Archive for the ‘18.’ Category

Manfred Geier – Kants Welt

Friday, January 16th, 2009

Für 2009 hatte ich mir vorgenommen, weniger quer Beet zu lesen und statt dessen Themen zu setzen, mit denen ich mich lesend eingehender beschäftige. Die erste Wahl ist dabei auf Imanuel Kant gefallen, dessen “Kritik der reinen Vernunft” bei uns seit Jahren ungelesen im Regal steht.

Als Einstieg gab’s aber erstmal eine Biographie über den königsberger Philosophen, die erstaunlich neu ist. Erstaunlich, weil man doch eigentlich meinen könnte, dass seit Kants Tod genug genug Biographien über ihn veröffentlicht wurden. Den Luxus, mehrere davon lesen und vergleichen zu können habe ich seit dem Studium leider nicht mehr. Aber Geiers knapp 350-seitiger Band scheint mir doch ein guter Einstieg zu sein. Übersichtlich und parallel werden wichtige Stationen aus Kants Leben mit einer Beschreibung der Genese seiner Werke und deren Inhalt verbunden. Die Werke werden inhaltlich selbstverständlich nur angerissen, aber es ist ja auch nicht die Aufgabe einer Biographie, mehr als das zu leisten.

Insgesamt ein sehr übersichtliches und gut zu lesendes Einstiegswerk.

Lion Feuchtwanger – Narrenweisheit

Monday, October 27th, 2008

Feuchtwanger spannt in diesem historischen Roman – der sicherlich nicht ganz ohne Fiktion auskommt – den Bogen von der Biographie des alternden Jean-Jaques Rousseau über dessen Tod zu den Geschehnissen der französischen Revolution. Konsequent verfolgt er den Ansatz, Rousseau als einen sehr menschlichen, zeitweise fast ein bisschen tatterigen Romanhelden vorzustellen; allerdings stets respektvoll und ohne ins Lächerliche abzugleiten.

Die Erzählung beginnt damit, dass Girardin, ein Mitglied des französischen Hochadels und im Geiste treuer Anhänger Rousseaus, sich darum bemüht, ihn auf seinem Landsitz eine Tagesreise von Paris entfernt einen ruhigen Alterssitz zu schaffen. Nach vielen Maneuvern mit Rousseaus Schwiegermutter und dessen gestig minderbemittelten Ehefrau gelingt es schließlich und Jean-Jaques zieht im Gästehaus des Landsitzes in Ermenonville ein.

Schnell stellt sich heraus, dass der größte unter den Lebenden sehr menschliche Probleme hat. Seine Frau und ihre Mutter haben es auf sein Vermächtnis abgesehen und schließlich wird Rousseau vom Reitknecht, dem Liebhaber Rousseaus Frau, erschlagen.

Der Streit um Rousseaus weltliches und gestiges Vermächtnis beginnt. Die Revoltion in Paris reißt erst den König und dann immer neue vermeintliche Verräter in den Tod. Auch Girardin kommt nur knapp davon. Am Ende wird der Park in Ermenonville um Rousseaus Grab herum von übereifrigen Revolutionären verwüstet und Rousseaus Leiche ins Panthenon nach Paris überführt. Der Sohn Girardins, als Sohn des Hochadels von Geburts wegen den Revolutionären in Paris verdächtig, findet endlich Zugang zur Armee der jungen französischen Armee. So wirr und überstürzt wie der Lauf der Ereignisse der Zeit endet die Erzählung. Ihr Ende bleibt frei schwebend im Raum offen.

Penelope Fitzgerald – Die blaue Blume

Tuesday, August 19th, 2008

Die Autorin rekonstruiert das frühe Leben des Dichters Fritz von Hardenberg, später bekannt geworden unter dem Namen Novalis. von Hardenberg soll eigentlich auf Wunsch des Vaters eine Verwaltunglaufbahn einschlagen, doch schon recht früh wird klar, dass er zum Dichter geboren ist. Doch lässt der Vater nicht locker und so begibt sich der Sohn in die Lehre, wo er auf seinen Geschäftsreisen die Junge Sophie kennenlernt. Er ist gerade etwas über 20 Jahre alt, sie 12, doch verliebt er sich auf der Stelle in sie.

Soweit, so gut. Doch während von Hardenberg aus – wenn auch verarmtem – Adel stammt, ist Sophie die Tochter eines dröhnend lauten und fröhlichen Großgrundbesitzers, die Ehe somit nicht standesgemäß. Dazu kommt, dass Sophie ihm geistesmäßig keineswegs gewachsen ist, wie von Hardenbergs Brüder und Freunde mit Schrecken feststellen. Nach langem Leiden erliegt Sophie noch im Jugendalter einer Krankheit und es kommt nicht zur Hochzeit. Zurück bleibt Novalis, doch mit geissen Frostschäden in Liebesdingen.

