Stevenson beschreibt den respektabeln und häufig gute Taten vollbringen Dr. Jekyll. Er ist Arzt in London, hat ein Vermögen geerbt, führt ein großes Haus mit einer Anzahl von Angestellten, gibt gemütliche Abendveranstaltungen und liest religiöse Werke. Ansonsten ist er fleißig und erfolgreich in seiner Arbeit. Als Charakter passt er genau ins presbyterianistische, vom Calvinismus geprägte Großbritannien kurz vor dem Beginn des 20. Jahrhunderts.
Doch dieser Dr. Jekyll muss feststellen, dass diese Persönlichkeit nur eine Seite von ihm ist. Er empfindet in sich einen Hass auf bürgerliche Fassade, auf Moral und Gesetz. In sich hat er den Drang zum wilden und anarchischen Leben. Der Drang zu einer Befreiung von den engen Normen, die dem sexuellen Streben auferlegt wurden wird angedeutet, das Ausleben von Wut, Hass und Gewalt tauchen explizit auf, wenn Hyde einen Parlamentarier brutal zu Tode prügelt und anschließend seine Leiche noch fast bis zur Unkenntlichkeit zertrampelt.
Dr. Jekyll entwickelt eine Substanz, die ihn von seinen dunklen Charakteranteilen befreien soll, von den niederen Anteilen seiner Persönlichkeit. Nach der ersten Anwendung muss er jedoch feststellen, dass die Substanz statt dem gewünschten Zweck lediglich sein alter ego klar zutage treten lässt: Einen linkisch aussehenden, jüngeren Mr. Hyde. Er ist von kleinerer Statur, fast wie ein Zwerg, kräftig und das pure evil, wie es im englischen Original heißt. Eine weitere Anwendung der Substanz führt zur Rücktransformation von Hyde in den respektablen und angenehmen Dr. Jekyll. Schnell muss Jekyll feststellen, dass er bei aller Abneigung gegen die Eigenschaften Hydes, doch nur zu gerne in dessen Identität schlüpft, ja am Ende der Geschichte verwandelt er sich ohne Anwendung der Substanz in immer kürzeren Abständen von Dr. Jekyll in Mr. Hyde und braucht immer größere Mengen der Chemikalie, um wenigstens für Stunden als Dr. Jekyll zurückzukehren.
Kurz bevor ich das letzte Kapitel zuende lesen konnte, hörte ich beim Frühstück die Predigt von Dekanin Gerlinde Hühn in der Radioübertragung eines evangelischen Gottesdienstes im Deutschlandfunk. In der Predigt ging es u.a. um ein Leben im Bewusstsein des unvermeidlichen Todes. Der Glaube an Jesus und ein Leben nach seinen Vorgaben, so die Predigt, gebe Kraft, die Mühen des Alltags zu ertragen und ein ordentliches, rechtschaffenes und erfülltes Leben zu leben.
Während Jekyll ein gottesfürchtiger Mann ist, schreibt ihm Hyde blasphemische Kommentare in seine religiösen Bücher.
Stevenson geißelt den Presbyterianismus seiner Zeit, indem er einen Protagonisten schafft, der unter den gesellschaftlichen Normen nicht anders kann als in zwei schizophrene Teile zu zerfallen, die im Verlauf der Geschichte immer weiter auseinanderdriften, um am Ende unvereinbar tragisch zu sterben.
Die Predigt habe ich deshalb erwähnt, weil sie mich ein bisschen verstehen ließ, was Stevenson gemeint haben könnte.