Archive for the ‘Philosophie’ Category

Michael Sandel – Justice: What’s the right thing to do

Sunday, January 20th, 2013

Sandel stellt sich und seinen Lesern genau diese Frage: Was ist “gerecht”, welche Verhaltensweisen sollten wir (in unserer Gesellschaft) fördern, welche sanktionieren? Er diskutiert diese Fragen im Spektrum Libertarismus und Utilitarismus und überlässt es dem Leser, eine Antwort auf die Fragen zu bilden; nur an wenigen Stelle bezieht er selbst Position.

Als Lektüre fand ich das Buch eher anstrengend. So anschaulich Sandels Beispiele sind (Darf eine andere Frau als die Mutter das Kind einer Familie austragen, wenn die eigentlichen Eltern unfruchtbar sind? Dürfen Verkäufer die Preise für Grundnahrungsmittel und Dienstleistungen in Katastrophengebieten anheben, wenn entsprechend Nachfrage ist?) so sehr wird man dadurch auch erschlagen. Weniger Beispiele und eine kompaktere Darstellung hätten die Lesbarkeit und den Transport der Gedanken wesentlich erleichtert.

Peter-Paul Verbeek – What Things Do

Sunday, October 25th, 2009

Verbeek versucht einen neuen Zugang zur Technikphilosophie. Ausgiebig setzt er sich mit den zwei deutschen Philosophen zusammen, die einen phänomenologischen Zugang zu den Artefakten moderner Technologie versucht haben: Martin Heidegger und Karl Jaspers. Ein großer Teil des Buches behandelt ihre Auffassung von Technikphilosophie, die teils vom Eindruck des zweiten Weltkriegs gefärbt ist und der Rolle von Industrie und Hochtechnologie im Rahmen von Massenvernichtungswaffen gespielt haben. Andererseits zeigt Verbeek auch sehr deutlich Heideggers einseitig romantisierenden Blick auf Techniken aus der Vergangenheit vs. Technologien aus seiner Zeit.

Hier ist ein schönes Beispiel für eine philosophische Diskussion, die mir bei nüchterner Betrachtung schlicht eine Scheindiskussion zu sein scheint. Es geht um Heideggers Auffassung von zwei Arten von Technologie, nämlich einer traditionellen (“guten”) und einer modernen (“schlechten”).

“Ihde [ein Kritiker von Heidegger, Anm. MM] could also have illustrated his claim that Heidegger’s description of traditional technologies is biased by discussing another artifact Heidegger contrasts with the hydroelectric plant, namely ‘the old wooden bridge that joined bank with bank for hundreds of years’. Such a bridge, Heidegger claims, is ‘built into’ the Rhine, while the Rhine is ‘dammed up into’ the hydroelectric plant. By the phrase ‘built into the Rhine River,’ Heidegger evidently means something to the effect that it ‘respects’ the Rhine in some way, or ‘does not force the Rhine to reveal itself in a way that is not proper to it.’ But can’t this also be said for the hydroelectric plant? After all, the Rhine allows the power plant to be inserted into it, and the plant would not function if the Rhine did not cooperate.” (Zitat von S.68/69)

Hier werden gewaltige Worthülsen aufgebläht, der Rhein wird zu einem intentionalen Wesen anthropomorphisiert und “erlaubt” den Bau einer Brücke, ist “kooperativ” oder wird im Fall des Wasserkraftwerks zu etwas “gezwungen”. Wie der letzte zitierte Satz zeigt, ist Verbeek mit Heidegger durchaus einverstanden, die Diskussion auf dieser Ebene zu führen.

Warum dies eine Scheindiskussion ist? Sicher, jeder kann argumentieren wie er will. Es gibt auch kein Problem damit, Dingen wie etwa Flüssen vorrübergehend und in Gedanken Intentionen zu unterstellen. Das Problem hier ist, dass dem Fluss Intentionen unterstellt werden, für die es keine Evidenzen gibt. Und nachdem etwas unterstellt wurde, was maximal unwahrscheinlich ist (mehr noch, nach unserem Alltagsverständnis absurd) werden daraus sogar noch Einteilungen in Kategorien vorgenommen (hier: gute vs. schlechte Technologie).

Insgesamt lässt Verbeek viele alte Bekannte vorbeiziehen. Der Neckerwürfel fehlt genausowenig wie das Beispiel vom Computer als Artefakt, dass für den Nutzer solange vollkommen transparent ist, solange es korrekt funktioniert, bspw. um einen Text zu schreiben. Erst obald er eine Fehlfunktion hat, wird der Rechner als solcher wieder “präsent”.

