Archive for July, 2006

Paul Veyne – Weisheit und Altruismus

Saturday, July 22nd, 2006

Untertitel: Eine Einführung in die Philosophie Senecas.

Üblicherweise mache ich hier nur selten Notizen zu Büchern, die ich Rahmen meines Philosophiestudiums gelesen habe. Veynes Einführung in Senecas Stoizismus, der in der Reihe Philosohpie bei Fischer erschienen ist, hat mir aber so gut gefallen, dass ich sie im Gegensatz zu den einführenden Texten von Wolfgang Weinkauf (“Die Stoa”) und Georg Maurach (“Seneca”) notieren möchte. Veyne stellt kritische Fragen, zeigt widersprüchliches auf.

Kurzum: Er regt das Denken des Lesers an, macht die Gedanken der Stoiker und ihre Problematik einprägsam.

Michel Houellebecq – Lebendig bleiben

Saturday, July 22nd, 2006

In diesem Bändchen aus der Reihe DuMontSpeicher sind drei Texte zusammengefasst: “Lebendig bleiben” und “Die schöpferische Absurdität” von Houellebecq selbst sowie die Zusammenfassung eines Interviews von Ingeborgs Harms, das sie mit Houellebecq anlässlich des Erscheinens von “Die Möglichkeit einer Insel” führte.

Lebendig bleiben scheint eine Art literarisches Manifest für Houellebecqs Schreiben zu sein. Es besteht aus vielen kurzen Absätzen. Nach einem Tag, der mit dem Schreiben an meiner Informatik-Diplomarbeit (Ironie des Schicksals) sowie Vorbereitungen auf meine Abschlussprüfung in Philosophie herumging, bauen Sätze wie “Im Leben scheitern, aber knapp scheiter. Und leiden, immer leiden.” mein Gemüt nicht gerade auf. Dass Houellebecqs Protagonisten am Leben leiden, dass das Leben von ihnen mehr erlitten als gestaltet wird, dürfte seinen Lesern aufgefallen sein. Der Protagonist ist nicht mehr Akteur, der agiert, sondern der Lauf der Geschichte passiert ihm, der Akteur wird passiv.

Dieses Passiv-Sein scheint bei Houellebecq in Leiden transformiert zu werden. Aber offensichtlich leidet nicht nur seine Roman(-anti-helden) an der Welt, auch er als Autor: “Wenn Sie bei den anderen eine Mischung aus erschrockenem Mitleid und Verachtung bewirken, dann wissen Sie, dass Sie auf dem richtigen Weg sind.”

Glück ist ihm zufolge ein Trugbild, dass ohnehin nicht lange anhalten wird.

Ich kann nicht sagen, dass ich von diesem Text besonders betrübt worden wäre, eher verwirrt. Wenn das Leben derart aus Leiden besteht, wenn dieses Leiden so allgemein und unvermeidlich ist (etwa so wie der Wille in Schopenhauers Philosophie), dann braucht man ihn doch eigentlich gar nicht mehr beschreiben. Oder ist er es doch nur für den Autor Houellebecq. Aber wenn die Welt für ihn so ist, warum macht er sich dann noch die Mühe zu Schreiben, warum nimmt er nicht Zuflucht zum Suizid? In dieser Philosophie des Leidens kann ich mich nicht wiederfinden. Möglicherweise deshalb muss sie für mich befremdlich bleiben.

In der Schöpferische[n] Absurdität befasst sich Houellebecq mit Poesie und Prosa, stellt sie einander gegenüber und hält fest, dass sie eigentlich nicht vergleichbar sind; also Poesie z.B. nicht “Prosa+Reime”. Sie gehören vollständig unterschiedlichen Kategorien an. Der Aufsatz war im übrigen so trocken, dass ich es nicht vermocht habe, die wenigen Seiten bis zuende zu lesen. Soviel dazu.

Wirklich gefallen hat mir eigentlich nur “Pariser Beton”, das Gedanken von Ingeborg Harms reflektiert, die sie während und nach ihrem Interview mit Houellebecq hatte. Sie stellt ihm ziemlich unverblümte Fragen, etwa warum die Frauen entweder alt und erschlaffend und damit nicht mehr attraktiv oder permanent Sex-bedürftige Gespielinnen von Houellebecqs Roman- und vor allem Betthelden sind. Die Lakonische Antwort: Das wisse er auch nicht. Nicht urteilend aber auch nicht gerade zurückhaltend geht sie mit Houellebecqs Antworten und Reaktionen um. Ein kritisches Interview, wie man es sich z.B. auf den Literaturseiten der ZEIT ab und zu mal wünschen würde.

