Heinz-Günter hatte mich im Sommer auf Arno Schmidt gebracht und gleich leihweise mit Lesestoff versorgt. Aus Ehrfurcht vor Stil und Unzugänglichkeit der Texte habe ich mich bis heute morgen nicht daran gewagt.
Schmidt hat sich für (oder in seiner Jugend sowieso?) “Sitara und der Weg dorthin” offenbar mit allem beschäftigt, was jemals von Karl May oder wenigstens unter dessen Namen veröffentlicht wurde. Ausführlich vergleicht er verschiedene Werkausgaben und die Werke der Sekundärliteratur.
Mit der Methode des Psychoanalyse versucht er May eine starke, wenn auch unterdrückte Homosexualität nachzuweisen. Mit dem Nachweis im Fahrwasser Freuds ist das so eine Sache. Ich habe lange überlegt, ob das vielleicht ein Scherz von Schmidt ist und er seine Leser zum besten halten will. Eine Recherche bei Google brachte aber durchweg ernsthafte Artikel in diesem Zusammenhang hervor. So schreibt z.B. [Ulrich Goerdten, 1989]:
Dies nämlich ist eine Gemeinsamkeit von Psychoanalyse, Kunstproduktion und von erklärender Kunstvermittlung, daß es in ihnen um subjektive Wahrheiten geht, die allenfalls persuasiv-recommendierend, das ist vorsichtig anheimstellend, um Zustimmung werbend vorgetragen werden können, auch aus Gründen des Respekts vor den gleichberechtigten individuellen Erlebens- und Verstehensbedingungen anderer.
Klar, Arno Schmidt produziert (literarische) Kunst. Aber selbst vor Freud war die Erkenntnistheorie und -kritik schon so weit, dass es gemeinhin bekannt war, mit Methoden wie der Psychoanalyse das Wesen der Welt (oder des Autors) pseudo-schlüssig auf alles mögliche und in diesem Fall auf sublimierte Homosexualität zurückführen zu können. Ich kann “Sitara” aus diesem Grund nicht anders als eine Persiflage auf übertriebene Psychoanalyse lesen – mit entsprechender Belustigung. Wenn einem der Leser dieses Blogs ähnlich gegangen ist, wäre ich für eine Rückmeldung dankbar.