Archive for January, 2005

Carson McCullers – Das Herz ist ein einsamer Jäger

Sunday, January 30th, 2005

Entgegen dem Titel eine interessante Sozialstudie über die wei�en und schwarzen Unterschicht-Verhältnisse in den USA in den 1930er und 40er Jahren.

Antwort auf das Transparent des Stura Chemnitz

Tuesday, January 25th, 2005

Der Studentenrat der TU-Chemnitz veröffentlich mehr oder weniger regelmä�ig ein Faltblatt mit neuen “Informationen”. Manchmal entbehrt jenen leider der informative Charakter.

Der folgende Leserbrief bezieht sich auf Ausgabe 01/2005.

Liebes Pressereferat,

da rauscht etwas über die abendliche Freizeitgestaltung und die am
Wochenende an mir vorbei, gefolgt von (ehemaligen) Modethemen wie
Haschisch und Alkoholkonsum; vermischt wird das ganze mit Spott über
Studenten, die am Wochenende nach hause fahren, angereichert mit
Lehrstellenmangel und Motivationslosigkeit, um in einem einzigen
Rauschen ohne Aussagekraft zu enden.

Mit Befremden habe ich den Artikel (Kolumne?) “Ich liege im Schnitt” auf
Seite eins des aktuellen Transparentes gelesen. Um meine Kritik
einfacher nachvollziehbar zu machen versehe ich den Text im folgenden
mit Zeilennummern.

1 Ich liege im Schnitt

2 Ich hei�e Katja, bin 22 Jahre alt und studiere
3 im 3. Semester an der TU Chemnitz.
4 Mein Studium interessiert mich eigentlich
5 gar nicht. Da ich aber keine Lehrstelle bekommen
6 habe, habe ich mich an der TU
7 um ein Biologiestudium beworben. Leider
8 habe ich keinen Platz bekommen, weil
9 man Biologie hier nicht studieren kann.
10 Deshalb habe ich mich für Informatik
11 beworben.

12 Am schönsten ist immer der Freitag. Da
13 fahr ich nach Hause und sehe meinen
14 Freund und alle meine Freunde. Abends
15 hängen wir dann immer im Club ab und
16 feiern. Da gibts immer ordentlich zu
17 trinken. Und kein Haschisch, wie bei den
18 Studenten üblich. Meine Freunde stehen
19 nicht so auf Drogen. Sie sind eher konservativ.
20 Und ich auch.

21 Fast alle haben eine Lehrstelle nur Alex
22 ist arbeitslos. Naja, und ich. Aber ich
23 kümmere mich schon. Ich will ja wieder
24 zurück nach Altenhain.

Sprache – und besonders ein Text im Organ des Stura – dient dazu,
Inhalte zu übertragen. Meine erste Frage war also, was der Inhalt
dieses Textes sein könnte.

Es fängt in Zeile 1 damit an, da� offenbar eine Aussage über jemanden
getroffen werden soll, der durchschnittlich ist, also den Mittelwert
von etwas repräsentieren soll.

Weiter ist die Rede von einer Studentin, die keine Lehrstelle bekommen
hat und sich deshalb für ein Bio-Studium an der TUC beworben hat. Das
ist Unsinn: für Bio kann man sich m.E. nicht an der Uni sondern nur an
der ZVS bewerben. Weil sie mit dieser Bewerbung – warum auch immer -
gescheitert ist, hat sie sich für Informatik entschieden. Warum
Informatik? Typischerweise fällt die Entscheidung im geschilderten Fall
für BWL aus (vgl. 11.000 BWL-Studenten in Göttingen, von denen keine 100
jährlich das Vordiplom erreichen sondern wechseln oder abbrechen).

Was habe ich bis hier aus dem Text entnommen? Er richtet sich gegen (das
Mädel wird im gesamten Text implizit als dümmlich dargestellt)
Studenten, die ein Studium aufnehmen, weil ihnen nach der Schule nichts
besseres eingefallen ist und/oder noch ein Fach gewählt haben, da� sie
gar nicht interessiert.

Das ist ein Problem in diesem Land, das sehe ich auch so, gemeinsam mit
vielen anderen. Für dieses Problem bleibt der Text aber lediglich
konstatierend. Ein Problem zu nennen, das ohnehin bekannt ist bringt
keinen Informationsgewinn.

