Archive for the ‘Sport’ Category

Joe Simpson – The Beckoning Silence

Saturday, January 11th, 2014

Simpson, der mit Touching the Void berühmt geworden ist, setzt sich in diesem autobiographischen Buch mit der Frage auseinander, warum er immer wieder sein Leben riskiert, wenn er zum Klettern in die Berge geht.

Die Frage ist ja durchaus berechtigt, über seine eigene Biographie hinaus. Seine Erklärung ist dennoch eine persönliche, die er aber zu verallgemeinern versucht: Er meint, dass Menschen – und die Menschheit selbst – über sich hinauswächst, wenn sie neue, schwierige Dinge versucht. Dieses Wagnis, auch wenn es das Leben kosten kann, idealisiert und verklärt er und spült die Risiken mit romantischen Betrachtungen der Natur in den Bergen weich und zitiert fleißig biographische und autobiographische Berichte von Bergsteigerlegenden wie Mallory und Bonetti.

Sein Versuch einer konsequenten Erklärung dafür, dass jedes Jahr Menschen ohne zwingende Veranlassung in die Berge fahren und ihr Leben lassen, muss zwangsläufig scheitern.

Dieses Scheitern spiegelt sich auch in seiner Geschichte von der letzten großen Bergtour wieder, nach der er die Bergsteigerei sein lassen will. Die vielen Todesfälle unter seinen Bergsteigerfreunden lassen Zweifel an seinem Tun in ihm wach werden und er beschließt, zum Abschluss ausgerechnet noch die Eiger-Nordwand zu versuchen. Der Versuch scheitert, eine andere Seilschaft verunglückt tödlich. Das Buch endet mit der Aussicht darauf, es im nächsten Sommer wieder zu versuchen.

All seine rationalen Abwägungen zu Risiken und verlorenen Freunden verblassen hinter seiner eigenen Begeisterung fürs Bergsteigen und – unausgesprochen – macht er wider alle Vernunft genauso weiter wie vorher.

Matthias Grüning – Halbmarathon: Training mit System

Tuesday, November 26th, 2013

In Summe ist das Buch nicht seinen Preis wert.

Es wirkt wie eine Ansammlung eher unabhängiger Texte. Zum Teil wurden Abschnitte aus Runners World kopiert und zwar als Bild (!) und nicht als Text. Auf dem Kindle hat das den unangenehmen Nebeneffekt, dass der Text kaum mehr lesbar ist, weil zu klein bzw. durch Hintergrundgrafiken zu kontrastarm ist.

Grüning hat in diesem Buch existierende Trainingspläne mit Faustregeln wie “wenn es ein bisschen weh tut kann man trotzdem weiterlaufen” zusammengestellt. Auf sportmedizinische Darstellungen hat er weitgehend verzichtet.

Jan Weiler – Drachensaat

Monday, May 10th, 2010

Jan Weiler setzt setzt sich in diesem Roman mit einem der Thema auseinander, das die öffentliche Diskussion in den vergangenen Jahren wiederholt bewegt hat. Das Stichwort ist “Neiddebatte”.

Mit ironischer Distanz lässt er die Romanfiguren die Argumente vortragen. Ironischerweise ist es der entführte Spitzenmanager, der darauf hinweisen muss, dass sich an der Debatte – sofern denn einmal jemand versucht, sie ernsthaft in der Öffentlichkeit zu führen – keiner mit ernsthaften Argumenten beteiligt. Statt dessen werden die immer gleichen Vorwürfe geäußert und Konflikte geschürt.

Weiler versucht mit seinem Roman einen Schritt weiter zu gehen. Der dritte Teil seiner Erzählung besteht aus einer Reihe von fiktiven Zeitungsartikeln in denen er wie ich finde ziemlich treffen die Stile der Nachrichtenagenturen und Zeitungen imitiert und zeigt, wie Diskussionen mehr oder weniger unwillkürlich von Medien gesteuert werden.

Nick Heil – Dark Summit

Monday, November 23rd, 2009

Als eine unserer Buchacquisen auf der Annapurna-Runde kamen wir in Anbetracht der Berge kaum um eine weitere Reportage über die Verhältnisse im Extrembergsteigen herum. Und richtig: Im “Fishtail Book Store” in Pokhara fand sich Nick Heils “Dark Summit”, in dem er ausführlich über die kontroverse Saison 2006 am Everest berichtet.

1996 rückte der Everest zum ersten Mal ins öffentliche Bewusstsein, als dort in einer Saison mehrere kommerzielle Expeditionen von schlechtem Wetter überrascht jeweils mehrere Todesfälle zu beklagen hatten. Damals wurde viel über den kommerziellen Wahnsinn am Everest publiziert, der ungeübte Touristen auf den höchsten Gipfel der Erde bringen soll (60.000 US-$ Startgeld vorausgesetzt) und zu – im Nachhinein ist man ja stets klüger – vermutlich vermeidbaren Todesfällen geführt hätte.