Ich bin etwas ratlos, schließlich sollte ich mich als M.A. Phil. über solche Versuche freuen, sich der modernen Technik aus philosophischer Sicht zu nähern. Aber irgendwie bleibt ein sehr schaler Geschmack zurück. Ich kann wirklich nicht erkennen, wozu dieses Protokoll der Auseinandersetzung (denn kaum mehr ist es) gut sein soll. Aber vielleicht liegt es auch an mir als Leser…

Günter Schulte – Neuromythen

Thursday, February 12th, 2009

Vor einigen Jahren bei einer Sammelbestellung beim Verlag 2001 angeschafft lag dieses Buch seither ungelesen in meinem Regal. Beim Schmökern in Nietzsches Werken fand ich in seinen Unzeitgemäßen Betrachtungen den Hinweis an seine Kollegen, sie sollten lieber eigene Gedanken zu Papier bringen statt immer nur die Klassiker wiederzukäuen. Günter Schulte – Philosophie-Professor in Köln – hat sich das getraut und seinen Beitrag zur philosophischen Diskussion über die Neurowissenschaften versucht.

Man kann das Buch auf mindestens zwei verschiedene Arten lesen.

Tor 1: Als einen Aufsatz zur Diskussion um die Neurowissenschaften, in guter Deutscher Gelehrtenmanier. Dazu gehören die Besprechung einschlägiger Quellen wie der Bibel aber auch Immanuel Kants; dem Zeitgeist geschuldet dürfen natürlich auch moderne naturwissenschaftliche Quellen nicht fehlen, um den Anschein eines Diskurses zwischen der Philosophie auf der einen und den Naturwissenschaften auf der anderen Seite zu wahren.

Tor 2: Mehr kann man bei der Lektüre gewinnen, wenn man den Aufsatz als Parodie liest auf zahlreiche Beiträge der Gegenwartsphilosophie zu naturwissenschaftlichen Themen. Beispiel gefällig: Der Mensch hat sich entwickelt durch Gehirnkannibalismus. In diesem Verständnis werde ich jetzt ein paar Kerngedanken zusammenfassen.

Im Vorwort stellt Schulte zunächst selbst fest, dass es in der Wissenschaft zunächst einmal zwei Kulturen gebe: die der Naturwissenschaften und die der Philosophie. Mit dem Verweis auf eine Veröffentlichung von Brockmann von 1996 löst er dieses Problem aber im Handumdrehen. Brockmann wird hier so zitiert, als sei die Lösung mit Beginn des dritten Jahrhunderts aber schon da. Nun gebe es eine “dritte Kultur”, in der sich Naturwissenschaftler, Philosophen und sonstige Geisteswissenschaftler vereinigt hätten. Hier wird auf eine Quelle verwiesen ohne ihre Belastbarkeit zu untersuchen oder auch nur anzudeuten. Trotzdem wird die Aussage der Quelle fortan als Wahrheit verwendet. Dass es viel Evidenz dafür gibt, dass der Diskurs zwischen Philosophie und Naturwissenschaften bis heute kaum statt findet, wird verschwiegen.

Hier sei beispielhaft – und sicherlich auch verkürzt – der Gedankengang aus dem zweiten Kapitel zusammengefasst, um ein paar weitere Besonderheiten der Argumentation aufzuzeigen. Die These – und auch hier beruft sich Schulte auf andere Autoren – lässt sich so zusammenfassen: Die biblische Schöpfungsgeschichte kann auch als eine Geschichte von Kannibalismus, genauer Gehirnkannibalismus (sic!), interpretiert werden. Und weiter (ich zitiere wörtlich von S.56): “Der Mensch entstand durch Gehirnkannibalismus. [...] Wir haben nun gesehen: Die Bibel hat im Prinzip nichts dagegen.” Die Argumentation läuft in etwa so ab: Der homo sapiens sapiens könnte sich durch Gehirnkannibalismus entwickelt haben. Das ist originell aber höchstens unwahrscheinlich. Die umständliche Interpretation der biblischen Genesis liefert – in Sachen logischer Notwendigkeit oder nur Evidenz betrachtet – zwar keinen Widerspruch aber eben auch keine Unterstützung.

Eine krude Theorie indirekt mit der Uminterpretation einer Mythensammlung sehr zweifelhafter Herkunft zu stützen ist absurd.

Im folgenden werden alle möglichen Indizien – und seien sie auch noch so abwegig – zusammengeklaubt und der Theorie vom Gehirnkannibalismus einverleibt.

