Archive for the ‘Kognitionswissenschaft’ Category

George Lakoff & Mark Johnson – Metaphors We Live By

Sunday, April 11th, 2010

Lakoff und Johnson zeigen in diesem sehr kompakten Buch, wie nicht nur unsere Sprache sondern auch unser Denken integral von Metaphern bedingt werden. In einer Generalabrechnung mit Objektivismus und Subjektivismus zeigen sie, dass beide keine konsistenten Systeme für das Verstehen menschlichen Empfindens und Begreifens liefern.

Die Klarheit, mit der die beiden Sprache analysieren und bereit sind, mit philosophischen Annahmen zu brechen, die so etabliert sind, dass sie von den meisten Menschen wohl bereits als Wahrheiten angenommen wurden (und werden) ist beeindruckend.

Unter den Beispielen für Metaphern finden sich ebenso geistreiche wie lustige Beispiele wie etwa: “Complex theories often have problems with the plumbing.” oder “I have a new four-on-the-floor V8.”

Neben der sprach-analytischen Feststellung, dass wir praktisch ständig Metaphern benutzen, um uns die Welt zugänglich zu machen (als wäre die Welt ein Ort, der schwer für unsere Gedanken zu begehen ist), beantworten sie die Frage nach dem symbol grounding für ihre Theorie mit unmittelbarer Sinneserfahrung.

Der Grundgedanke des Buches wird in der Folge weiterentwickelt und u.a. auch verwendet, um zu klären, welchen Einfluss die Verwendung unterschiedlicher Metaphern für dasselbe Konzept hat, indem es jeweil bestimmte Aspekte betont und andere ignoriert.

Nach vielen Enttäuschungen aus der Lektüre zeitgenössischer Philosophie war dieses Buch für mich seit langem mal wieder ein Beispiel dafür, welchen Nutzen klares Denken für das Verständnis der Welt haben kann.

Jerry Fodor – The Modularity Of Mind

Thursday, July 13th, 2006

Wie das vorige Buch habe ich auch dieses als Vorbereitung auf meine Abschlussprüfung im Studiengang Philosophie gelesen. Es stammt aus dem Jahr 1983, ist also 11 Jahre vor “The Elm and the expert” veröffentlicht worden.

Fodor stellt seine Theorie von der funktionalen Diversifikation des menschlichen Gehirns vor. Dabei erinnert er an Franz Joseph Gall, den Begründer der Phrenologie, der bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine solche funktionale Aufteilung des menschlichen Gehirns postuliert hatte. Gall hatte jedoch behauptet, dass sich von der genauen Schädelform auf die Ausgeprägtheit und Leistungsfähigkeit bestimmter intellektueller Fähigkeiten schließen lasse und hat damit einen ziemlich unglücklichen pseudowissenschaftliche Zweig der Anatomie begründet.

Fodor unterscheidet vertikale von horizontalen “faculties”.

vertikal horizontal
es gibt keine “faculties” wie allgemeines Urteilsvermögen, Aufmerksamkeit etc. sondern statt dessen diversifizierte Befähigungen wie z.B. die für Musik jeder mentale Inhalt ist früher oder später durch jede horizontale “faculty” zugreifbar
Eingabesysteme, die unsere Sinneswahrnehmungen vorverarbeiten zentrale Prozesse wie Analogieschlüsse über Domänengrenzen hinweg

Als Evidenzen für die Modulare Architektur unseres Gehirns weist Fodor auf eine Reihe psychologischer Untersuchungen hin. So können wir z.B. mühelos gleichzeitig (vollkommen parallel) Kaugummi kauen und rechnen. Auch die Eigenschaft kognitiver Funktionen, domänenspezifisch zu sein, ist ein Hinweis auf eine vertikale Diversifikation.

Auch in diesem Aufsatz fasst er Denken als eine Folge von (symbolischen) Transformationen mentaler Repräsentationen auf. In diesem Zusammenhang weist er auf die moderne Logik hin, die gezeigt hat, dass sich alle berechenbaren Prozesse auf Folgen von sehr weniger einfacher Basisoperationen zurückführen lassen. Ob das auf das menschliche Denken übertragbar ist, lässt er offen. Er weist jedoch darauf hin, dass wahrscheinlich niemand – auch er selbst nicht – davon überzeugt ist, dass ein menschliches Gehirn architekturell große Ähnlichkeit mit einer Turingmaschine hat. Er beharrt aber darauf, das eine funktionale Ähnlichkeit besteht.

Er postuliert ein Gesetz, von dem er hofft, dass es später mal als “Fodors erstes Gesetzt von der Inexistenz der Kognitionswissenschaft” in die Wissenschaftsgeschichte eingeht. Es lautet etwa wie folgt: Je globaler (horizontaler) ein kognitiver Prozess ist, desto weniger kann er von irgend jemandem verstanden werden.

