Archive for May, 2006

Anatoli Boukreev – Der Gipfel

Thursday, May 18th, 2006

Eigentlich wurde das Buch von G. Weston DeWalt geschrieben, aber es geht um Anatoli Boukreev, einen kasachischen Extrembergsteiger, der sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion irgendwie finanziell über Wasser halten muss und den es immer wieder in die Berge zieht. In den 1990er Jahren begannen die kommerziellen Bergexpeditionen auch den Mt. Everest als Ziel mit in ihre Kataloge aufzunehmen.

Boukreev wurde von Scott Fischer engagiert, dem Leiter der Expedition der US-amerikanischen Firma Mountain Madness, einem Anbieter, der sich in jenem Jahr zum ersten Mal mit einer kommerziellen Expedition an diesem Berg versuchte und seine Position auf dem Markt erst etablieren musste. Boukreev war bekannt als zuverlässiger und leistungsfähiger Bergsteiger, er hatte bereits mehrere 8000er ohne Sauerstoff bezwungen.

1996 waren mehrere komerzielle Expeditionen am Everest. In einer anderen befand sich zeitgleich mit Boukreev der US-amerikanische Journalist und Bergsteiger John Krakauer, der als erste über den Wahnsinn am Everest in einem größeren Rahmen publizierte. Viele der Teilnehmer, die zwischen 60 000 und 70 000 Dollar für die Besteigung bezahlt hatten, waren nicht wirklich geeignet. Sie verfügten über zu wenig Erfahrung auf hohen Gipfeln und/oder zu wenig Kondition.

Den Gipfelsturm unternahmen alle Expeditionen am gleichen Tag. An den Fixseilen, die zur Sicherung auf gespannt waren, kam es zu regelrechten Staus. Weitere Verzögerungen führten dazu, dass die letzten Kunden erst gegen 16 Uhr den Gipfel erreichten. Der Sauerstoffvorrat der zahlenden Kunden – keiner schaffte es ohne künstlichen Sauerstoff – war jedoch so berechnet, dass 14 Uhr der letzte Zeitpunkt zum Umkehren gewesen wäre. Dazu kam am Nachmittag ein Schneesturm. Großes Chaos brach aus. Einige Expeditionsteilnehmer brachen ohne den künstlichen Sauerstoff zusammen. Die Sichtweite fiel unter 10 Meter und nicht wenige von denen, die es fast bis zu einem Schutz bietenden Lager auf der Südflanke des Gipfels geschafft hatten, liefen im Schneesturm orientierungslos an den rettenden Zelten vorbei.

Boukreev war früher abgestiegen, um den Kunden ggf. mit heißem Tee und Sauerstoff auf ihrem Abstieg entgegenzukommen. Auf dem Südsattel rettete er fünf anderen Bergsteigern das Leben, indem er sie völlig erschöpft z.T. ins Lager tragen musste. Danach brach er selbst vor Erschöpfung in seinem Zelt zusammen. Scott Fischer, sein Chef und Expeditionsleiter kam an diesem Tag ums Leben. Vier weitere aus den anderen Expeditionen ebenfalls. Bei Krakauer kommt Boukreev nicht gut weg. Krakauer spekulierte darüber, dass Boukreev sich selbst in Sicherheit bringen wollte und deshalb früher abgestiegen sei. Von der Rettungsaktion auf dem Südsattel ist in seinen ersten Veröffentlichungen nicht die Rede.

Das scheint ein Hauptanliegen dieses Buches zu sein, nämlich Boukreevs Ruf zu verteidigen. Sein Einsatz zur Rettung anderer wurde von einer US-amerikanischen Bergsteigervereinigung ausgezeichnet und er erhielt international Anerkennung. Ende gut, alles gut? 1997 kam er im Himalaya bei einem Lawinenabgang ums Leben. Das vorliegende Buch verteidigt seinen Ruf also posthum.

Fazit: Wie das Buch von Kammerlander spannend zu lesen. Rätselhaft ist mir bis jetzt, wie Menschen so viel Geld ausgeben können, um ihr Leben buchstäblich auf’s Spiel zu setzen.

Hans Kammerlander – Bergsüchtig

Sunday, May 14th, 2006

Nach der Lektüre von allerlei philosophischer Abhandlungen über Descartes und das Körper-Geist-Problem in seiner Nachfolge brauchte ich für das Wochenende mal wieder etwas zur Zerstreuung. In der Uni-Bibliothek findet sich seit neustem ein Regal mit Sport-Büchern neben der in letzter Zeit stärker frequentierten Biographiensammlung. Unter zahlreichen Fußballbüchern, die ich nie auch nur aufschlagen werde und lauter Ratgebern, wie man beim Nordic Walking die meines Erachtens sinnlosen Stöcke schwingt, finden sich auch einige biographische Bücher von bzw. über Bergsteiger.

Der Südtiroler Hans Kammerlander ist einer von ihnen, der u.a. viel mit Reinhold Messner geklettert ist. Mich hat vor allem interessiert, was einen Menschen dazu treibt, so sehr sein Spiel auf’s Leben zu setzen, um ein paar Minuten auf einem Gipfel nach Luft zu schnappen und dann halsbrecherisch wieder nach unten zu klettern, um dort vor Erschöpfung fast zusammenzubrechen. Kammerlander hat auf seinen Expeditionen zwei seiner Freunde beerdigen müssen und allein bei seiner Everest-Besteigung eine ganze Reihe von Toten auf dem Weg zum Gipfel angetroffen.

Nach der Lektüre der 343 sehr flüssig geschrieben Seiten in weniger als zwei Tagen bin ich so ratlos wie vorher. Kammerlander kann selbst nicht erklären, was ihn immer wieder zu neuen Extremleistungen antreibt, mehrfach hebt er deren Sinnlosigkeit hervor. Und dann beschreibt er die tiefe Zufriedenheit, die ihn überkommt, wenn er eine Herausforderung gemeistert hat. Rückblickend gesteht er ein, dass er häufig fahrlässig gehandelt und das Glück herausgefordert hat. Einmal wurde wenige Meter entfernt von ihm einer seiner Freunde vom Blitz erschlagen, ein anderes Mal verliert er um ein Haar seine Zehen durch Erfrierung. Und doch bricht er immer wieder auf. Seine sportlichen Leistungen sind herausragend und für mich unerreichbar. Das eingegangene Risiko bleibt für mich unverständlich.

Fazit: Spannend geschrieben, manchmal nachdenklich und stets unterhaltsam.

Karin Friedrich – Wege ins gelobte Land

Saturday, May 13th, 2006

Karin Friedrich hat zehn Lebensgeschichten von jüdischen Emigranten gesammelt, die allesamt kurz vor oder nach dem zweiten Weltkrieg in Israel eine neue Bleibe gefunden haben. Unter anderem begegnet man in den biographischen Texten Ben-Chorin und Teddy Kollek. Wie in den meisten Büchern, die ich bisher zum Israel-Palästina-Konflikt gelesen habe, liefert auch dieses Buch mehr Einblick als Überblick, ist einseitig, macht daraus aber auch keinen Hehl.

Fazit: Interessante und teilweise anrührende Biographien.