Die Ereignisse des Jahres 1996 und die Öffentliche Bekanntheit der Zustände hat aber nur zu einem kleinen Einbruch der Scharen der kommerziellen Expeditionsteilnehmer geführt. Seit der Jahrtausendwende boomt das Geschäft mit geführten Everestbesteigungen wieder, sogar trotz Bürgerkrieg in Nepal zu jener Zeit.

Einige Zeit war es – abgesehen von den üblichen vereinzelten Todesfällen – ziemlich ruhig geworden um das Dach der Erde. 2006 kam es bei mehreren Besteigungen von der Nordseite aber wieder gehäuft zu Todesfällen. Im Gegensatz zu den Unglücken zehn Jahre zuvor war diesmal das Wetter ziemlich günstig. Trotzdem kam es zu einem Fall, in dem 40 Teilnehmer verschiedener Expeditionen an einem sterbenden Bergsteiger vorbei weiter aufstiegen und ihn nicht retteten.

Heil geht vor allem der Frage nach, wie das passieren konnte. Akribisch rekonstruiert er die Geschehnisse, spricht mit Teilnehmern der damaligen Expeditionen und steigt selbst bis auf den North Col am Everest auf, nicht weit vom Hauptgipfel entfernt.

Seine Antwort auf die Frage ist komplex und scheint ihn selbst auch nicht so richtig zu befriedigen. Trotzdem ist es ihm gelungen, eine möglichst ausgewogene und sachliche Rekonstruktion der Ereignisse zu Papier zu bringen. Im Gegensatz zu vielen anderen Kommentatoren der Ereignisse von 1996 verliert er sich nicht in bloßen Anschuldigungen und Moralapellen sondern bohrt weiter und geht der Frage nach, nach welchen Regeln am Everest gehandelt wird.

Äußerst lesenswert und ein interessanter Blick auf die menschliche Natur in Extremsituationen – also da, wo die Moral am stärksten auf die Probe gestellt wird.

Pamela Watson – Der Traum von Afrika

Thursday, January 11th, 2007

Pamela Watson ist Australierin, lebt in London, hat einen Job als Unternehmensberaterin und macht tüchtig Karriere. Eigentlich alles, was die meisten Menschen – glaubt man dem Fernsehen – sich heute zu wünschen scheinen. Aber irgendwie fühlt sie sich von dieser Art Leben nicht ausgefüllt und so beschließt sie, den afrikanischen Kontinent von Westen nach Osten mit dem Fahrrad zu durchqueren.

Sie schreibt nicht die Geschichte eines extremsportlichen Ereignisses sondern es stehen eindeutig ihre Erlebnisse mit und ohne die Menschen im Vordergrund. Sie wird von Tse-Tse-Fliegen traktiert, muß durch glühende Hitze und beißende Kälte fahren, hat mehr als genug Begegnungen mit korrupten Polizisten usw. All die Erlebnisse, die einen in Afrika eben erwarten.

Was mir sehr gefallen hat ist, dass sie die Dinge einfach so beschreibt, wie sie sie erlebt hat, ohne sie auf Grund von political correctness zu filtern. Die Menschen verrichten ihre Notdurft in aller Öffentlichkeit auf der Straße, die Gerüche sind die Europäer teilweise atemberaubend. Doch sie wertet das nicht, sie bleibt fast immer deskriptiv.

Als ich das Buch im Dezember 2006 in Ghana las, hatte ich selbst eine Menge afrikanischer Eindrücke und viele ihrer Beschreibungen kamen mir gleichermaßen passend und prägnant vor. Trotz genug eigener Eindrücke brauchte ich für die 550 Seiten nur ein verlängertes Wochenende.

Lene Gammelgaard – Die letzte Herausforderung

Friday, September 1st, 2006

Nico hatte schon vor einiger Zeit von diesem Buch erzählt. Kürzlich fand ich es bei ihm im Regal und nahm es mit.

Lene Gammelgaard stammt aus Dänemark und hat sich mit der 1990er Jahre in den Kopf gesetzt, als erste Skandinavierin auf den Mount Everest zu steigen und das ohne zusätzlichen Sauerstoff. 1996 nahm sie an einer kommerziellen Expedition unter Scott Fisher teil, die in einem Desaster endete. Beim Abstieg gab es einen Schneesturm, einige der Bergsteiger der vier Expeditionen, die an diesem Tag auf oder in der Nähe des Gipfels waren, verirrten sich auf dem Südsattel in einer Höhe von 8000m und brauchten Stunden, um in die schützenden Zelte zurückzugelangen. Boukreev unternahm seinerzeit eine vielbeachtete Rettungsaktion, bei der er bis zur völligen Erschöpfung noch mehreren der verirrten das Leben rettete. Für sieben Bergsteiger endete diese Nacht tödlich und gelangte damit zu trauriger Berühmtheit.

Gleichzeitig warf das Ereignis Licht auf den bemerkenswerten Betrieb der “kommerziellen Expeditionen”. Für immense Summen finden sich immer wieder Reiseveranstalter bereit, eine willkürlich zusammengewürfelte Gruppe von Abenteuerlustigen auf den Everest zu bringen – und nach Möglichkeit auch wieder hinunter.