Als Parodie gelesen kann man viel darüber lernen, mit welchen quacksalberischen Methoden hier aller möglicher Unsinn publiziert wird.

Manfred Geier – Kants Welt

Friday, January 16th, 2009

Für 2009 hatte ich mir vorgenommen, weniger quer Beet zu lesen und statt dessen Themen zu setzen, mit denen ich mich lesend eingehender beschäftige. Die erste Wahl ist dabei auf Imanuel Kant gefallen, dessen “Kritik der reinen Vernunft” bei uns seit Jahren ungelesen im Regal steht.

Als Einstieg gab’s aber erstmal eine Biographie über den königsberger Philosophen, die erstaunlich neu ist. Erstaunlich, weil man doch eigentlich meinen könnte, dass seit Kants Tod genug genug Biographien über ihn veröffentlicht wurden. Den Luxus, mehrere davon lesen und vergleichen zu können habe ich seit dem Studium leider nicht mehr. Aber Geiers knapp 350-seitiger Band scheint mir doch ein guter Einstieg zu sein. Übersichtlich und parallel werden wichtige Stationen aus Kants Leben mit einer Beschreibung der Genese seiner Werke und deren Inhalt verbunden. Die Werke werden inhaltlich selbstverständlich nur angerissen, aber es ist ja auch nicht die Aufgabe einer Biographie, mehr als das zu leisten.

Insgesamt ein sehr übersichtliches und gut zu lesendes Einstiegswerk.

Jean Paul Sartre – Der Ekel

Tuesday, February 5th, 2008

Sartre hat in diesem Roman eine Art Programm seines Existentialismus formuliert. Der Ich-Erzähler beschreibt in Tagebuchform, wie ihm die Selbstverständlichkeit des Alltags abhanden kommt. Mit einem Mal ist ihm seine eigene Existenz nicht mehr selbsteverständlich, er fragt sich, warum er existiert und in welchen Phasen. Ist er in einer Minute noch derselbe, wenn er sich in die Hand schneidet, existiert seine Hand, losgelöst von ihm?

Trotz dieser ziemlich grundlegenden Fragen artet der Roman an keiner Stelle zu einer Philosophievorlesung aus, im Gegenteil: Sartre macht sich über die Person des akribischen Autodidakten lustig, der in seinem Fleiß beim Lesen aller Bücher aus der Provinzbibliothek der Reihe nach von A-Z doch keinen Überblick über das Gelesene entwickelt.

Sicher nicht ganz einfache Lektüre, aber auf jeden Fall eine lohnende Herausforderung.

Francois Lelord – Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück

Thursday, August 16th, 2007

Lelord hat einen interessanten Schreibstil: Er schreibt, als wäre der Leser ein kleines Kind. Die Sätze sind einfach aufgebaut, kommen mit einem begrenzten Vokabular aus und etwas schwierigere Begriffe werden jeweils erklärt. Wer zu Anfang noch glaubt, dass er aus Versehen ins das falsche Bücherregal gegriffen hat, wird nach kurzer Zeit feststellen, dass Lelord diesen Stil sehr bewusst und gezielt einsetzt, um Distanz zur beschriebenen Person zu wahren.

Es geht um den erfolgreichen Psychiater Hector, der sich trotz seines Erfolges irgendwann zu fragen beginnt, warum seine Patienten unglücklich sind. Es sind gerade die Patienten, die Erfolg haben, in gesellschaftlich angesehenen Stellungen leben und denen es auch materiell in keiner Hinsicht mangelt. Trotzdem sind sie unglücklich. Das färbt mit den Jahren mehr und mehr auf Hector ab und er macht eine Weltreise, um in China, Afrika und den USA zu ergründen, was man braucht, um Glücklich zu sein.

Das klingt ziemlich platt. Trotzdem schafft Lelord es, mit seinen simplistischen Erzählstil Kernelemente dessen zu umreißen, was nach derzeitigem Kenntnisstand wichtige Voraussetzungen – wenn auch nicht Garanten – für Glück sind.

Fazit: So kurzweilig wie interessant zu lesen.

Siegfried Lenz – Mutmaßungen über die Zukunft der Literatur

Sunday, June 17th, 2007

Thalia in Saarbrücken verhöckert ständig Restbestände – was eigentlich verwunderlich ist, denn irgendwann müssen die Restbestände ja mal erschöpft sein. Egal, ich konnte nicht daran vorbeigehen und so kam ein kleiner Essayband von Lenz in meinen Besitz, zu dem auch dieser Essay gehört.

