Archive for March, 2006

Robert Louis Stevenson – The Suicide Club

Tuesday, March 28th, 2006

Eine Kurzgeschichte aus dem Jahr 1878, in der ein Prinz – ähnlich wie Doyles Sherlock Holmes etwas ein Jahrzehnt später (1887) – eine Vereinigung von Selbstmördern auffliegen lässt. Kurios: In der Vereinigung sind nur potentielle Selbstmörder Mitglied, die sich nicht trauen, selbst Hand an sich zu legen. Jeden Abend wird unter den Mitgliedern durch Zufall ein Delinquent ausgewählt und eine zweite Person, die den Tod des Delinquenten herbeiführt, wobei es wie ein Unfall auszusehen hat.

Ich hätte diese Geschichte intuitiv von der Konstruktion und der (mangelnden) Flüssigkeit in Stevensons Frühwerk eingeordnet, ein Blick in die Biographie zeigt jedoch, dass er zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung bereits sechs Jahre lang gedruckt wurde.

Fazit: Nicht nach meinem Geschmack.

Robert Louis Stevenson – A Lodging for the Night

Sunday, March 26th, 2006

Die Kurzgeschichte beschreibt einen mittellosen magister artis, der sich durch Gelegenheitsdiebstäle im Paris des 15. Jahrunderts über Wasser hält. Durch Zufall wird er Zeuge eines Mordes und irrt danach einige Zeit durch die winterlichen Straßen. Er muss eine Unterkunft finden und wird schließlich bei einem alten Ritter eingelassen, in dessen Haus er zunächst eigentlich einbrechen wollte.

Er wird zunächst gastfreundlich aufgenommen und bewirtet, bald jedoch entspinnt sich zwischen Gast und Gastgeber ein Gespräch über die Moral des Krieges, über Ehre und die Frage, ob das Dasein eines Diebes, der nicht zum Spaß sondern zum Überleben stielt mit dem eines Soldaten, der als Söldner sein Geld im Krieg zum Überleben verdient, vergleichbar ist. Für den alten Soldaten ist das Schlachtfeld ein Ort, an dem für Gott, König, Vaterland und die Ehre gekämpft wird, für den hungrigen Gelegenheitsdieb ein Ort, an dem Menschen um ihr Überleben kämpfen. Die beiden kommen zu keiner wirklichen Diskussion, weil sich der alte nicht darauf einlassen mag. Das Ende ist wie der Anfang: der Dieb vor die Tür gesetzt und bleibt was er ist – obdachlos. Der alte Ritter bleibt ehrbar und stolz auf den im Krieg erworbenen Ruhm. Eine Veränderung dieser Verhältnisse scheint unmöglich.

Robert Louis Stevenson – The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde

Sunday, March 26th, 2006

Stevenson beschreibt den respektabeln und häufig gute Taten vollbringen Dr. Jekyll. Er ist Arzt in London, hat ein Vermögen geerbt, führt ein großes Haus mit einer Anzahl von Angestellten, gibt gemütliche Abendveranstaltungen und liest religiöse Werke. Ansonsten ist er fleißig und erfolgreich in seiner Arbeit. Als Charakter passt er genau ins presbyterianistische, vom Calvinismus geprägte Großbritannien kurz vor dem Beginn des 20. Jahrhunderts.

Doch dieser Dr. Jekyll muss feststellen, dass diese Persönlichkeit nur eine Seite von ihm ist. Er empfindet in sich einen Hass auf bürgerliche Fassade, auf Moral und Gesetz. In sich hat er den Drang zum wilden und anarchischen Leben. Der Drang zu einer Befreiung von den engen Normen, die dem sexuellen Streben auferlegt wurden wird angedeutet, das Ausleben von Wut, Hass und Gewalt tauchen explizit auf, wenn Hyde einen Parlamentarier brutal zu Tode prügelt und anschließend seine Leiche noch fast bis zur Unkenntlichkeit zertrampelt.

