Archive for August, 2006

Gert Ledig – Faustrecht

Monday, August 28th, 2006

Ledig, Jahrgang 1921, gestorben 1999, schrieb sein gesamtes Werk in den 1950er Jahren. Er schreibt ziemlich unverblümt über das Leben nach dem Krieg. Unter amerikanischer Besatzung blüht das Geschäft der “Beschaffung” von Gütern wie Alkohol und Zigaretten aus Beständen der Amerikaner.

Robert und Edel sind zwei Freunde, die beide im Krieg viel mitgemacht haben. Robert fehlt eine halbe Hand, Edel sämtliche Zähne und nach einer schweren Verletzung in seinen Händen die Ruhe, um wieder wie vor dem Krieg malen zu können. Zu ihnen gehört auch noch Olga, eine junge Deutsche, die sich für die amerikanischen Offiziere prostituiert.

Unverhofft treffen Robert und Edel auf ihren gemeinsamen Freund Hai, den sie bereits aus der Vorkriegszeit kennen. Hai ist einer der Gewinner der Besatzung. Mit einem ganzen Team stielt er Güter von amerikanischen Lastwagen und verkauft sie zu hohen Preisen. Er ist davon so reich geworden, dass er Edel ohne weiteres ein neues Gebiss bezahlen kann.

In allen dreien steckt die Wut über den verlorenen Krieg. Sie sehen deutsche Kriegsgefangene, die halbverweste Leichen aus den Trümmern ihrer Stadt bergen müssen. In der Apotheke gibt es keine Medikamente – “schließlich haben wir den Krieg verloren”. Hai beschließt, etwas anderes als nur Diebstal zu begehen, er möchte einen amerikanischen Offizier töten.

Zusammen mit Edel und Robert, die mehr aus alter Freundschaft als aus ideologischen Gründen bei dieser Aktion mitmachen, bringen sie einen Armee-Jeep der Amerikaner auf der Autobahn zum Schleudern. Doch die Aktion verläuft nicht wie geplant. Edel wird angeschossen, die drei müssen fliehen und verstecken sich in der Wohnung von Robert und Edel. Hier beginnt der eigentlich stärkste Teil des Buches: Die einem Kammerstück gleichende Beschreibung der drei Freunde und zweier Frauen, auf engem Raum unter dem Druck der drohenden Exekution durch die Amerikaner, falls sie gefasst werden.

Gabriel Garcia Marquez – Das Abenteuer des Miguel Littín

Sunday, August 20th, 2006

Im Jahr 1985 dreht der chilenische Dokumentarfilm-Regiseur einen Film über die Pinochet-Diktatur in seinem Land. Was daran besonders? Der Untertitel des Buches gibt bereits einen Hinweis, er lautet: “Illegal in Chile”. Und, so fantastisch das folgende klingen mag, die Geschichte ist wahr. Littín musste kurz nach Pinochets gewaltsamer Machtübernahme im Jahr 1973 mit seiner Frau und drei kleinen Kindern aus Chile fliehen, weil er das Leben im Untergrund und die ständige Bedrohung von Leib und Leben nicht weiter aushalten konnte. Seitdem lebte er im Exil.

Zwölf Jahre später ist Pinochet noch immer an der Macht – er soll es bis 1990 bleiben – und Littíns Name findet sich auf einer offiziellen Liste des chilenischen Regimes wieder, auf der die Namen von 5000 Exilchilenen verzeichnet sind, denen strengstens verboten wird, wieder nach Chile einzureisen. Die Liste kommt ohne direkte Strafandrohung aus, jedoch sind 40000 Tote und 2000 spurlos verschwundene Regimekritiker Drohung genug.

Littín entschließt sich zu einem ungeheuren Plan: Er wird unter falscher Identität und mit mehreren Kamerateams nach Chile einreisen, einen Dokumentarfilm über das Leben unter der Militärdiktatur in seinem Heimatland drehen und diesen Film anschließend veröffentlichen. Zwei Psychologen und eine Maskenbilderin verpassen ihm eine neue Identität. Über Monate studiert er eine konstruierte Biographie ein und lebt mit einer Frau aus dem chilenischen Untergrund zusammen, die in Chile immer wieder als seine Frau auftreten wird und für seine Sicherheit sorgt.

Die Veränderung ist so perfekt, dass ihn auch enge Freunde und sogar seine eigene Mutter nicht wiederzuerkennen vermögen. Das unvorstellbare gelingt, obwohl Littín es auf die Spitze treibt, indem er sogar in Pinochets Regierungspalast Aufnahmen macht und dabei auf den Diktator selbst trifft.

