Archive for the ‘19.’ Category

Emile Zola – Der Roman eines Konträrsexuellen

Tuesday, August 6th, 2013

In dieser kurzen Erzählung beschäftigt sich Zola mit Homosexualität bei Männern. Wenn auch streckenweise klicheehaft erzählt, bemüht sich Zola dennoch, dem Phänomen literarischen Raum zu schaffen.

Ob die Schilderung gelungen ist oder nicht kann und will ich nicht beurteilen. Was ich bemerkenswert finde ist, dass er sich zu seiner Zeit getraut hat, auch darüber zu schreiben.

Emile Zola – Das Gelübde einer Sterbenden

Sunday, December 2nd, 2012

Zola denkt in diesem Roman über die Liebe nach. Sein Konzept von Liebe hat mich sehr an die klassisch griechische Unterscheidung zwischen Agape und Eros unterschieden. Der Protagonist, selbst Waisenkind und nur durch die Zuwendungen einer reichen Gönnerin in die Lage versetzt, eine ordentlichen Ausbindung zu genießen, trifft seine Gönnerin schließlich an Ihrem Totenbett, wo sie viel zu früh auf Grund des Kummers aus ihrer ungeglücklichen Ehe stirbt. Sie hinterläßt eine Tochter von 6 Jahren und dem Protagonisten die Aufgabe, über die Tochter zu wachen.

Selbst kaum erwachsen, tut er alles, um dieser Aufgabe gerecht zu werden. Es kommt jedoch, wie es kommen muss: er verliebt sich in die Ihr anvertraute und wird Zeuge, wie sie zunächst mit einem eitlen Zeitgenossen in einer unglückliche Ehe startet und sich dann in seinen besten Freund verliebt und eine zweite Ehe mit ihm starten möchte, nachdem ihr erster Mann überraschend verstirbt.

Und hier transzendiert der Protagonist dann in Zolas Erzählung von der Liebe zur Frau zu einer körperlosen Liebe seiner beiden Freunde.

Nach meinem Geschmack eine intelektuelle Übung, die ich ebensowenig nachvollziehen kann, wie ich sie für allgemein anwendbar halte.

Emile Zola – Arbeit

Saturday, September 29th, 2012

Zola bezieht in diesem Roman im Gegensatz zu seinen anderen Romanen klar Stellung, statt einfach nur naturalistisch seine Zeit zu beschreiben.

Sehr deutlich bezieht er Position für Koedukation, für Sozialismus in Form von Genossenschaften, gegen christliche Religion und die Kirche und insbes. gegen die damals herrschende Regierungsform.

Sein naiver technologischer Fortschrittsglaube ist für mich kaum nachvollziehbar, wenn ich ihn mit seiner ansonsten so klaren Betrachungsweise seiner Zeit, z.B. im Paradies der Damen vergleiche. Er geht wirklich davon aus, dass Maschinen dem Menschen die Arbeit in Zukunft weitestgehend abnehmen und die Menschen nur noch 4 Stunden pro Tag arbeiten werden sowie innerhalb der 4 Stunden die Tätigkeit mehrfach wechseln, wenn es ihnen zu langweilig wird.

In Summe sicherlich der schwächste Roman, den ich bisher von ihm gelesen habe.

Emile Zola – Nana

Sunday, May 2nd, 2010

In diesem Roman seiner großen Enzyklika des Frankreichs seiner Zeit beschreibt Zola die scheinheilige Moral im Paris kurz vor der Jahrhundertwende. Die Grenze zwischen Adel und Bürgertum bröckelt und die meisten der Romanfiguren stellen Dirnen nach, die sie ruinieren oder haben (im Falle der Ehefrauen) selbst Liebschaften. Unter der Punksucht der Dirnen gehen über Jahrhunderte zusammengeraffte Vermögen buchstäblich in Rauch auf und die Menschen werden von ihren Gefühlen schier wahnsinnig.

So sehr mir Zolas Bücher bisher gefallen haben, dieses schien mir zum ersten Mal übertrieben.

Emile Zola – Das Paradies der Damen

Monday, February 15th, 2010

In diesem Roman beschreibt Zola sehr detailliert die Transition von den kleinen Einzelhändlern zu den großen Warenhäusern in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts am Beispiel eines Modewarenhauses in Paris.

Über viele Aspekte von Geschäften wie Karstadt und Kaufhof habe ich mir vorher nie Gedanken gemacht. Zola setzt dem entgegen eine minutiöse Beschreibung des Aufkommens von Werbung, nicht chiffrierter Preisschilder, fester Preise (kein Feilschen mehr notwendig), moderner Architektur und elektrische Beleuchtung.

Sehr lesenswert.

