Archive for the ‘21.’ Category

Steven Levitt, Stephen J. Dubner – Superfreakonomic

Sunday, April 6th, 2014

Effektiv Teil 2 von “Freakonomics”, dem ersten populärwissenschaftlichen Titel und Bestseller über Microökonomie aus der Feder der gleichen Autoren. Wieder werden absurde Fragen gestellt: “Was haben Mt. Pinatubo und Al Gore gemeinsam?” – beide wirken gegen global warming.

Die zugrunde liegende Annahme aus dem 1. Buch – dass menschliches Verhalten durch Incentives gesteuert wird – wird in diesem Band immerhin noch um positive und negative Externalitäten erweitert.

Das Buch ist sicherlich unterhaltsam und kurzweilig geschrieben. Dennoch: die Inhalte werden nicht erschöpfend dargestellt sondern eher so, dass man damit bei einer Cocktailparty ein paar Gäste unterhalten kann – bis der nächste Gast zu der Runde dazukommt und mittem im Satz ein ganz neues Gesprächsthema beginnt.

Jared Diamond – Collapse

Sunday, April 6th, 2014

Diamond geht in diesem Buch der Frage nach, warum Gesellschaften wie die Bewohner der Osterinsel oder die Maya in Mittelamerika als Hochkulturen Spuren hinterlassen konnten, die wir bis heute noch erkennen können und trotzdem kollabiert sind bis zu dem Punkt, dass von ihrer Zivilisation niemand mehr übrig geblieben ist.

Wie er anhand einer Reihe von Beispielen rekonstruiert, sind diese Desaster in aller Regel schleichend gekommen, sodass die Menschen der verschwundenen Zivilisation beispielsweise über Generationen einfach immer weiter ihren Wald abgeholzt haben, bis es am Ende gar keinen Ausweg mehr gab, auch noch den letzten Baum zu fällen.

Die Kulturen, die Diamond betrachtet sind immer mehr oder weniger isoliert gewesen und sind kollabiert, ohne andere Kulturen mit ins Verderben zu reißen. Es sind die Parallelen zu unserer globalen Kultur, die Auswirkungen unseres Handelns global macht, die das Buch ziemlich düster erscheinen lassen, wenn man das Gelesene auf die heutige Zeit projeziert.

Diamond spricht diese Parallele auch direkt an und weist darauf hin, dass es auch Kulturen gibt, die ein Einverständnis innerhalb ihrer Gesellschaftsordnung gefunden haben, um bspw. den Wald nachhaltig zu bewirtschaften (Japan, Deutschand).

Sehr lesenswert.

Joe Simpson – The Beckoning Silence

Saturday, January 11th, 2014

Simpson, der mit Touching the Void berühmt geworden ist, setzt sich in diesem autobiographischen Buch mit der Frage auseinander, warum er immer wieder sein Leben riskiert, wenn er zum Klettern in die Berge geht.

Die Frage ist ja durchaus berechtigt, über seine eigene Biographie hinaus. Seine Erklärung ist dennoch eine persönliche, die er aber zu verallgemeinern versucht: Er meint, dass Menschen – und die Menschheit selbst – über sich hinauswächst, wenn sie neue, schwierige Dinge versucht. Dieses Wagnis, auch wenn es das Leben kosten kann, idealisiert und verklärt er und spült die Risiken mit romantischen Betrachtungen der Natur in den Bergen weich und zitiert fleißig biographische und autobiographische Berichte von Bergsteigerlegenden wie Mallory und Bonetti.

Sein Versuch einer konsequenten Erklärung dafür, dass jedes Jahr Menschen ohne zwingende Veranlassung in die Berge fahren und ihr Leben lassen, muss zwangsläufig scheitern.

Dieses Scheitern spiegelt sich auch in seiner Geschichte von der letzten großen Bergtour wieder, nach der er die Bergsteigerei sein lassen will. Die vielen Todesfälle unter seinen Bergsteigerfreunden lassen Zweifel an seinem Tun in ihm wach werden und er beschließt, zum Abschluss ausgerechnet noch die Eiger-Nordwand zu versuchen. Der Versuch scheitert, eine andere Seilschaft verunglückt tödlich. Das Buch endet mit der Aussicht darauf, es im nächsten Sommer wieder zu versuchen.

All seine rationalen Abwägungen zu Risiken und verlorenen Freunden verblassen hinter seiner eigenen Begeisterung fürs Bergsteigen und – unausgesprochen – macht er wider alle Vernunft genauso weiter wie vorher.