Margriet de Moor – Der Virtuose

Sunday, August 10th, 2008

De Moor schreibt mit viel Sachverstand über einen Kastraten-Tenor im Italien des beginnenden 18. Jahrhunderts. In Romanform schildert sie die Entwicklung von Gasparo, der in einem kleinen Dorf am Vesuv aufwächst, mit 11 Jahren operiert wird und schließlich als erfolgreicher Tenor die Welt bereist.

Erzählt wird die Geschichte von seiner Geliebten, die mit ihm im gleichen Dorf aufgewachsen ist, ihn ab aus den Augen verliert, als er das Dorf verlässt. In Neapel trifft sie ihn – sie ist inzwischen verheiratet – wieder und verliebt sich sofort in ihn. Ihr Mann lässt ihr größte Freiheit und so kann sie sich immer tiefer in ihr Abenteuer stürzen, das für sie wie für den Leser immer wieder auch Gasparos Vorträge über den Gesang beinhaltet, die aber nie langweilig werden, weil sie zur Figur Gasparos passen.

de Moors Art die Theorieeinheiten über Gesang (sie halt selbst Gesang studiert) mit einer fiktiven Handlung zu verweben und die Charaktäre darzustellen ist beeindruckend.

Jaan Kross – Der Verrückte des Zaren

Sunday, December 16th, 2007

Jaan Kross schreibt die Geschichte eines seiner Vorfahren, der von seinem Freund, dem russischen Zaren, den Schwur abgenommen bekommen hat, immer die Wahrheit zu sagen. Irgendwann bittet der Zar ihn, einen Bericht über die Missstände in Russland zu verfassen, und das macht er dann auch – hne Rücksicht auf den Zaren.

Der Zar ist tief beleidigt, erklärt ihn für geistesgestört und wirft ihn in ein Verlies, ohne seiner Familie zu sagen, wo er sich befindet.

Auf Basis intensiver Recherchen zeichnet Kross in diesem historischen Roman die Lebensgeschichte seines Vorfahren nach, dem (belegtermaßen) Goethe ein Gedicht gewidmet hat und der in Lettland zahlreiche Freunde unter den Intellektuellen hatte.

Oscar Wilde – Lady Windermere’s Fan

Thursday, August 16th, 2007

Zunächst eine Begebenheit von der TransAlp 2007: Wir sitzen in der Zillertalbahn auf dem Weg nach Jenbach. Ich lese Oscar Wilde. Neben mir sitzt ein älterer Herr, der mich nach einiger Zeit auf englisch anspricht und mit britischem Dialekt fragt, ob Wilde mir gefalle. Klar gefällt er mir, was bei ihm wenig Begeisterung auslöst. Ich nutze die Gelegenheit und frage ihn, wie es inzwischen um Wildes Reputation bestellt sei, nachdem er für seine Homosexualität um die letzte Jahrhundertwende herum ins Gefängnis musste. Seine Antwort lautete in etwa so: Wir (die Briten) lesen seine Stücke, sie sind respektiert, aber seine Biographie…

In Lady Windermere’s Fan beschäftigt sich Wilde mit den Moralvorstellungen seiner Zeit, mit Tugend, Anstand und Aufrichtigkeit. Lady Windermere, die zunächst sicherlich die tugendhafteste von allen Charaktären in diesem Stück ist, muss mehr und mehr feststellen, dass ihre moralischen Maßstäbe leider nicht absolut sind. Ohne es zu ahnen begegnet sie ihrer Mutter, die ihre gesellschaftliche Stellung aus Liebe zu einem anderen Mann aufgegeben hat. Lady Windermere blickt deshalb auf sie herab. Am Ende muss sie jedoch anerkennen, dass es die ihrer Meinung nach verworfenste Person ist, die sie vor demselben Schicksal rettet.

Beeindruckend ist, wie Wilde es schafft, einen ziemlich einfachen und vordergründigen Humor mit vielen hintergründigen Anspielungen verknüpfen kann, um so eine Erörterung über die eigentlich philosophische Frage nach Moral und Tugend unters Volk zu bringen, die in anderer Form wohl nur ein müdes Gähnen geerntet hätte.

Marquis de Sade – Die 120 Tage von Sodom

Tuesday, April 10th, 2007

Normalerweise mache ich mir nur Notizen über Bücher, die ich auch zuende gelesen habe. Diese Notiz ist eine Ausnahme. Ich habe bisher nicht einmal 50 Seiten gelesen.

De Sade hat ohne zu übertreiben einen bekannten Namen und gehört für mich in die Reihe der Autoren, über deren Werke viele sprechen, von denen die wenigsten sie gelesen haben. Mehrfach in Philosophieseminaren von einem meiner verehrten Lehrer empfohlen konnte ich nicht umhin, eine Werkeauswahl im Kaufhof in Saarbrücken mitzunehmen.

