Hape Kerkeling – Ich bin dann mal weg
Saturday, April 21st, 2007Wie jedes ehrbare Kind der Überflussgesellschaft wird auch der deutsche TV-Komiker Hape Kerkeling irgendwann von einer Midlife-Crisis erfasst, die sich somatisch in einem Hörsturz äußert. Höchste Zeit, einmal eine Pause einzulegen, um sich zu besinnen. Soweit so gut.
Er entscheidet sich, den Jakobsweg zu gehen, einen Pilgerpfad mit über 1000 Jahren Geschichte und etwa 600 km Länge. Das Buch berichtet über seine Erfahrungen auf seiner Pilgerreise, seinen Gedanken und den Menschen, die er dort getroffen hat.
Was der Leser dann aber über knapp 400 Seiten ertragen muss, ist weniger erfreulich. Zunächst einmal passiert das, was immer passiert, wenn sich eine ausgemachte “Couch Potato” (O-Ton) körperlichen Herausforderungen stellt: Mindestens zwanzigmal wird der Leser darüber informiert, wie anstrengend es ist, eine solche Distanz zurückzulegen. Dabei schafft er im Schnitt weniger als 25 km am Tag. Vor gut einem Jahr las ich in der US-amerikanischen Ausgabe von “Runners” einen Bericht über einen Profiextremsportler, der 350 km am Stück gelaufen ist – mit mehr als 10 km/h im Schnitt. Seltsamerweise hat der weniger über seine Schmerzen geklagt. Jedenfalls füllt Kerkeling auf diese Weise schon mal die eine oder andere Seite seines Buches.
Für seine Gedanken über Gott und die Welt gilt das gleiche eklatante Missverhältnis aus Inhalt und Raum für die Darstellung. Bestimmt hat er vorher ab und zu einmal in die Bibel geschaut und auch mal einen Film über Buddismus und Hinduismus gelesen. Ich hatte nicht einmal den Eindruck, dass davon irgendetwas gründlich reflektiert wurde, bevor es seinen Weg ins Pilgertagebuch fand. Ein durchschnittlicher katholischer oder evangelischer Geistlicher muss 20 Jahre in unserem Kulturkreis aufwachsen und anschließend noch mind. fünf Jahre studieren, bevor er befugt ist, sich auch nur mündlich zu religiösen Fragen zu äußern. Kerkeling überspringt diese intensive Auseinandersetzung einfach und schreibt einfach mal auf, was ihm so einfällt. Ich verstehe nicht, wie man damit ein Buch füllen kann.
Noch ärger wird es, wenn er gegen Ende des Buches die beliebten allquantifizierten Aussagen über den Menschen an sich und die westliche Welt insgesamt macht. So steht auf S. 342f zu lesen: “In unserer entspiritualisierten westlichen Welt mangelt es leider an geeigneten Initiationsritualen, die für jeden Menschen eigentlich überlebensnotwendig sind.” Sind sie das? Und woher weiß er das? Klar, die Verallgemeinerung von sich auf den Rest der Menschheit passiert einem gerne, ist beinahe schon “allzumenschlich”, aber bevor man etwas aufschreibt und dann auch noch als Buch veröffentlicht, kann man doch schon mal etwas nachdenken. Noch dazu, wenn man danach auf Werbetournee damit durch alle Talkshows tingelt.
Fazit: Wie bei Ildiko von Kürthy wird hier mal wieder das Mittelmaß gefeiert. Mir wäre es peinlich, das in Form eines Buches zu machen.