C. Francis, F. Gontier – Simone de Beauvoir

Wednesday, July 19th, 2006

Die beiden Autorinnen schreiben eine Biographie der wohl berühmtesten Literatin Frankreichs im 20. Jahrhundert. Unübersehbar sind die beiden für diese Person eingenommen, was der Biographie jedoch nur selten zum Nachteil gereicht. Auf etwa 400 Seiten wird auch ihr enges Verhältnis zu Sartre thematisiert, jedoch sind die Autorinnen meistens bemüht, lediglich darzustellen und nicht zu beurteilen. Manchmal jedoch ergreifen sie eindeutig Beauvoirs Partei, etwa wenn es um ihr nicht immer ganz leichtes Verhältnis zum US-amerikanischen Schriftsteller Nelson Algreen geht, der nicht damit leben konnte, lediglich eine “kontingente Beziehung” von Simone de Beauvoir zu sein, neben der “notwendigen Beziehung” zu Sartre.

Fazit: Alles in allem eine sehr interessante Biographie, die viel Lust auf die Entdeckung des Werkes von Sartre und Beauvoir macht.

Jerry Fodor – The Modularity Of Mind

Thursday, July 13th, 2006

Wie das vorige Buch habe ich auch dieses als Vorbereitung auf meine Abschlussprüfung im Studiengang Philosophie gelesen. Es stammt aus dem Jahr 1983, ist also 11 Jahre vor “The Elm and the expert” veröffentlicht worden.

Fodor stellt seine Theorie von der funktionalen Diversifikation des menschlichen Gehirns vor. Dabei erinnert er an Franz Joseph Gall, den Begründer der Phrenologie, der bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine solche funktionale Aufteilung des menschlichen Gehirns postuliert hatte. Gall hatte jedoch behauptet, dass sich von der genauen Schädelform auf die Ausgeprägtheit und Leistungsfähigkeit bestimmter intellektueller Fähigkeiten schließen lasse und hat damit einen ziemlich unglücklichen pseudowissenschaftliche Zweig der Anatomie begründet.

Fodor unterscheidet vertikale von horizontalen “faculties”.

vertikal horizontal
es gibt keine “faculties” wie allgemeines Urteilsvermögen, Aufmerksamkeit etc. sondern statt dessen diversifizierte Befähigungen wie z.B. die für Musik jeder mentale Inhalt ist früher oder später durch jede horizontale “faculty” zugreifbar
Eingabesysteme, die unsere Sinneswahrnehmungen vorverarbeiten zentrale Prozesse wie Analogieschlüsse über Domänengrenzen hinweg

Als Evidenzen für die Modulare Architektur unseres Gehirns weist Fodor auf eine Reihe psychologischer Untersuchungen hin. So können wir z.B. mühelos gleichzeitig (vollkommen parallel) Kaugummi kauen und rechnen. Auch die Eigenschaft kognitiver Funktionen, domänenspezifisch zu sein, ist ein Hinweis auf eine vertikale Diversifikation.

Auch in diesem Aufsatz fasst er Denken als eine Folge von (symbolischen) Transformationen mentaler Repräsentationen auf. In diesem Zusammenhang weist er auf die moderne Logik hin, die gezeigt hat, dass sich alle berechenbaren Prozesse auf Folgen von sehr weniger einfacher Basisoperationen zurückführen lassen. Ob das auf das menschliche Denken übertragbar ist, lässt er offen. Er weist jedoch darauf hin, dass wahrscheinlich niemand – auch er selbst nicht – davon überzeugt ist, dass ein menschliches Gehirn architekturell große Ähnlichkeit mit einer Turingmaschine hat. Er beharrt aber darauf, das eine funktionale Ähnlichkeit besteht.

Er postuliert ein Gesetz, von dem er hofft, dass es später mal als “Fodors erstes Gesetzt von der Inexistenz der Kognitionswissenschaft” in die Wissenschaftsgeschichte eingeht. Es lautet etwa wie folgt: Je globaler (horizontaler) ein kognitiver Prozess ist, desto weniger kann er von irgend jemandem verstanden werden.

Abweichend von der Kritik zu The elm and the expert stützt sich Fodor hier in großem Umfang auf empirische Erkenntnisse aus der Kognitionspsychologie. Er versucht Evidenzen für seine Theorie zu sammeln und kann auch eine ganze Reihe davon aufzählen. Seine Theorie bleibt jedoch ausschließlich theoretisch in dem Sinne, dass sie keinen Bezug zu Erkenntnissen aus dem Bereich der neurologischen Hardware herstellt.

Fazit: Wieder ein interessantes Stück Geschichte der Kognitionswissenschaft, mehr nicht.