Abweichend von der Kritik zu The elm and the expert stützt sich Fodor hier in großem Umfang auf empirische Erkenntnisse aus der Kognitionspsychologie. Er versucht Evidenzen für seine Theorie zu sammeln und kann auch eine ganze Reihe davon aufzählen. Seine Theorie bleibt jedoch ausschließlich theoretisch in dem Sinne, dass sie keinen Bezug zu Erkenntnissen aus dem Bereich der neurologischen Hardware herstellt.

Fazit: Wieder ein interessantes Stück Geschichte der Kognitionswissenschaft, mehr nicht.

Jerry Fodor – The elm and the expert

Wednesday, July 12th, 2006

Der Untertitel dieses Buches lautet: “Mentalese and it’s Semantics” und genau darum geht es auch. Mentalese ist ein von Fodor geprägter Ausdruck für die von ihm angenommene interne Sprache, in der wir denken. In “The elm and the expert” versucht er diesen Gedanken zu entwickeln und seinen Funktionalismus darzustellen.

Dabei hat er im Prinzip das gleiche Problem zu lösen, dass seit Descartes – wenn nicht schon früher – alle Philosophen zu lösen hatten, wenn sie das Denken zu erklären versuchten: Wie geht das Denken auf unserer subsymbolischen neuronalen Hardware mit den symbolischen Kategorien und Ideen zusammen?

Fodor formuliert den Gegensatz etwas anders: Die Alltagspsychologie sagt uns, dass mentale Zustände typischerweise intentional sind. Denken ist immer auf ein Objekt, auf eine Handlung, auf ein Ziel hin gerichtet. Wenn ich denke, dass ich gleich etwas essen gehen will, dann macht dieser Gedanke keinen Sinn ohne die Gerichtetheit meiner selbst auf dieses Essengehen.

Auf der anderen Seite steht die moderne Kognitionswissenschaft – Fodor bezieht sich vor allem auf Turing -, derzufolge mentale Zustände berechenbar (“computational”) sind. Als Evidenz für diese Aussage führt Fodor an, dass Gedankengänge, die von wahren Prämissen ausgehen und logisch korrekte Schlussfolgerungen enthalten, zu wahren Schlüssen gelangen. Es gibt also so etwas wie Wahrheitserhaltung beim Denken. Ein Konzept wie logische Wahrheit ist jedoch nur für Symbole bzw. Symbolfolgen und -transformationen denkbar. Wie soll Wahrheitserhaltung auf subsymbolischer Ebene funktionieren. Also muss sie auf symbolischer Ebene stattfinden. Daraus folgert Fodor mit Turing, dass das menschliche Gehirn regelhafte (Syntax!) Symbolmanipulation beim Denken ausführt, dass Denken mit Symbolmanipulation identisch ist.

Er muss also zwei Aussagen in Einklang bringen:
1. “mentale Zustände sind intentional” und
2. “mentale Zustände sind computational”

Nachdem er die beiden Aussagen kurz und bündig vorgestellt hat, verwendet er weitere 75 Seiten, um mit Gedankenexperimenten und manchmal ziemlich aufwendigen Theoriekonstruktionen nachzuweisen, dass das eine das andere nicht ausschließt, beide Aussagen also eigentlich dasselbe ausdrücken.

Klar wird aber vor allem eines: Im Sinne von Lakoff und Johnson befindet er sich immernoch in der ersten Generation der Kognitionswissenschaft, die Theorien entwickelt, die kaum oder keinen Bezug zur Empirie haben. Wenn ich mich für die Funktionsweise der visuellen Wahrnehmung meiner Katze interessiere, dann lese ich zunächst einige Bücher über die (Neuro-)Anatomie von Katzen und befasse mich möglicherweise noch mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen auf diesem Gebiet, um auf den aktuellsten Stand der Wissenschaft zu kommen. Überträgt man Fodors Vorgehensweise auf das genannte Problem, so sähe der Ansatz so aus: Einfach mal überlegen, wie das bei einer Katze funktionieren könnte; empirische Erkenntnisse aus der Neurologie links liegen lassen; wild spekulieren und die entstehenden Theorien anhand von Gedankenexperimenten auf die Probe stellen bzw. weiterentwickeln.

Mein Vergleich hinkt deshalb etwas, weil sich das menschliche Denken nicht so leicht untersuchen lässt wie die visuelle Wahrnehmung der Katze aus meinem Beispiel. Dennoch ist dieses Buch 1994 veröffentlicht worden, zu einer Zeit also, als die in der Neurokognition verbreiteten bildgebenden Verfahren längst etabliert und z.B. Spiegelneuronen längst entdeckt waren, die empirisch belegbare Hinweise auf die Art geben können, wie unser Denken abläuft. Von all diesen empirischen Evidenzen findet man bei Fodor nichts.

Fazit: Ein interessantes Stück Geschichte der Kognitionswissenschaft. Wenn die Philosophie sich auf diese Weise in der Kognitionswissenschaft (hier repräsentativ für andere Naturwissenschaften) nützlich zu machen versucht, braucht sie sich nicht zu wundern, wenn die Naturwissenschaftler immer kopfschüttelnd von “herumphilosophieren” sprechen.