Lenz mutmaßt über die Zukunft der Literatur im Zeitalter des allgegenwärtigen Computers. Seine Beschreibung dessen, was beim Lesen mit dem Leser geschieht finde ich sehr treffend: “Lesen ist offenbar eine riskante Tätigkeit: Wir geben etwas von uns auf und erfinden uns neu. Dass die Lust des Erfindens dabei nicht zu kurz kommt, kann ruhig vorausgesetzt werden. Diese Lust ist eine Erfahrung, an deren Ende sich ein überraschendes Glücksgefühl einstellt.

Trotzdem ist auch ihm nicht entgangen, dass Lesen inzwischen zu den eher unwichtigen Tätigkeiten gehört: Die durchschnittliche Lesezeit pro Tag liegt in Deutschland bei 9 Minuten, der durchschnittliche Fernsehkonsum bei 136 Minuten. Was kann uns die klassische Literatur noch geben, angesichts von Hypertext und Autorenkollektiven, die creative writing praktizieren?

Lenz Antwort: Den inneren Dialog mit dem Autor, die Nicht-Beliebigkeit dessen, was man liest. Und er schließt mit den folgenden Worten: “Gewiß, es wird immer nur eine Minorität sein, die die Literatur braucht; aber war es je anders?”.

Pascal Mercier – Nachtzug nach Lissabon

Monday, May 28th, 2007

Gregorius ist Lehrer für Griechisch, Latei und Hebräisch an einem Gymnasium im beschaulichen Bern. Den größeren Teil seines Lebens hat er in dieser Schule zugebracht, zunächst als Schüler, später dann um andere zu unterrichten. Seine Sicherheit in den alten Sprachen ist so groß, dass Schüler sich den Spaß erlauben, ihn mitten in der Nacht aus dem Bett zu klingeln und ihn nach schwierigen Vokabeln zu fragen. Nie hat er dabei einen Fehler gemacht.

Obwohl er die Spitznamen Papyrus und Mundus hat, wird er für sein Wissen respektiert.

Eines Tages trifft er auf seinem Weg zur Schule eine junge Portugiesin, von der er meint, dass sie Selbstmord begehen wolle, indem sie sich von einer Brücke stürzt. Er beobachtet sie dabei, wie sie erst einen Brief liest, ihn dann in Stücke reißt und an die Reling tritt. Er geht zu ihr und als erstes schreibt sie ihm eine Telefonnummer auf die Stirn. Es ist eine Telefonnummer aus dem Brief, die sie nicht vergessen möchte.

An diesem Tag kippt das bisher in ruhigen Bahnen verlaufende Leben von Gregorius. Er kauft das erstbeste Buch des fiktiven portgugiesischen Autors Prado.

Prado schreibt über das Nicht-Verstanden-Werden durch die anderen, die Unüberbrückbarkeit der Distanz zu den Mitmenschen. Aber auch darüber im Leben Ziele zu haben, vom Trott des Alltags mitgerissen zu werden und sie aus den Augen zu verlieren.

Gregorius merkt, dass auch sein Leben davonläuft und er macht sich auf den Weg nach Lissabon, der Heimat Prados, um herauszufinden, was für ein Mensch Prado war und um ihm möglichst nahe zu kommen.

Fazit: Ziemlich eindrucksvoll.

Oliver Sacks – Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte

Tuesday, May 1st, 2007

Sacks ist Neurologe und beschreibt in zwei dudzend Kapiteln bemerkenswerte Ausfälle des menschlichen Gehirns. Der Titel des Buches ist gleichzeitig die Überschrift eines der Kapitel. Interessant ist das Buch schon deshalb, weil Sacks sich als sehr kundig in der Philosophiegeschichte der letzten 500 Jahre erweist. Einer seiner Patienten nimmt nur noch Eigenschaften von Objekten wahr, nicht mehr die Objekte selbst. Sacks verknüpft diesen Fall mit dem strikten Empirismus Humescher Gattung und führt uns in den Geschichten seiner Patienten vor Augen, was es bedeutet, wenn man nur noch Eigenschaften und nicht mehr konkrete Dinge wahrnimmt, von denen wir ein Konzept haben. Statt einer Rose nimmt der Patient nur “[e]in rotes gefaltetes Gebilde mit einem geraden, grünen Anhängsel” (S.30) wahr.

Neben Ausfällen des Wahrnehmungsvermögens oder des Denkens beschreibt er auch eine Reihe von überreichen Begabungen. So zum Beispiel den Fall von einem ansonsten zurückgebliebenen Zwillingspaar, das sich mit Vergnügen über 10- und mehrstellige Primzahlen unterhält, die sie – so Sacks Vermutung – vor ihrem geistigen Auge sehen können. Jedenfalls haben sie keine Idee davon, wie Zahlen auf die Eigenschaft Primzahl zu testen wären, wie Sacks in seinen Untersuchungen mit ihnen herausfindet.