Jerry Fodor – The elm and the expert

Wednesday, July 12th, 2006

Der Untertitel dieses Buches lautet: “Mentalese and it’s Semantics” und genau darum geht es auch. Mentalese ist ein von Fodor geprägter Ausdruck für die von ihm angenommene interne Sprache, in der wir denken. In “The elm and the expert” versucht er diesen Gedanken zu entwickeln und seinen Funktionalismus darzustellen.

Dabei hat er im Prinzip das gleiche Problem zu lösen, dass seit Descartes – wenn nicht schon früher – alle Philosophen zu lösen hatten, wenn sie das Denken zu erklären versuchten: Wie geht das Denken auf unserer subsymbolischen neuronalen Hardware mit den symbolischen Kategorien und Ideen zusammen?

Fodor formuliert den Gegensatz etwas anders: Die Alltagspsychologie sagt uns, dass mentale Zustände typischerweise intentional sind. Denken ist immer auf ein Objekt, auf eine Handlung, auf ein Ziel hin gerichtet. Wenn ich denke, dass ich gleich etwas essen gehen will, dann macht dieser Gedanke keinen Sinn ohne die Gerichtetheit meiner selbst auf dieses Essengehen.

Auf der anderen Seite steht die moderne Kognitionswissenschaft – Fodor bezieht sich vor allem auf Turing -, derzufolge mentale Zustände berechenbar (“computational”) sind. Als Evidenz für diese Aussage führt Fodor an, dass Gedankengänge, die von wahren Prämissen ausgehen und logisch korrekte Schlussfolgerungen enthalten, zu wahren Schlüssen gelangen. Es gibt also so etwas wie Wahrheitserhaltung beim Denken. Ein Konzept wie logische Wahrheit ist jedoch nur für Symbole bzw. Symbolfolgen und -transformationen denkbar. Wie soll Wahrheitserhaltung auf subsymbolischer Ebene funktionieren. Also muss sie auf symbolischer Ebene stattfinden. Daraus folgert Fodor mit Turing, dass das menschliche Gehirn regelhafte (Syntax!) Symbolmanipulation beim Denken ausführt, dass Denken mit Symbolmanipulation identisch ist.

Er muss also zwei Aussagen in Einklang bringen:
1. “mentale Zustände sind intentional” und
2. “mentale Zustände sind computational”

Nachdem er die beiden Aussagen kurz und bündig vorgestellt hat, verwendet er weitere 75 Seiten, um mit Gedankenexperimenten und manchmal ziemlich aufwendigen Theoriekonstruktionen nachzuweisen, dass das eine das andere nicht ausschließt, beide Aussagen also eigentlich dasselbe ausdrücken.

Klar wird aber vor allem eines: Im Sinne von Lakoff und Johnson befindet er sich immernoch in der ersten Generation der Kognitionswissenschaft, die Theorien entwickelt, die kaum oder keinen Bezug zur Empirie haben. Wenn ich mich für die Funktionsweise der visuellen Wahrnehmung meiner Katze interessiere, dann lese ich zunächst einige Bücher über die (Neuro-)Anatomie von Katzen und befasse mich möglicherweise noch mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen auf diesem Gebiet, um auf den aktuellsten Stand der Wissenschaft zu kommen. Überträgt man Fodors Vorgehensweise auf das genannte Problem, so sähe der Ansatz so aus: Einfach mal überlegen, wie das bei einer Katze funktionieren könnte; empirische Erkenntnisse aus der Neurologie links liegen lassen; wild spekulieren und die entstehenden Theorien anhand von Gedankenexperimenten auf die Probe stellen bzw. weiterentwickeln.

Mein Vergleich hinkt deshalb etwas, weil sich das menschliche Denken nicht so leicht untersuchen lässt wie die visuelle Wahrnehmung der Katze aus meinem Beispiel. Dennoch ist dieses Buch 1994 veröffentlicht worden, zu einer Zeit also, als die in der Neurokognition verbreiteten bildgebenden Verfahren längst etabliert und z.B. Spiegelneuronen längst entdeckt waren, die empirisch belegbare Hinweise auf die Art geben können, wie unser Denken abläuft. Von all diesen empirischen Evidenzen findet man bei Fodor nichts.

Fazit: Ein interessantes Stück Geschichte der Kognitionswissenschaft. Wenn die Philosophie sich auf diese Weise in der Kognitionswissenschaft (hier repräsentativ für andere Naturwissenschaften) nützlich zu machen versucht, braucht sie sich nicht zu wundern, wenn die Naturwissenschaftler immer kopfschüttelnd von “herumphilosophieren” sprechen.