Dr. Jekyll entwickelt eine Substanz, die ihn von seinen dunklen Charakteranteilen befreien soll, von den niederen Anteilen seiner Persönlichkeit. Nach der ersten Anwendung muss er jedoch feststellen, dass die Substanz statt dem gewünschten Zweck lediglich sein alter ego klar zutage treten lässt: Einen linkisch aussehenden, jüngeren Mr. Hyde. Er ist von kleinerer Statur, fast wie ein Zwerg, kräftig und das pure evil, wie es im englischen Original heißt. Eine weitere Anwendung der Substanz führt zur Rücktransformation von Hyde in den respektablen und angenehmen Dr. Jekyll. Schnell muss Jekyll feststellen, dass er bei aller Abneigung gegen die Eigenschaften Hydes, doch nur zu gerne in dessen Identität schlüpft, ja am Ende der Geschichte verwandelt er sich ohne Anwendung der Substanz in immer kürzeren Abständen von Dr. Jekyll in Mr. Hyde und braucht immer größere Mengen der Chemikalie, um wenigstens für Stunden als Dr. Jekyll zurückzukehren.

Kurz bevor ich das letzte Kapitel zuende lesen konnte, hörte ich beim Frühstück die Predigt von Dekanin Gerlinde Hühn in der Radioübertragung eines evangelischen Gottesdienstes im Deutschlandfunk. In der Predigt ging es u.a. um ein Leben im Bewusstsein des unvermeidlichen Todes. Der Glaube an Jesus und ein Leben nach seinen Vorgaben, so die Predigt, gebe Kraft, die Mühen des Alltags zu ertragen und ein ordentliches, rechtschaffenes und erfülltes Leben zu leben.

Während Jekyll ein gottesfürchtiger Mann ist, schreibt ihm Hyde blasphemische Kommentare in seine religiösen Bücher.

Stevenson geißelt den Presbyterianismus seiner Zeit, indem er einen Protagonisten schafft, der unter den gesellschaftlichen Normen nicht anders kann als in zwei schizophrene Teile zu zerfallen, die im Verlauf der Geschichte immer weiter auseinanderdriften, um am Ende unvereinbar tragisch zu sterben.

Die Predigt habe ich deshalb erwähnt, weil sie mich ein bisschen verstehen ließ, was Stevenson gemeint haben könnte.

H.G. Wells – The War of the Worlds

Saturday, March 25th, 2006

Erst kürzlich wieder neu verfilmt wollte ich endlich einmal den Roman zu der Geschichte lesen. Und da offenbart sich, dass es um wesentlich mehr geht als das Ausgangsmaterial zu einem Film mit schnellen Actionsequenzen. Wells konziperte kurz vor Beginn des 20. Jahrhunderts die Schreckensvision von übermächtigen außerirdischen Invasoren vom Mars, und kann in diesem Rahmen philosophische Gedanken abhandeln, die sich ohne diesen Rahmen wohl kaum jemand bis zuende durchgelesen hätte. Es geht um die Frage der Überlegenheit der menschlichen Rasse, es geht um die Selbstverständlichkeit, mit der wir Tiere und Pflanzen zu ausschließlich nutzbringenden Objekten unseres Handelns machen und es geht – wie auch schon in Time Machine um die sozialdarwinistischen Fragen seiner Zeit.

Im Angesicht der Katastrophe trifft der Icherzähler – nach eigener Aussage ein akademisch gebildeter Autor von Aufsätzen zu sozialphilosophischen Fragen – auf einen einfachen Soldaten, der sich in einer Welt des Untergrundkrieges zwischen Mensch gegen die Marsianer träumt. Mitglieder dieser Untergrundbewegung sollen nur die starken Menschen sein, für die schwachen ist kein Raum und sie werden den Marsianern als Futter überlassen.

Auch der Gedanke, dass eine Gesellschaft im Angesicht der unmittelbaren Bedrohung am schnellsten weiterentwickelt, weil sie im Zuge der Sicherung ihrer eigenen Existenz auf das “wesentliche” fokusiert wird findet sich mehr als einmal. Wissenschaft dient zur Verbesserung der Abwehr der Bedrohung und wiederum die Steigerung der Überlebensfähigkeit der Population, indem schwache Individuen an den Rand gedrängt werden.

Diese Gedanken hört man zur Zeit zum Glück seltener. Trotzdem reizen sie, sich damit auseinanderzusetzen.

Fazit: Unabhängig, ob man das Buch als spannenden Roman und/oder als Geschichte als Rahmen für philosophische Gedanken liest, ein Gewinn ist es allemal.

