des Romans hat sie gerade die Nachricht erhalten, dass sie unheilbar an Krebs erkrankt ist und nicht mehr viel Zeit zu Leben hat.

Sie beginnt einen Brief an ihre Tochter zu schreiben, die bereits vor Jahren Südafrika verlassen hat mit dem Schwur, das Land nicht wieder zu betreten, bevor die Apartheid abgeschafft ist. Inzwischen hat sich die Tochter ein eigenes Leben in den USA mit einem Ehemann und zwei Kindern aufgebaut.

Die Mutter musste ihr versprechen, sie nicht zurück in ihre verhasste Heimat zu rufen, deshalb schreibt die Mutter nun den Brief, der den Roman repräsentiert.

Der Roman handelt auch vom Zerbrechen der Lebenslügen der Weissen in Südafrika. Er kurz vor ihrem Tod realisiert die Protagonistin, dass in den Townships der Schwarzen ein brutaler Bürgerkrieg zwischen Weissen und Schwarzen herrscht. Der Hass und die Heroisierung von Gewalt führen dazu, dass die Kinder äußerst brutal werden.

Aber auch die ambivalenten Gefühle der Mutter für die Tochter werden thematisiert. Coetzee hat 2003 den Literaturnobelpreis erhalten. Wenn man diesen Roman gelesen hat, kann man sich gut vorstellen, warum.

Axel Brauns – Kraniche und Klopfer

Thursday, June 14th, 2007

Brauns beschreibt eine pathologische Geschichte aus der Wohlstandswelt: Eine alleinerziehende Mutter, beruflich ehrgeizig und erfolgreich führt nach außen hin mit ihren beiden Kindern im Vorschul- bzw. Grundschulalter ein nach außen hin normales Leben. Doch hinter den Türen ihres Privathauses erweist sie sich als “Messi”.

Nichts kann sie in den Müll werfen, schlimmer noch, wenn Sperrmüll ist, nimmt sie einen Urlaubstag und sammelt den Müll der anderen Menschen ein, um ihn im eigenen Haus zu verstauen. Mehr und mehr wird das Haus mit dem Müll anderer Menschen vollgestopft, bald so sehr, dass die Tochter Adina, aus deren Perspektive die Geschichte geschildert wird, über Kistenberge klettern muss, um in ihr Zimmer zu gelangen.

Die Kinder sind tagsüber sich selbst überlassen und verwahrlosen zusehends. Bei einem Streifzug der Geschwister kommt der kleine Bruder durch den Einsturz eines der Kistenberge ums Leben, Adina muss für Wochen ins Krankenhaus. Dieser Vorfall macht den Drang der Mutter nur noch stärker.

Interessant ist, dass Brauns in praktisch allen Aspekten das manische Treiben der Mutter in die Perspektive der Tochter übernimmt. Viele Dinge werden schlicht unter “Das will ich mir noch ansehen” subsummiert, obwohl es sich dabei um Bilder, Zeitschriften etc. handeln kann, also vollkommen unterschiedliche Dinge.

Am Ende wird dann doch etwas auf die Tränendrüse gedrückt, bevor es zu einem Happy End kommt. Das trägt dem Buch zwar eine gute Besprechung in der Frauenzeitschrift Brigitte ein, nervt den Leser aber etwas, nachdem der Roman bis dahin ziemlich eindrucksvoll war.

Andrew Stevenson – Rund um den Annapurna

Monday, June 4th, 2007

Stevenson ist kein Extremsportler, das sei gleich mal vorweggeschickt. Er hat Philosophie studiert, später eine private Ranch in Afrika besessen und schließlich als Banker gearbeitet. Bei einem akademischen Gastaufenthalt in Norwegen lernt er seine spätere Frau kennen, die er ein Jahr später heiratet.

Aber irgendwie ist er nicht zufrieden mit seinem Leben in Norwegen und entschließt sich zu einer Reise nach Tibet. Wie so viele Westler kommt er dorthin, um sich selbst zu finden. Erfreulicherweise ist er einer von den Autoren, die mit der Zeit einsehen, dass man sich nicht dort finden kann, wo man gar nicht hingehört.

Wie in so vielen Reiseberichten aus entlegenen Gegenden schließt auch Stevenson schnell enge Freundschaften zu Trekkern, mit denen er erst wenige Tage zugebracht hat. Irgendwie verläuft das Leben unter solchen Umständen (fern von zuhause, mit dem Bedürfnis nach Anschluss) wie im Zeitraffer. Freundschaften, die sich zuhause über Jahre entwickeln müssen, entstehen innerhalb weniger Tage, erleben eine kurze Blütezeit und enden in den meisten Fällen mit der Trennung, wenn die Beteiligten buchstäblich wieder ihre eigenen Wege gehen.

Sicher liegt es an seiner Einstellung, möglicherweise auch daran, dass er alleine reist, jedenfalls entstehen während der Reise auch viele enge Kontakte zu den Einheimischen, die ihn an ihrem Leben teilnehmen lassen. Diese Geschichten bereichern seinen Reisebericht ungemein.

Obwohl es auch “nur” ein Reisebericht ist, ist dieses Buch doch so ganz anders als Hape Kerkelings Ich bin dann mal weg. Klar, irgendwie muss auch ein deutscher Komiker sein Geld verdienen. Davon abgesehen verstehe ich nicht, warum er jenes Buch geschrieben hat. Für mich muss ein Buch irgendwie einen Informationsgewinn bringen. Stevenson schafft das. Über das Individuelle hinaus schafft er es die Intensität, aber auch die Beliebigkeit und Flüchtigkeit seiner Reisebekanntschaften zu beschreiben. Er geht über das konkrete hinaus, schafft es trotz seiner direkten persönlichen Betroffenheit davon zu abstrahieren. Und seine Beschreibung des einfachen Lebens der Tibeter und Nepalesen hat fast schon dokumentarischen Charakter.

Schade, bei Kerkeling hatte ich nicht einmal das Gefühl, dass er sowas versucht hätte. Aber offensichtlich reicht das seinen Lesern.