Steven D. Levitt und Stephen J. Dubner – Freakoonomics: A Rouge Economist Explores the Hidden Side of Everything

Saturday, January 11th, 2014

Der Ökonom Levitt und der Journalist Dubner betrachten Phänomene unserer Lebenswelt wie Drogendealer und bei Schuelerleistungstests betrügende Highschool-Lehrer. Um Ökonomie auf diese Weise ausweiten zu können folgen sie dieser Definition: Moral beschreibt, wie sich die Menschen verhalten sollten während Ökonomie untersucht, wie sie sich wirklich verhalten und warum. Für das Warum ist der Möglichkeitsraum klassisch libertär: Sie fragen nach Incentives, unterscheiden dabei aber zwischen monetären, persönlich psychologischen und sozialen Anreizen.

Auch wenn das Buch eher ein Sammelsurium von Themen ist (abgesehen von den beiden oberen geht es auch noch um den Kriminalitätsrückgang in den 1990er Jahren in den USA, betrügende Sumoringer etc.) darstellt, so war die Lektüre trotzdem spannend und unterhaltsam. Der Frame Moral vs. Ökonomie war für mich neu und ist für einige Situationen bestimmt hilfreich.

Michael E. Mann – The Hockey Stick and the Climate Wars: Dispatches From the Front Lines

Saturday, January 11th, 2014

Mann hat in den 1990er Jahren seinen Abschluss als Klimaforscher in den USA gemacht und ist nolens volens mit einer Publikation zum Verlauf der Temperaturentwicklung der vergangenen 1.600 Jahre zur Zielfigur für die Verneiner des weltweiten Klimawandels geworden. In diesem Buch beschreibt er, wie seine wissenschaftlichen Beiträge systematisch diskreditiert wurden bis dahin, dass sein Leben bedroht wurde.

Als Deutscher war ich im Wesentlichen unbehelligt von der Diskussion, ob es nun einen von Menschen verursachten Temperaturanstieg gibt. Ich bin seit Ende der 1990er Jahre davon ausgegangen, dass dies erwiesen ist. Dass es in den USA eine dermaßen widerwärtige Diskussion dazu gab, mit allem, was die Manipulationsmaschinerie aufzubieten hat, war mir nicht bewusst und wirft einen ziemlichen Schatten auf das ‘Land of the Free’.

Am Ende stilisiert sich Mann dann für meinen Geschmack ein bisschen zu sehr zum Helden in diesem Konflikt, den er ja bereits im Titel zu einem Krieg stilisiert. Aber wirklich verübeln kann man ihm das nicht.

Richard Preston – The Cobra Event

Saturday, January 11th, 2014

Nachdem Preston bereits vorher schon einmal über einen fiktiven Ausbruch von Ebola in der westlichen Welt geschrieben hat (verfilmt u.a. mit Dustin Hoffmann) beschäftigt er sich in diesem Roman mit biologischen Waffen und einem Terroristen, der New York City mit immer größeren Dosen eines künstlich hergestellten Virus verseucht.

Spannend fand ich insbes. 2 Dinge im Roman: 1. Ist ein Teil seiner Geschichte auch ein draufgängerischer Waffeninspektor, der im Irak biologische Massenvernichtungswaffen findet. Hier hat Preston offensichtlich eine andere Meinung als es die Fakten hergeben und wahrscheinlich auch eine eigene Agenda.

2. schreibt er über die US-Amerikanischen Sicherheitsorgane in einer Weisen die offenbar grenzenloses Vertrauen in den Staatsapparat rechtfertigen soll. Und das, obwohl er selbst im Roman erwähnt, dass die Sicherheitsorgane beim Una-Bomber komplett versagt haben.

Bizarr ist auch eine Passage ganz am Ende des Buches, wo einer der Protagonisten die Ehefrau des bereits erwähnten Waffeninspektors über dessen Tod informieren muss. Von Beileid kaum eine Spur; statt dessen ein Gespräch mit der Witwe darüber, was der Verblichene alles für sein Land getan hat.

Trotz solcher Stilblüten sehr unterhaltsam. Im Nachwort gesteht Preston auch offen zu, dass er eine Diskussion über biologischen Kampfmittel in der breiten Öffentlichkeit triggern will. Und damit hat er ja einen sehr validen Punkt.

Matthias Grüning – Halbmarathon: Training mit System

Tuesday, November 26th, 2013

In Summe ist das Buch nicht seinen Preis wert.

Es wirkt wie eine Ansammlung eher unabhängiger Texte. Zum Teil wurden Abschnitte aus Runners World kopiert und zwar als Bild (!) und nicht als Text. Auf dem Kindle hat das den unangenehmen Nebeneffekt, dass der Text kaum mehr lesbar ist, weil zu klein bzw. durch Hintergrundgrafiken zu kontrastarm ist.