Elias Canetti – Die Blendung

Saturday, March 18th, 2006

Es geht um das Gelehrtenleben, das einfache Leben und den schmalen Grat, der Alltag und Wahnsinn trennt. Dr. Kien ist berühmter Sinologe und lebt zurückgezogen in seiner aus 25000 Bänden bestehenden Privatbibliothek. Die Fenster hat er zumauern lassen, um nicht vom Treiben unten auf der Straße abgelenkt zu werden und um mehr Stellfläche für die Bücherregale zu haben. Spärliches Licht liefern nur einige Dachfenster. Als Junggeselle hat er sein Leben der Wissenschaft verschrieben genauso wie seinen üppigen Erbteil, der zum größten Teil für seine Bibliothek draufgegangen ist.

Nach acht Jahren schafft es seine Haushälterin, eine einfältige alte Frau, ihn zu einer Heirat zu überreden und macht ihm das Leben zur Hölle, aus der er sich in den Irrsinn rettet. In seinem Wahn trifft er auf allerlei eigennützige Mitmenschen, die in ihrer Habsucht und ihrem Egoismus, ihrer Selbstverliebtheit und ihrem Geltungsdrang nicht weniger irrsinnig als Kien erscheinen.

Canettis Art zu beschreiben kennt keine Grenze zwischen dem wirklichen Handeln und dem gedachten, gewünschten Handeln der Personen. Kiens Irrsinn, der schließlich darin gipfelt und tragisch endet, dass er sich in seiner Bibliothek verbrennt, unterscheidet sich wenig von den größenwahnsinnigen Phantasien des Zwergs Fischerle, der sich als Schachweltmeister in den USA von Frauen träumt.

Gestalten wie der Hausbesorger Pfaff, der erst seine Frau und dann seine Tochter ungestraft totgeprügelt hat und nun die Mieter in Angst hält und die Bettler verprügelt öffnen Abgründe.

Fazit: Zeitweise ziemlich schwer verdauliche Kost aber sehr lesenswert.

Shimon Peres – Shalom

Sunday, March 12th, 2006

Nach der Enttäuschung über die sog. Biographie über Arafat lag es nahe, auch mal einen Bericht aus Sicht der israelischen Seite zu lesen. Die Memoiren von Shimon Peres, der bereits mit 20 Jahren politische Ämter im damals jungen Israel bekleidete sind in dieser Hinsicht ziemlich interessant. Peres, selbst eingewanderter Jude aus später sowjetischen Gebiet, hatte nie einen Zweifel an der Daseinsberechtigung des israelischen Staates und hat sich vom Anfang seiner politischen Karriere an darum bemüht, diesen Anspruch militärisch zu verteidigen. Lange Jahre war er im Bereich Landesverteidigung mit der Waffenbeschaffung für den jungen Staat befasst, mit dem Atomprogramm und später als Verteidigungsminister.

Daneben muss man ihm aber auch seine Friedenbemühungen zugute halten, die in den 1990er Jahren in den Osloer Verhandlungen und dem Friedsschluss mit den Palästinensern endeten.

Interessant ist aus biograhpischer Sicht auch sein Herumlavieren in einer für die israelischen Sicherheitsorgane sehr unrühmlichen Affäre. Zwei junge Palästinenser hatten einen Bus mit Israelis unter ihre Kontrolle gebracht und waren mit diesem Bus an einen israelischen Straßenkontrollpunkt gelangt. Es kam zu einer Schießerei, bei der eine der Geiseln im Bus tödlich getroffen wurde. Die beiden Kidnapper wurden festgenommen, wovon es später Fotos von Journalisten gab. Später behauptete man jedoch, die Kidnapper seien beim Schusswechsel ums Leben gekommen, was verständlicherweise zu einer Krise führte. Mehrere Untersuchungskommissionen wurden eingesetzt, es wurden aber keine Verantwortlichen für den Tod der beiden Palästinenser genannt. Peres argumentiert in seiner Biographie ausschießlich formalpolitisch, dass es ihm in seiner Position in der Exekutiven damals nicht zugestanden habe, die Affäre nochmal aufzurollen, weil er sonst eine Funktion der Jurisdiktion übernommen hätte.

Diese fast 450 Seiten waren sehr interessant zu lesen und vermitteln eine selbstverständlich nicht neutrale aber dafür um so tiefere Einsicht in die Vorgänge der ersten 50 Jahre des modernen Israels.