Im Buch beschreibt Marquez auf Basis von Interviews mit Littín die sehr persönlichen Erfahrungen, die er auf dem Weg zu 32km Filmmaterial, einer zweistündigen Kinoversion und einer vierstündigen Fernsehfassung seiner Dokumentation standen, die weltweite Beachtung fanden.

David McTaggart – Rainbow Warrior

Thursday, August 17th, 2006

Das Buch trägt als Untertitel die Zeile “Die Autobiographie des Greenpeace-Gründers” und damit sollte klar sein, um wen es geht. McTaggart schreibt auf 351 Seiten über seinen Weg vom schwarzen Schaf der Familie über diverse Jobs im Immobiliengeschäft zum Gründer von Greenpeace International. Gleich zu Beginn gibt er zu, dass die Schule für ihn eine Qual war. Folgerichtig ist sein Schreibstil ziemlich unpretentiös (sofern die Übersetzerin ihn korrekt wiedergegeben hat).

Die zweitliebste Beschäftigung von McTaggart sei es gewesen, Geschichten und Anekdoten zu erzählen, so Helen Slinger im Epilog des Buches. Den Stil einer solchen mündlichen Erzählung meint man so manches Mal im Text wiederzufinden. Aber das schadet dem Lesevergnügen keineswegs, im Gegenteil.

McTaggart blickt mit Lungenephysem und schwachem Herz zurück auf die Geschichte von vier Ehen und noch mehr Kindern, auf halsbrecherische Segelturns vor der Küste von Mururoa, wo die Franzosen damals überirdische Atomtests durchführten, und die er durch sein Engagement zu stoppen half. Zu dieser Zeit gibt es Greenpeace International noch gar nicht. Die Gründung und alle Schwierigkeiten, persönlichen Animositäten etc., die in solchen Gremien offenbar fast zwangsläufig aufzutreten schein, werden behandelt und man erhält nebenbei einen tieferen Einblick in die noch junge Geschichte der professionellen Umweltschutzbewegung.

Fazit: Interessant und schön zu lesen.

Don DeLillo – Libra

Thursday, August 10th, 2006

DeLillo hat sich das Attentat auf John F. Kennedy als Stoff vorgenommen. Auf 575 Seiten verwebt er historische Fakten und Fiktion zu einer Verschwörungsgeschichte, in der CIA-Veteranen einen Mordkomplott gegen den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika aushecken.

Die Geschichte wirkte auf mich an vielen Stellen nicht schlüssig. Die Verschwörung erscheint als zu gewollt. Als Motiv wird die gescheiterte Landung in der Schweinebucht auf Kuba angeführt, die altgediente CIA-Mitarbeiter auf Rache sinnen lässt. Für mich hat der Plot viele Lücken gelassen. Viel Zeit (des Lesers) wird auf die Biographie des Attentäters Lee Harvey Oswald verwendet. Trotzdem wird nie schlüssig, warum er bereit ist, den amerikanischen Präsidenten zu erschießen.

Fazit: Für mich das letzte Buch, das ich von DeLillo gelesen habe.

Helge Schneider – Zieh dich aus du alte Hippe

Friday, August 4th, 2006

H.-G. lieh mir dieses Buch vor einiger Zeit. Bis gestern Abend war es unter einem Berg Lektüre für meine mündliche Abschlussprüfung im Magisterstudiengang Philosophie begraben.

Die ist die Neigung zu Helge Schneiders Humor ist wahrscheinlich binär: Entweder, man mag seine Art absurden Humor, oder man mag ihn eben nicht. Ich mag ihn und damit auch diese Kriminalgeschichte.

Der Protagonist ist Kommissar Schneider, der eine Mordserie aufzuklären hat, in der der Mörder sein Opfer kurz vor dem Tod mit den Worten “Zieh dich aus du alte Hippe” nötigt, sich freizumachen. Kommt das Opfer dieser – zugegeben nicht besonders höflichen – Aufforderung nicht nach, wird es mit einer aufgeschnittenen Hundefutterdose umgebracht. Gleich zu Anfang der Geschichte stirbt einer der Mörder an einem Wespenstich. Spätestens an dieser Stelle wird die Geschichte kompliziert und der Täter unklar – wie es sich für einen “richtigen” Kriminalroman gehört.

Praktisch kein Satz kommt ohne den typischen Schneider-Humor aus, so z.B. dieser: “… denn der Tote hatte überhaupt keinen Unterleib mehr, statt dessen ragte das letzte Ende des Rückrats alleine raus, und daran war eine bunte Schleife befestigt mit der Aufschrift: ‘Er war ein langweiliger Skatbruder!’ ” (S. 34)

Fazit: Ideale Zerstreuung für Fans von Schneider, sonst wohl ungenießbar.