Archive for February, 2006

Jeremy Wilson – Lawrence von Arabien

Tuesday, February 28th, 2006

Wilson schreibt eine sehr ausführliche und sorgsam recherchierte Biographie über einen britischen Helden des ersten Weltkriegs, dessen Namen ich vor der Lektüren nie gehört habe. Lawrence hat den Beinamen “von Arabien” deshalb erhalten, weil er im ersten Weltkrieg maßgeblich den Widerstand der Araber unter Feisal gegen die Türken organisieren half, der letztlich dazu führte, dass sich die Türken aus dem nahen Osten zurückziehen mussten.

Lawrence war im wahrsten Sinne des Wortes vielseitig begabt: Seine Erinnerungen an den Krieg unter dem Titel “Die sieben Säulen der Weisheit” wurde ein Besteller ebenso wie seine Neuübersetzung von Homers Odyssee ins Englische.

Nach dem Krieg entschied er sich, weiter beim Militär zu bleiben, allerdings nicht als Offizier, wie es ihm nach seinen Verdiensten im ersten Weltkrieg zugestanden hätte sondern als einfacher Mannschaftsdienstgrad. Kameradschaftlichkeit und Geselligkeit hatte er im Krieg so sehr zu schätzen gelernt, dass er lange Zeit brauchte, bis er sich schließlich ins Privatleben zurückzog.

Er unterhielt zahlreiche Freundschaften zu bedeutenden Literaten seiner Zeit, u.a. G.B. Shaw, Thomas Hardy, Yeats etc. Zu seinem Tod kondolierte gar die englische König seiner Familie.

Nach der erbärmlichen Biographie über Arafat war es eine wohltat, eine dermaßen anspruchsvolle Biographie zu lesen.

Interessant im Kontext des Palästina-Israel-Konfliktes ist, dass sich der Konflikt mit den jüdischen Siedlern bereits Ende des ersten Weltkriegs abzeichnete. Der arabische König Feisal übermittelte schon damals ein Memorandum an die britische Regierung, in der er die jahrhunderte alte Freundschaft zwischen den Arabern und alteingesessenen jüdischen Volksgruppen im nahen Osten betonte, aber bereits auf die Probleme mit den aus Europa und den USA immigrierten neuen jüdischen Siedlern hinwiesen, die sich auf ihr biblisches Sendungsbewusstsein zurückzogen und an keinem Dialog mit den Arabern Interesse zeigten. Feisal wies schon damals darauf hin, dass dies zu Konflikten oder schlimmerem führen werde.

Helga Baumgarten – Arafat. Zwischen Kampf und Diplomatie

Wednesday, February 15th, 2006

Obwohl dieses Buch schon 2001 bei Ullstein erschienen ist, hat die Bibliothek der Uni Chemnitz dieses Buch erst kürzlich angeschafft und so stand es wie das Buch von Armstrong im Regal der Neuerwerbungen, an dem ich immer vorbeigehen muss, wenn ich im Lesesaal lerne. Komisch, dass die Bibliothek ein Buch neu anschafft, das offenbar inhaltlich veraltet ist. Arafat stand bei Drucklegung des Buches in Rammalah unter Hausarest, inzwischen ist er gestorben.

Insgesamt bleibt nach dem Lesen des Buches einige Ratlosigkeit zurück. Verkauft als biographische Sicht auf Arafats Leben enthält es wenige biographische Daten – vielleicht gibt es auch nur wenige – und mehr Informationen über den israelisch-palästinensischen Konflikt. Manchmal taucht sein Name über zig Seiten nicht auf.

An mehr als einer Stelle wirkt es wie mit der heißen Nadel gestrickt. Aufeinander folgende Abschnitte sind nicht chronologisch geordnet. Manchmal wird in einem Folgeabschnitt zeitlich wieder zurückgesprungen. Derselbe Quellenverweis finde sich in einer Fußnote und im Text.

Das Buch endet mit der wenig verschleierten Aufforderung der Autorin, die internationale Gemeinschaft müsse in diesem Konflik eingreifen. Insgesamt beschlich mich immer wieder der Eindruck, sie ergreife Partei und sei nicht bloß beschreibende Beobachterin.