Im zweiten Absatz bleibt die Person die gleiche, nun wird aber ihr
Freizeitverhalten durch den Kakao gezogen. Zeile 12-14: Auch Ich
bedauere, da� hier am Wochenende wenig los ist. Auf der anderen Seite
richtet sich dieser Text doch aber nicht gegen sondern an die Menschen,
die über’s Wochenende zu ihren Eltern/Freund/Freundin fahren. Wenn ich
sowas lese, suche ich erst recht das weite.

Vielleicht fahren auch viele nach Hause, weil es hier eine Menge
Menschen gibt, die in einfältiger Selbstgerechtigkeit meinen über
anderer Leute Verhalten urteilen zu können. Vorsicht: Auch ich fahre am
Wochenende beträchtliche Strecken, um mich mit meiner Freundin und
ihrem Freundeskreis zu treffen. Wenn ich solche Texte lese, wei� ich
warum.

Zeile 14-17: Bei der Mehrheit der Studenten scheint sich die abendliche
Freizeitgestaltung in dieser Weise zu manifestieren. Das gilt für
solche, die in Chemnitz bleiben m.E. ebensosehr. Ich finde es auch arm,
so alle Abende zu gestalten, aber das gehört in diese E-Mail ebensowenig
wie in eine Kritik daran, da� durchschnittliche Chemnitzer Studenten
über’s Wochenende zu ihren Eltern fahren. Für das Thema des Textes ist
diese Kritik irrelevant.

Zeile 17/18: Was ist die Aussage dieses Satzes?

Möglichkeit 1: Der Text ist ironisch gemeint => Die Aussage ist in etwa,
da� Haschisch bei Studenten UNüblich ist. Ist das so? Was bedeutet das
im Kontext dieser Kolumne? Gar nichts.

Möglichkeit 2: Der Text ist ernst gemeint, was durch die Unterschrift
beinahe ausgeschlossen wird. Das hei�t, Haschisch ist bei Studenten
üblich. Ist das so? Viel wichtiger: Was hätte diese Aussage hier zu
suchen? Von mir aus kann jeder soviel Drogen konsumieren wie er möchte
und sich im geeigneten Rahmen darüber austauschen. Das “transparent” ist
nachweislich nicht der geeignete Rahmen; das Thema ist hier deplaziert.

Zeile 18-20: Konsekutive Sätze in einem Flie�text drücken gewöhnlich
einen Zusammenhang aus. Suggestiv entsteht der Eindruck, gegen Drogen zu
sein hätte etwas mit Konservativismus zu tun. Ist das so? Wie ist die
Implikation?

a) konservativ => gegen Drogen
b) gegen Drogen => konservativ

Spätestens jetzt werden die ersten kommen und mir vorhalten, ich solle
den Text nicht so wörtlich lesen, er sei doch bewu�t ironisch gehalten.
Das ist falsch: Einer Ironie/Satire liegt ein in ihr präzise erkennbarer
Sachverhalt zu Grunde, der kritisiert werden soll. Ist dieser
Sachverhalt nicht isolierbar, kann er nicht kritisiert werden. Dieser
Text bleibt mehr oder weniger gewollt ungenau und beliebig, weil er
meint, sich damit nicht angreifbar zu machen. Durch diese (völlige)
Beliebigkeit sinkt aber auch der Informationsgehalt auf null.

Den letzten Absatz schenke ich mir.

Zusammenfassend ist meine Kritik von zweierlei Art:
1. methodisch und
2. inhaltlich

1. Es ist keine klare Aussage zu erkennen. n+1 Themen werden angerissen,
keines entwickelt und trotz Polemik keiner von denen erreicht, an die
sich der Text richtet.

2. Der Inhalt – oder besser die Fragmente, die den Text ausmachen – hat
einige (implizite) Thesen, von denen keine belegt oder auch nur deutlich
formuliert wird.

Was soll dieser Unsinn (besser: Ohne-Sinn)? Nicht mal als
Diskussionsgrundlage taugt er, denn dafür bleibt er zu unscharf in
seiner Kritik am bestehenden. Dafür ist das Papier zu schade. Zudem
diskreditiert er den Stura.