Émile Zola – Das Glück der Familie Rougon

Monday, January 5th, 2009

Zola beschreibt in diesem Roman den Aufstieg der Familie Rougon in der südfranzösischen Kleinstadt Plassans. Aus ärmlichen Verhältnissen uns zerrütteter Familie gelingt es Pierre Rougon sich hinaufzuarbeiten und bei der Gegenrevolution 1851 durch Intriegen und Betrügereien die Macht in der kleinen Stadt an sich zu reißen.

Doch dies ist nur ein Motiv der Geschichte. Noch nirgends habe ich eine so einfühlsame Beschreibung der aufkeimenden Liebe zwischen zwei jungen Menschen gelesen. Der Junge Silvère verliebt sich in Miette, das Pflegekind der Nachbarn. Über zwei Jahre entwickelt Zola diese Liebe. Über einen langen Zeitraum treffen sich die beiden am Brunnen, der von Grundstücken der beiden Nachbarn erreichbar ist; der direkte Sichtkontakt ist dennoch durch eine Mauer blockiert, sodass die beiden sich nur im Spiegelbild der Wasseroberfläche im Brunnen sehen können. Diese Liebe, die lange Zeit ohne jede Körperlichkeit auskommt und sich nur in ganz kleinen Schritten hin zu direktem körperlichen Kontakt der beiden entwickelt, der sie durch die Intensität schier verbrennt, sodass sie nach jedem Kuss zurückweichen, dürfte zu den zeitlosen Perlen dieses Themas gehören.

So langsam wie sich die Liebe entwickelt, so schnell und grausam geht sie zuende in den Wirren der blutigen Niederschlagung des Aufstands in Südfrankreich.

Dem Vorwort aus der Feder des Autors zufolge glaubte Zola an die Vererblichkeit von Charaktermerkmalen wie innerer Zerrüttung, die in den ehelichen und unehelichen Sprösslingen der Familie Rougon in verschiedener Form wieder auftaucht.

Per Olov Enquist – Das Buch von Blanche und Marie

Saturday, August 23rd, 2008

Enquist schreibt eigentlich eine (sehr freie) Biographie über Blanche Wittmann, engste Mitarbeiterin und Vertraute von Marie Curie. Wittmann war über mehr als ein Jahrzehnt Patientin in der Pariser Nervenklinik Salpêtrière und dort die “Lieblingspatientin” des Leiters Jean-Marie Charcot. Freilich nicht erschöpfend – das würden den Rahmen des vorliegenden Bandes sprengen – thematisiert Enquist auch die Geschichte dieser Einrichtung.

Eine viel Größere Rolle aber spielt die Biographie von Marie Curie, die untrennbar mit der von Blanche Wittman verknüpft zu sein scheint. Als es zum Skandal kommt wegen Curies Liebesbeziehung zu einem verheirateten Familienvater, gehört Blanche zu den wenigen, die weiter zu Marie Curie stehen. Gleichzeitig wird Blanche – zum Zeitpunkt des Skandals wurden ihr auf Grund von Strahlenschäden alle Gliedmaßen bis auf die rechte Hand amputiert – von Marie Curie in ihrer eigenen Wohnung gepflegt.

Enquist ist offensichtlich begeistert von Curies Lebenswerk und ratlos über ihre Fehltritte, die ihr damals gesellschaftlich das Genick brechen mussten. Aber er urteilt nicht. Er beschreibt; die biographischen Fakten und seine Gedanken dazu, fein säuberlich getrennt. Wolfgang Hildesheimer wäre stolz auf ihn.

Orhan Pamuk – Rot ist mein Name

Wednesday, July 30th, 2008

Pamuk schreibt hier eine Geschichte der Buchillustratoren-Kunst des nahen Ostens in Romanform. Facettenreich und schillernd nimmt er den Leser mit in eine ganz andere Welt, die Welt der Illustratoren, die eitel und eifersüchtig darauf aus sind, sich die Gunst ihrer Meister und die Unterstützung ihrer mächtigen Auftraggeber, der Schahs und Paschas zu bewahren.

Seine Erzähltechnik ist dabei ganz anders, als ich es gewohnt bin. Statt eines allwissenden Beobachters oder eines Icherzählers darf hier zur Abwechslung jeder der Akteure mal in die Rolle des Icherzählers und gleich darauf wieder in die des lediglich von außen betrachteten Handelnden schlüpfen. Allein diese Erzähltechnik macht das Buch schon lesenswert. Wenn die Monade schon keine Fenster hat, so muss der Leser halt in sie hineinschlüpfen.

Pamuk wendet diese Erzähltechnik auch in schelmischer Weise an, etwa wenn er den ermordeten Illustrator auch nach seinem Ende, das er in einem alten Brunnen findet, noch weitererzählen lässt. Oder wenn gar die Karrikatur in einem beliebten Kaffeehaus selbst zu sprechen beginnt.