Lance Armstrong, Sally Jenkins – Jede Sekunde zählt

Sunday, February 12th, 2006

Armstrong beschreibt mit einiger zeitlicher Distanz rückblickend seinen Kampf gegen den Krebs, der erst in weit fortgeschrittenem Stadium bei ihm diagnostiziert wurde. Irgendwie scheint es irreal, dass er es nach den Strapazen der Behandlung noch geschafft hat, wieder zur Weltklasse im Straßenradsport aufzuschließen und sie sogar über Jahre zu dominieren.
Die Sicht seines Trainers hatte ich bereits vor einiger Zeit gelesen.

Seine Lebensphilosophie ist so radikal wie sie mir symphatisch ist: Entweder schlafe ich oder ich mache die Sachen mit 150% Einsatz. An anderer Stelle (S.116) bezieht er sich im Kontext der Gretchenfrage auf eine Aussage von J. Craig Venter: Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass das Leben mit der Geburt beginnt und mit dem Tod endet und dass die meisten Menschen auf dieser Erde, wenn sie dies nur wirklich verstünden, ihr Leben ganz anders leben würden. Wir nehmen religiöse oder mysteriöse Kräfte und vertuschen mit ihnen unsere Unzulänglichkeiten, aber Himmel und Hölle sind beide hier auf der Erde, jeden Tag und wir führen unser Leben in ihrer Gegenwart.

Unter dem Eindruck dieser Zitate erscheint sein unbedingter Wille, die Tour de France zu gewinnen eigentlich wie eine Konsequenz seiner Lebensphilosophie. Dabei vergisst er jedoch nicht, auf Qualen und Rückschläge hinzuweisen, bisweilen etwas selbstverliebt. Alles ins allem betont er etwas zu oft, dass auch er nur ein gewöhnlicher Sterblicher ist, als dass man ihm abnehmen würde, dass er wirklich daran glaubt. Dennoch eine beeindruckende Biographie, die nicht nur für Radsportenthusiasten lesenswert ist.

Arthur Schnitzler – Traumnovelle

Saturday, February 4th, 2006

Die Traumnovelle habe ich zwar schon einmal gelesen, beim Gespräch darüber vor ein paar Tagen fiel mir aber auf, dass ich mich nicht mehr so richtig an den Inhalt erinnern konnte.

Schnitzler, ein Freund von Sigmund Freud, schreibt über die Beziehung von einer gutbürgerlichen Familie im Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Ehe ist glücklich, dennoch entfremden sich die beiden Ehepartner Fridolin und Albertine in ihren Träumen und geheimen Gelüsten voneinander. Während Fridolin bisher immer an die unverbrüchliche Treue seiner Albertine geglaubt hat, erzählt sie ihm eines Abends von einer Bekanntschaft im vergangenen Urlaub, für die sie bereitwillig ihr bürgerliches Leben aufgegeben hätte, um mit dem Fremden durchzubrennen.

Fridolin, der seine Lust nach anderen Frauen nun stärker empfindet, irrt durch das nächtliche Wien, steigt erst bei einer jungen Prostituierten ab, mit der er sich aber zu nicht mehr als Reden einlassen mag um schließlich bei einer geheimen Gesellschaft zu landen, die in einer Villa außerhalb der Stadt wilde Orgien zu feiern scheint.

Seine Identität fliegt in dieser Gesellschaft auf bevor die Orgie richtig beginnt. Eine der Frauen, die soviel Begierde in ihm erzeugt, dass er auch auf ihre ausdrückliche Warnung in der Gesellschaft blieb, opfert sich für ihn. Er wird außerhalb der Stadt abgesetzt, der Freund, der ihn in das Haus brachte wird gezwungen, die Stadt zu verlassen.

Was passiert scheint wie ein Traum. Gleichzeitig sind die Begierden so real wie im Traum. Realität und Traum gehen fast fließend in einander über.

