Michel Houellebecq – Die Möglichkeit einer Insel
Monday, October 24th, 2005Letzten Donnerstag brachte der Postbote Houellebecqs gerade im September erschienen letzten Roman. Elemente aus der “Ausweitung der Kampzone”, “Plattform” und “Elementarteilchen” werden darin zu einer düsteren Dystopie 2000 Jahre in der Zukunft verschmolzen. Wie in “Brave New World” werden die Neo-Menschen nicht mehr geboren sondern als Erwachsene geklont. Das Leben beginnt für einen Klon im Zustand eines 18jährigen und endet mit etwa 100 Jahren.
Viele Neo-Menschen scheint es auf der von Atomkrieg und Umweltkatastrophen verwüsteten Erde nicht zu geben, und die wenigen leben physisch vollkommen isoliert. Daniel24 und Daniel25 , Klone der 24. und 25. Generation von Daniel1, geboren im 20. Jahrhundert, wo er ein so erfolgreicher wie niveauloser französischer Zyniker war, kommentieren den Lebensbericht dieses Menschen aus unserer Gegenwart.
Houellebecq geißelt Jugendkult, indem er ihn zum einzigen Ziel unserer Generation erhoben sieht. Wie bei Schopenhauer ist der Mensch zunächst und vor allem anderen vom Trieb gesteuert, genauer gesagt vom Sextrieb. Houellebecq zufolge dient selbiger in unserer Gesellschaft nicht mehr der Arterhaltung, sondern losgelöst von affektiver Verbindung zum Sexualpartner ausschließlich dem Genuß. Für eine Verbindung ist in der Beliebigkeit der Partnerwahl, die einzig bestimmt wird durch körperliche Jugendlichkeit auch keine Zeit. Kinder sind kleine Quälgeister, die den Eltern das Geld aus der Tasche ziehen und ihnen ihren eigenen körperlichen Verfall vorführen. Deshalb entscheiden sich im Roman auch immer mehr Menschen gegen Kinder.
Diesmal kommen nicht nur die Moslems sondern auch die anderen Religionen schlecht weg. Ein Bedürfnis nach etwas, woran man glauben kann meint Daniel1 noch zu erkennen, das woran die Menschen glauben ist aber vollkommen austauschbar, solange die Lehre einige strukturelle Eigenschaften hat. So werden die Menschen in naher Zukunft von einer lächerlichen Wiederauferstehungsreligion konvertieren, die einzig zum Ziel hat, die finanziellen Mittel für die Entwicklung des neuen Klonverfahrens bereitzustellen.
Insgesamt zeichnet Houellebecq das Bild einer Gesellschaft, wie sie einst sein könnte, wenn sie die gegenwärtigen Trends – jedenfalls die, die er zu erkennen meint – im Miteinander (“Ohne einander”, Walser) fortsetzen.
Ähnlich wie in Fahrenheit 421 enschließt sich Daniel25 am Ende gegen ein Weiterleben in der totalen Vereinzelung ohne Emotionen. Er verläßt sein so perfektes wie steriles Anwesen und zieht aus in die verwüstete Welt, um Liebe und echtes Miteinander zu suchen. Entgegen Fahrenheit 421 scheitert er jedoch.
Entgegen meiner Erwartung ausgelöst durch den Namen des Autors ist die Geschichte überraschen seifig. Im Nachwort weist Klaus-Peter Walter darauf hin, dass Goethe an Hugo kritisiert habe, er schreibe zu sehr für Geld – das kann man dem guten Goethe nicht verübeln.