Normalerweise mache ich mir nur Notizen über Bücher, die ich auch zuende gelesen habe. Diese Notiz ist eine Ausnahme. Ich habe bisher nicht einmal 50 Seiten gelesen.
De Sade hat ohne zu übertreiben einen bekannten Namen und gehört für mich in die Reihe der Autoren, über deren Werke viele sprechen, von denen die wenigsten sie gelesen haben. Mehrfach in Philosophieseminaren von einem meiner verehrten Lehrer empfohlen konnte ich nicht umhin, eine Werkeauswahl im Kaufhof in Saarbrücken mitzunehmen.
Der Autor war ein sehr fleißiger Mann: Er war wohl weltweit der erste, der sich die Mühe gemacht hat, alle Arten sexueller Perversionen in eine systematische Ordnung gebracht zu haben. Dabei war es augenscheinlich nicht sein Ziel, ein Lehrbuch zu schreiben sondern er wollte seine Systematik in einem Roman darstellen. Während zeitgenössische Autoren wie Houellebecq – der sicher auch kein Blatt vor den Mund nimmt – eher die Perspektive eines unbeteiligten Beobachters einnehmen, hatte ich bei de Sade den Eindruck, dass er sich in einem nicht geringen Maß an dem ergötzt, was er beschreibt. Blickt man in seinen Lebenslauf, so nimmt es nicht Wunder, dass diverse sexuelle Übergriffe auf Angestellte oder anderweitig abhängige Personen für ihn dokumentiert sind.
Die sexuellen Ausschweifungen, über die de Sade schreibt kann man eigentlich nur als Orgien bezeichnen. Allerdings ist in der Beschreibung nichts erotisches. Erregung scheinen die Protagonisten vor allem daraus zu beziehen, dass sie ihre Sexualobjekte durch den Akt erniedrigen. Überhaupt bleibt von den Lustobjekten kaum etwas menschliches übrig. Sie werden systematisch entwürdigt, um am Schluss nur noch Objekt ihrer Peiniger zu sein. Nichts von ihrer Menschenwürde bleibt ihnen, sie sind nicht mehr Subjekt, nur noch (Lust-)Objekt der Protagonisten. Das macht mich ziemlich ratlos…
Kein Wunder, dass es nicht wenige psychologische Abhandlungen über de Sade gibt. Für einen Psychopathologen müssen seine Werke ein wahre Fundgrube sein.
Für seine Zeitgenossen müssen seine Schriften geradezu eine Katastrophe gewesen sein. Wenn Houellebecq heute mit seinen geradezu klinischen aber stets nur konstatierenden Beschreibungen menschlicher Sexualakte bei nicht wenigen Anstoß erregt, so würde de Sade heute wohl noch Stürme der Entrüstung auslösen, wenn die Menschen nicht 200 Jahre Zeit gehabt hätten, sich an seinen Beschreibungen zu gewöhnen.
Aus geistesgeschichtlicher Sicht finde ich noch nennenswert, dass er Nietzsches Nihilismus vorwegnimmt. Etwa 100 Jahre vor ihm proklamiert er die Macht für diejenigen, die sie sich leisten können. In Frankreich waren das zu de Sades Zeiten die dekadenten Adeligen, die mit ihren Untergebenen machen konnten, was sie wollten. Für Moral scheint de Sade nur ein müdes Achselzucken zu haben. Wer die Macht und/oder das Geld hat, muss sich an moralische Standards nicht halten. Mehr noch: Sie haben keine Gültigkeit, weil Macht höher steht als die Moral. Vielleicht nimmt er auch deshalb kein Blatt vor den Mund. Wenn die beschriebenen Handlungen, die nach heutigem Sprachgebrauch nicht selten Greultaten sind, minutiös und manchmal auch etwas lüstern beschrieben werden, so sind sie nach de Sades moralischem Nihilismus wahrscheinlich einfach gar nicht moralisch verwerflich.
Obwohl diese Gedanken geistesgeschichtlich nicht uninteressant sind, habe ich nicht die geringste Lust, die “120 Tage” zuende zu lesen.