John Irving – Until I find you

Friday, February 3rd, 2006

Irving schreibt Bücher, die mir gefallen und solche, die mir nicht so sehr gefallen. Zur letzteren Klasse gehört “Die wilde Geschichte vom Wassertrinker” ebenso wie dieser Titel.

Die US-amerikanische Ausgabe des Romans kommt in einem Hardcover mit schönem Papier und sehr angenehmer Typographie daher. Die Bindung der nicht ganz gleich breiten Blätter führt dazu, dass die Seiten nicht bündig gegenüber der Bindung enden. Sieht nett aus, scheint aber eine amerikanische Sache zu sein. Bei den Hardcover-Ausgaben von Barnes&Noble ist es ähnlich (vgl. Wells – Time Machine). Mit 820 Seiten hat nicht nur der Kopf zu kämpfen sondern auch die Arme des Lesers.

Irving beschreibt die Geschichte des erfolgreichen Schauspielers Jack Burns, der als vier Jahre altes Kind mit seiner Mutter durch Europa zieht, um seinen Vater zu suchen. Seine Mutter verdient ihr Geld in Tatoo-Studios. Jacks Vater William ist Orgelmusiker. In jeder Stadt, in der sie ihn suchen scheint es, als sei William abgereist, kurz bevor sie ihn treffen können. Allein, William hinterlässt eine Spur verführtert Mädchen und Frauen, die bereitwillig Auskunft erteilen, wohin Jacks Vater geflohen ist.

Irgendwann sind die beiden die Reiserei leid und kehren nach Toronto zurück, wo Jack in einer vormaligen Mädchenschule aufgenommen wird, die erstmals auch Jungen in den Klassenstufen eins bis vier zulässt. Spätestens hier beginnen Irvings nicht mehr endende Randgeschichten über die sexuellen Belästigungen, denen sich der kleine Jack ausgesetzt sieht, angefangen bei seinem Kindermädchen, das ihn so oft als Sexualpartner missbraucht, dass der kleine “Meester Penis” ganz wund wird, über die älteren Mädchen in der Schule, die Lehrerinnen, die Küchenfrauen in der Schule usw. Hier sinkt Irving auf schmieriges Erotikniveau ab, ohne dass die Geschichtchen erotisch sind. Trotzdem wiederholen sich die Beschreibungen sexueller Details wieder und wieder.

Wenig überraschend kann Jack später keine dauerhaften Beziehungen mit Frauen eingehen, er sucht sich eine Psychologin, der er seine Lebensgeschichte in streng chronoligischer Reihenfolge erzählt. Nach dem Tod seiner Mutter stellt sich heraus, dass nicht der Vater es war, der vor Jack geflohen ist sondern seine Mutter, die ihn zur Strafe dafür, dass William sie verlassen hat, von seinem Vater ferngehalten hat. Der Besuch in Europa stellt sich im Nachhinein als der Versuch heraus, den Vater doch noch dazu zu bringen, mit der Mutter eine “normale” Familie zu gründen. Der Versuch scheitert, weil William nicht mit ihr zusammenleben will. Allerdings scheitert er zu Jacks Kosten, der auf diese Weise keinen Kontakt zum Vater bekommt, ohwohl der Kontakt alles ist, was er sich wünscht.

Auch hier liegen die Nerven des Lesers spätestens nach der Hälfte des Romans blank. Die Weinerlichkeit, die Selbstbemitleidung des inzwischen erwachsenen Jack Burns, mit der er seinen Vater sucht, ist für mich schwer nachzuvollziehen, obwohl ihre Beschreibung zig Seiten füllt. Alles Streben gilt der Suche nach dem Vater, die Sublimierung der Suche führt zu regelmäßigen Besuchen bei der Psychologin.

Der Roman endet glücklich, nachdem Jack seinen Vater und eine Schwester in Europa trifft. Endlich kann er sein, wie sein wahres Wesen ist – er muss nicht mehr schauspielern. Alles ist rosarot und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Fazit: Ein schwaches Ende eines sehr mäßigen Romans. Hoffentlich wird der nächste wieder besser.