Der Autor war ein sehr fleißiger Mann: Er war wohl weltweit der erste, der sich die Mühe gemacht hat, alle Arten sexueller Perversionen in eine systematische Ordnung gebracht zu haben. Dabei war es augenscheinlich nicht sein Ziel, ein Lehrbuch zu schreiben sondern er wollte seine Systematik in einem Roman darstellen. Während zeitgenössische Autoren wie Houellebecq – der sicher auch kein Blatt vor den Mund nimmt – eher die Perspektive eines unbeteiligten Beobachters einnehmen, hatte ich bei de Sade den Eindruck, dass er sich in einem nicht geringen Maß an dem ergötzt, was er beschreibt. Blickt man in seinen Lebenslauf, so nimmt es nicht Wunder, dass diverse sexuelle Übergriffe auf Angestellte oder anderweitig abhängige Personen für ihn dokumentiert sind.

Die sexuellen Ausschweifungen, über die de Sade schreibt kann man eigentlich nur als Orgien bezeichnen. Allerdings ist in der Beschreibung nichts erotisches. Erregung scheinen die Protagonisten vor allem daraus zu beziehen, dass sie ihre Sexualobjekte durch den Akt erniedrigen. Überhaupt bleibt von den Lustobjekten kaum etwas menschliches übrig. Sie werden systematisch entwürdigt, um am Schluss nur noch Objekt ihrer Peiniger zu sein. Nichts von ihrer Menschenwürde bleibt ihnen, sie sind nicht mehr Subjekt, nur noch (Lust-)Objekt der Protagonisten. Das macht mich ziemlich ratlos…

Kein Wunder, dass es nicht wenige psychologische Abhandlungen über de Sade gibt. Für einen Psychopathologen müssen seine Werke ein wahre Fundgrube sein.

Für seine Zeitgenossen müssen seine Schriften geradezu eine Katastrophe gewesen sein. Wenn Houellebecq heute mit seinen geradezu klinischen aber stets nur konstatierenden Beschreibungen menschlicher Sexualakte bei nicht wenigen Anstoß erregt, so würde de Sade heute wohl noch Stürme der Entrüstung auslösen, wenn die Menschen nicht 200 Jahre Zeit gehabt hätten, sich an seinen Beschreibungen zu gewöhnen.

Aus geistesgeschichtlicher Sicht finde ich noch nennenswert, dass er Nietzsches Nihilismus vorwegnimmt. Etwa 100 Jahre vor ihm proklamiert er die Macht für diejenigen, die sie sich leisten können. In Frankreich waren das zu de Sades Zeiten die dekadenten Adeligen, die mit ihren Untergebenen machen konnten, was sie wollten. Für Moral scheint de Sade nur ein müdes Achselzucken zu haben. Wer die Macht und/oder das Geld hat, muss sich an moralische Standards nicht halten. Mehr noch: Sie haben keine Gültigkeit, weil Macht höher steht als die Moral. Vielleicht nimmt er auch deshalb kein Blatt vor den Mund. Wenn die beschriebenen Handlungen, die nach heutigem Sprachgebrauch nicht selten Greultaten sind, minutiös und manchmal auch etwas lüstern beschrieben werden, so sind sie nach de Sades moralischem Nihilismus wahrscheinlich einfach gar nicht moralisch verwerflich.

Obwohl diese Gedanken geistesgeschichtlich nicht uninteressant sind, habe ich nicht die geringste Lust, die “120 Tage” zuende zu lesen.

Daniel Kehlmann – Die Vermessung der Welt

Thursday, February 15th, 2007

Kehlmann ist ein rel. junger Autor – Jahrgang 1975 – aber schon ziemlich erfolgreich und in mehr als 10 Sprachen übersetzt. In seiner letzten Erscheinung verbindet er biographische Fakten und Fiktion zweier berühmte deutscher Forscher der ausgehenden 18. Jahrhunderts: Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß.

Sehr flüssig und vielfach die eigene Rolle des Schriftstellers ironisierend schreibt verwebt er die beiden Geistesgrößen in eine Geschichte, die gleichzeitig ihrer beider Leben im Zeitraffer vorm dem Leser ablaufen lässt. Soweit zu den Pluspunkten. Ähnlich hat schon Irvin D. Yalom in “Und Nietzsche weinte” Nietzsches Biographie verfremdet, wobei mir dessen Scheibstil noch mehr gefallen hat.

Schade fand ich, dass man nie so recht weiss, was historisch belegte Tatsache und was Fiktion ist. Für einen Kenner beider Biographien mag das Buch sehr erhebend sein, weil er sein vorhandenes Wissen (auf das er nebenbei stolz sein kann) in unterhaltsamer Weise im Buch widergespiegelt finden mag.

Für mich bleibt trotz des interessanten Stoffs und der flüssigen Darstellung ein fader Nachgeschmack: Lieber hätte ich mir zweimal soviel Zeit genommen und stattdessen zwei Biographien gelesen.