Archive for May, 2007

Pascal Mercier – Nachtzug nach Lissabon

Monday, May 28th, 2007

Gregorius ist Lehrer für Griechisch, Latei und Hebräisch an einem Gymnasium im beschaulichen Bern. Den größeren Teil seines Lebens hat er in dieser Schule zugebracht, zunächst als Schüler, später dann um andere zu unterrichten. Seine Sicherheit in den alten Sprachen ist so groß, dass Schüler sich den Spaß erlauben, ihn mitten in der Nacht aus dem Bett zu klingeln und ihn nach schwierigen Vokabeln zu fragen. Nie hat er dabei einen Fehler gemacht.

Obwohl er die Spitznamen Papyrus und Mundus hat, wird er für sein Wissen respektiert.

Eines Tages trifft er auf seinem Weg zur Schule eine junge Portugiesin, von der er meint, dass sie Selbstmord begehen wolle, indem sie sich von einer Brücke stürzt. Er beobachtet sie dabei, wie sie erst einen Brief liest, ihn dann in Stücke reißt und an die Reling tritt. Er geht zu ihr und als erstes schreibt sie ihm eine Telefonnummer auf die Stirn. Es ist eine Telefonnummer aus dem Brief, die sie nicht vergessen möchte.

An diesem Tag kippt das bisher in ruhigen Bahnen verlaufende Leben von Gregorius. Er kauft das erstbeste Buch des fiktiven portgugiesischen Autors Prado.

Prado schreibt über das Nicht-Verstanden-Werden durch die anderen, die Unüberbrückbarkeit der Distanz zu den Mitmenschen. Aber auch darüber im Leben Ziele zu haben, vom Trott des Alltags mitgerissen zu werden und sie aus den Augen zu verlieren.

Gregorius merkt, dass auch sein Leben davonläuft und er macht sich auf den Weg nach Lissabon, der Heimat Prados, um herauszufinden, was für ein Mensch Prado war und um ihm möglichst nahe zu kommen.

Fazit: Ziemlich eindrucksvoll.

Carlos Ruiz Zafón – Der Schatten des Windes

Monday, May 14th, 2007

Zafón schreibt eine Geschichte über das Barcelona nach dem 2. Weltkrieg. Die Wunden aus der Bürgerkriegszeit und dem 2. Weltkrieg sind noch immer offen, obwohl der Krieg längst vorbei ist.

Die Rahmenhandlung bildet eine Kriminalgeschichte, in die der Protagonist Daniel, Sohn eines Bücher-Antiquars mehr zufällig hineingezogen wird. Ziemlich spannend und doch sehr nachdenklich gegenüber den Greultaten während und nach dem Krieg. Dabei jedoch nie von einem hohen moralischen Podest herab. Beeindruckend.

Oliver Sacks – Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte

Tuesday, May 1st, 2007

Sacks ist Neurologe und beschreibt in zwei dudzend Kapiteln bemerkenswerte Ausfälle des menschlichen Gehirns. Der Titel des Buches ist gleichzeitig die Überschrift eines der Kapitel. Interessant ist das Buch schon deshalb, weil Sacks sich als sehr kundig in der Philosophiegeschichte der letzten 500 Jahre erweist. Einer seiner Patienten nimmt nur noch Eigenschaften von Objekten wahr, nicht mehr die Objekte selbst. Sacks verknüpft diesen Fall mit dem strikten Empirismus Humescher Gattung und führt uns in den Geschichten seiner Patienten vor Augen, was es bedeutet, wenn man nur noch Eigenschaften und nicht mehr konkrete Dinge wahrnimmt, von denen wir ein Konzept haben. Statt einer Rose nimmt der Patient nur “[e]in rotes gefaltetes Gebilde mit einem geraden, grünen Anhängsel” (S.30) wahr.

Neben Ausfällen des Wahrnehmungsvermögens oder des Denkens beschreibt er auch eine Reihe von überreichen Begabungen. So zum Beispiel den Fall von einem ansonsten zurückgebliebenen Zwillingspaar, das sich mit Vergnügen über 10- und mehrstellige Primzahlen unterhält, die sie – so Sacks Vermutung – vor ihrem geistigen Auge sehen können. Jedenfalls haben sie keine Idee davon, wie Zahlen auf die Eigenschaft Primzahl zu testen wären, wie Sacks in seinen Untersuchungen mit ihnen herausfindet.

Fazit: Ein interessantes Buch über den menschlichen Verstand. Über seine Fragilität, aber auch über sein enormes Leistungsvermögen.