Fazit: Ein interessantes Buch über den menschlichen Verstand. Über seine Fragilität, aber auch über sein enormes Leistungsvermögen.

Marquis de Sade – Die 120 Tage von Sodom

Tuesday, April 10th, 2007

Normalerweise mache ich mir nur Notizen über Bücher, die ich auch zuende gelesen habe. Diese Notiz ist eine Ausnahme. Ich habe bisher nicht einmal 50 Seiten gelesen.

De Sade hat ohne zu übertreiben einen bekannten Namen und gehört für mich in die Reihe der Autoren, über deren Werke viele sprechen, von denen die wenigsten sie gelesen haben. Mehrfach in Philosophieseminaren von einem meiner verehrten Lehrer empfohlen konnte ich nicht umhin, eine Werkeauswahl im Kaufhof in Saarbrücken mitzunehmen.

Der Autor war ein sehr fleißiger Mann: Er war wohl weltweit der erste, der sich die Mühe gemacht hat, alle Arten sexueller Perversionen in eine systematische Ordnung gebracht zu haben. Dabei war es augenscheinlich nicht sein Ziel, ein Lehrbuch zu schreiben sondern er wollte seine Systematik in einem Roman darstellen. Während zeitgenössische Autoren wie Houellebecq – der sicher auch kein Blatt vor den Mund nimmt – eher die Perspektive eines unbeteiligten Beobachters einnehmen, hatte ich bei de Sade den Eindruck, dass er sich in einem nicht geringen Maß an dem ergötzt, was er beschreibt. Blickt man in seinen Lebenslauf, so nimmt es nicht Wunder, dass diverse sexuelle Übergriffe auf Angestellte oder anderweitig abhängige Personen für ihn dokumentiert sind.

Die sexuellen Ausschweifungen, über die de Sade schreibt kann man eigentlich nur als Orgien bezeichnen. Allerdings ist in der Beschreibung nichts erotisches. Erregung scheinen die Protagonisten vor allem daraus zu beziehen, dass sie ihre Sexualobjekte durch den Akt erniedrigen. Überhaupt bleibt von den Lustobjekten kaum etwas menschliches übrig. Sie werden systematisch entwürdigt, um am Schluss nur noch Objekt ihrer Peiniger zu sein. Nichts von ihrer Menschenwürde bleibt ihnen, sie sind nicht mehr Subjekt, nur noch (Lust-)Objekt der Protagonisten. Das macht mich ziemlich ratlos…

Kein Wunder, dass es nicht wenige psychologische Abhandlungen über de Sade gibt. Für einen Psychopathologen müssen seine Werke ein wahre Fundgrube sein.

Für seine Zeitgenossen müssen seine Schriften geradezu eine Katastrophe gewesen sein. Wenn Houellebecq heute mit seinen geradezu klinischen aber stets nur konstatierenden Beschreibungen menschlicher Sexualakte bei nicht wenigen Anstoß erregt, so würde de Sade heute wohl noch Stürme der Entrüstung auslösen, wenn die Menschen nicht 200 Jahre Zeit gehabt hätten, sich an seinen Beschreibungen zu gewöhnen.

Aus geistesgeschichtlicher Sicht finde ich noch nennenswert, dass er Nietzsches Nihilismus vorwegnimmt. Etwa 100 Jahre vor ihm proklamiert er die Macht für diejenigen, die sie sich leisten können. In Frankreich waren das zu de Sades Zeiten die dekadenten Adeligen, die mit ihren Untergebenen machen konnten, was sie wollten. Für Moral scheint de Sade nur ein müdes Achselzucken zu haben. Wer die Macht und/oder das Geld hat, muss sich an moralische Standards nicht halten. Mehr noch: Sie haben keine Gültigkeit, weil Macht höher steht als die Moral. Vielleicht nimmt er auch deshalb kein Blatt vor den Mund. Wenn die beschriebenen Handlungen, die nach heutigem Sprachgebrauch nicht selten Greultaten sind, minutiös und manchmal auch etwas lüstern beschrieben werden, so sind sie nach de Sades moralischem Nihilismus wahrscheinlich einfach gar nicht moralisch verwerflich.

Obwohl diese Gedanken geistesgeschichtlich nicht uninteressant sind, habe ich nicht die geringste Lust, die “120 Tage” zuende zu lesen.