Grüning hat in diesem Buch existierende Trainingspläne mit Faustregeln wie “wenn es ein bisschen weh tut kann man trotzdem weiterlaufen” zusammengestellt. Auf sportmedizinische Darstellungen hat er weitgehend verzichtet.

Linda Polman – Die Mitleidsindustrie: Hinter den Kulissen internationaler Hilfsorganisationen

Sunday, August 25th, 2013

Die Autorin beschäftigt sich mit einem kontroversen Thema: Der Frage, wie ethisch Entwicklungshilfe im Allgemeinen und Nothilfe im Besonderen sind. Im Grunde ist ihr Vorwurf an die internationale Hilfsgemeinschaft, dass Katastrophenhilfe vollständig kommerzialisiert ist und die Allokation von Hilfsgeldern und -projekten lediglich durch die Medienaufmerksamkeit für die jeweilige Katastrophe gesteuert wird. Ethische Erwägungen blieben dabei auf der Strecke, etwa die Frage, ob es im Sinne der Nothilfe ist, wenn im Flüchtlingslager in Goma tausende am Genozid in Ruanda beteiligte Kämpfer wieder zu Kräften kommen konnten, um von dort aus die nächsten Angriffe zu starten.

Durch eine umfangreiche Sammlung von Evidenzen aus verschiedensten Krisengebieten über Jahrzehnte hinweg versucht Polman zu belegen, dass hier ein strukturelles Problem vorliegt und es sich nicht um Einzelfälle handelt. Ob sie mit ihren Vorwürfen in jedem Einzelfall Recht hat kann ich nicht beurteilen. Ihr Aufruf, weiter zu denken als nur über die unmittelbare Nothilfe und z.B. auch darüber, wem sie (möglicherweise unbeabsichtigt) auch noch hilft (z.B. Warlords) finde ich sehr vernünftig. Am Ende hat auch sie kein Patentrezept, aber sie stellt die richtigen – unangenehmen – Fragen.

Haruki Murakami – Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede

Wednesday, August 7th, 2013

Der ansonsten eher öffentlichkeitsscheue japanische Autor Murakami schreibt in diesem Buch sehr autobigrahpisch über seine 25-jährige Liebe zu Langstreckenläufen und wie ihn diese in seiner Arbeitsweise beeinflusst haben.

Ziemlich spannend auf diesem Weg einen Einblick in sein Denken und Schaffen zu finden!

Evgeny Morozov – To Save Everything, Click Here: The Folly of Technological Solutionism

Tuesday, August 6th, 2013

Morozov setzt sich mit einem Phänomen auseinander, das er “Solutionism” getauft hat: Der Annahme, dass es für alle Probleme eine technische Lösung gibt und dass dies die Lösung der Wahl ist. Für mich war die Lektüre insbes. deshalb spannend weil ich auf diese Annahme auch immer wieder naiv hereinfalle.

Neben vielen anderen zitiert er dazu folgendes Beispiel: Angenommen das Kind einer typischen Mittelstandsfamilie in der westlichen Welt ist übergewichtig – durchaus ein Problem, für das es sich lohnt eine Lösung zu suchen. Eine Möglichkeit darauf zu reagieren ist, dem Kind einen Sensor, z.B. ein Nike Fuel Band, zu kaufen, mit dem Daten gesammelt werden, wie aktiv es ist.

Typischerweise beinhalten solche Datensammel-Geräte auch immer Funktionen zum Setzen von Zielen und für den Wettbewerb mit anderen – zwei wesentlichen Ausprägungen von “Gamification”, also Verhaltensänderung bei Menschen dadurch herbeizuführen, ein künstliches Optimierungsproblem zu definieren und in einem spielerischen Ansatz mit Zielkennzahlen und Wettbewerb mit anderen Menschen die Kennzahlen des Optimierungsproblems zu maximieren.

Morozov weist m.E. zurecht darauf hin, dass das Kind mit Nichten lernen wird, dass Übergewicht an sich schlecht ist und wie man es am besten vermeidet, sondern es wird tendenziell die intellektuell leichtere bequemere Variante wählen, schlicht die Kriterien des Optimierungsproblems zu maximieren, ohne jemals ein tieferes Verständnis des eigentlichen Problems zu entwickeln.

Weitere Effekte, wie die Abnutzung der Gamification für ein bestimmtes Optimierungsproblem (ziemlich bald wird auch das Nike Fuel Band wieder langweilig) sowie das “Quantified Self Movement” – das bereitwillige Sammeln und zur Verfügung stellen von detaillierten Daten, die u.a. Rückschlüsse auf intime Lebensgewohnheiten zulassen – das hoch relevant z.B. für die Risikobewertung einer Lebens- oder Krankenversicherung, behandelt er ebenso.

Für glühende Anhänger von Big Data und Self Monitoring eine sehr lohnende Lektüre!