Zur gleichen Zeit ist Pamuks Roman auch eine Kriminalgeschichte, die sich um die Aufklärung des Mordes dreht, eine Liebesgeschichte zwischen Seküre und Kara, der von seinem ehemaligen Oheim nach 12 Jahren aus der Fremde gerufen wird, um die Arbeit an einem Buch für den Pascha zuende zu bringen, ein historischer Roman über die Buchillustrationskunst und nicht zuletzt auch ein kunsthistorischer Roman, der die verschiedenen Darstellungstechniken in Morgen- und Abendland gegenüberstellt.

Christoph Ransmayr – Die Schrecken des Eises und der Finsternis

Tuesday, June 3rd, 2008

Ransmayr beschreibt eine Arktisexpedition des k.u.k. Reiches, also noch zu Kaisers Zeiten. Von Österreich aus wird ein Schiff unter der Führung von Carl Weyprecht und Julius Payer losgeschickt, um die kleinen dunklen Flecken auf der Landkarte in der Nähe des Nordpols zu verkleinern. Wie der Autor in mehreren Exkursen anhand von historischen Quellen zeigt, gab es seit dem Mittelalter immer wieder das Gerücht, dass in der Nähe des Pols noch unentdecktes Land liegen müsse, wo die Natur unbehelligt vom Menschen existiert, wo Rentiere ungestört in grünen Tälern äsen und so weiter und so fort.

Weyprecht und Payer erreichen im Sommer die Packeisgrenze bei ihrer Reise nach Norden und werden vom Packeis eingeschlossen. Nahrung und Brennstoff haben sie genug auf ihrem Segelschiff, das mit einer zusätzlichen Hilfsdampfmaschine ausgestattet ist. Doch gegen die Tatsache, dass sie vom Eis eingeschlossen sind, vermögen sie nicht auszurichten. Unter größten Strapazen gelingt es ihnen tatsächlich eine bis dahin gänzlich unbekannte Inselgruppe zu entdecken und später auch zu vermessen, die sie Kaiser Franz-Josefs-Land taufen werden. Am Ende ihres zweiten Winters im Eis treten sie den geordneten Rückzug an, zu Fuß und vier große Rettungsboote mit sich über Eis und Gletscherspalten ziehend, wohl wissend, dass die wenigsten diese Art des Rückzugs über hunderte Kilometer von Packeis und dann nochmal mehrere hundert km offene Hochsee überlebt haben.

Dennoch gelingt es ihnen und sie werden vor Novaja Semlja von einem russischen Schiff aufgenommen. Der Autor schließt die Geschichte mit dem Ende der beiden Hauptfiguren Weyprecht und Payer. Der erste erliegt wenige Jahre nach seiner triumphalen Rückkehr der Tuberkulose, nachdem er jahrelang für eine Ende der material- und menschenopferlastigen Nordpolexpeditionen gekämpft hat. Payer hingegen muss unter seinem Ruhm, aber auch den anfänglichen Zweifeln an der Existenz des von ihm vermessenen Fanz-Josefs-Lands gelitten haben. Für lange Jahre verlässt er Österreich und lebt als Maler in Paris, bis der in Österreich rehabilitiert wird.

Guy de Maupassant – Bel Ami

Thursday, March 22nd, 2007

Der Roman beschreibt exemplarisch den Journalisten Georg Duroy, der es sich in den Sinn gesetzt hat, im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts groß herauszukommen. Er ist der Prototyp des rücksichtslosen Emporkömmlings, dem jedes Mittel recht ist, um seine Karriere voranzutreiben. Sehr war ich beim Lesen an Zolas Beute erinnert. Allerdings ging es diesmal nur ganz am Rande um Börsenspekulationen und hauptsächlich um den Journalismus, der sich ohne irgendwelchen berufsethischen Grenzen für den Zeitungsbesitzer Papa Walter (einen eitlen und arroganten Spekulanten) prostituiert.

Duroy ist jedes Mittel recht, um voran zu kommen. Er intrigiert am Ende sogar gegen seine eigene Frau, der er einen guten Teil seines Erfolgs zu verdanken hat, schließlich hat sie viele seiner Artikel geschrieben. Um die reiche Tochter seines Chefs heiraten zu können lässt er sie in flagranti von der Polizei bei einem Seitensprung mit einem seiner früheren Gönner erwischen, dem er das Kreuz der Ehrenlegion zu verdanken hat.

Noch bei der Hochzeit denkt er schon wieder an seine letzte Mätresse und wann er sich wieder mit ihnen treffen kann.