Wer so wie ich vorher das Buch vn Anatoli Boukreev gelesen hat, hat einen anderen Eindruck von Gammelgaard, als sie sich selbst im Buch präsentiert. Zunächst wollte sie den Berg ohne Sauerstoff in Angriff nehmen. Fisher und Boukreev hatten alle Mühe, ihr das auszureden. Boukreev schildert anschaulich den kindischen Ehrgeiz und die absolute Fixiertheit auf den Gipfel mit der Gammelgaard im Basislager umherläuft. Wenn man anschließend ihren Bericht liest, kann man zwischen den Zeilen einiges davon erahnen.

Tief sind auch die Einblicke, die sie in die physischen Bedingungen der Bergsteiger gibt. Nicht wenige leiden an Lungen- und Hirnödemen, die Folge der Höhe sind. Ein Teilnehmer ist durch ein Hirnödem so belastet, dass er beim Essen kaum mehr die Bitte nach einem Salzstreuer versteht, geschweige denn angemessen darauf reagieren kann. Trotzdem wird er nicht nach hause geschickt. Schließlich ist er ja zahlender Kunde.

Fazit: Gammelgaard schreibt selbst, dass es sich um einen persönlichen Bericht aus ihrer Perspektive handelt. Sieht man von diesen persönlichen Anteilen ab, ist er ganz interessant.

Joe Simpson – Im Banne des Giganten

Sunday, June 11th, 2006

Wie Kammerlander und Boukreev beschreibt auch dieser Autor seine Liebe zu den Bergen. Ich wundere mich selbst, dass mich diese Bücher so faszinieren. Vielleicht ist es der Wunsch zu verstehen, was sie antreibt, immer wieder Dinge zu tun, die dem menschlichen Naturell offenbar nicht entsprechen. Schließlich sind sie so riskant, dass sie eine Spur von Toten auf und an den Bergen hinterlassen.

Simpsons Einstellung zum Risiko fand ich eine Stelle besonders deutlich: “Sie hatten einfach nur Pech gehabt. Falscher Ort, falsche Zeit. Damit muss man eben rechnen.” (S.50) Es geht um den Tod von Bergsteigern. Das klingt auf den ersten Blick, als würde hier in lakonischer Weise mit dem Tod von anderen umgegangen. Schaut man etwas genauer hin, ist es aber vor allem so, dass die zut Tode gekommenen so mit dem Risiko umgegangen sind. Und das ist es, was für mich befremdlich bleibt: Wie kann der Gewinn aus dem Bergsteigen dieses letale Risiko rechtfertigen?

Simpson zitiert auf S. 74 Alex Loewe, einen Bergsteiger, der kurz vor einem tödlichen Unfall noch eine Mitteilung an die Website von Mountain Zone geschickt hatte: “Im Nachhinein wird mir klar, warum ich in die Berge gehe: nicht, um sie zu bezwingen, sondern, um in ihre unfassbare Weite einzutauchen – so viel größer als wir selbst; um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Demut und Geduld und dem Drang, mir viel abzuverlangen, zu finden; um teilzuhaben an dem, was die Berge zu bieten haben, es auf lange Sicht mit guten Freunden und später auch mit meinen Söhnen zu teilen.”

Simpson sieht die Bergsteigerfreunde um sich herum sterben und fragt sich, ob der Sport vielleicht wirklich zu gefährlich ist. Auch die Idee, dass die Menschen in seinem Bekanntenkreis eben auf besonders hohem Schwierigkeitsniveau klettern, deshalb größeren Gefahren ausgesetzt sind und deshalb auch öfter verunglücken, vermag seine Zweifel nicht zu beseitigen.

In der zweiten Hälfte des Buches beschreibt er den Versuch, mit einem Freund die Eiger-Nordwand zu durchsteigen. Entgegen dem Wetterbericht bricht am ersten Nachmittag der Tour ein schweres Gewitter über die vier im Berg befindlichen Kletterergruppen herein. Nach zehn Jahren ohne Tote am Eiger stürzen zwei Engländer in den Tod, der Verbleib eines Solokletterers wird bis zum Ende des Buches nicht aufgeklärt, aber alles deutet darauf hin, dass auch er ums Leben gekommen ist. Die beiden brechen ihren Besteigungsversuch darauf hin ab. Ihnen ist vorerst die Lust vergangen am Bergsteigen vergangen.

Simpson beschreibt im Buch auch die Gedanken zu seinem 40. Geburtstag und wie sich sein Verhältnis zum Bergsteigen damit ändert. Jedes Jahr nimmt die Angst vor einem tödlichen Unfall zu. Die nächste Tour zum Eiger ist dennoch schon in Aussicht…

Fazit: Spannend zu lesen und nachdenklich.

Anatoli Boukreev – Der Gipfel

Thursday, May 18th, 2006

Eigentlich wurde das Buch von G. Weston DeWalt geschrieben, aber es geht um Anatoli Boukreev, einen kasachischen Extrembergsteiger, der sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion irgendwie finanziell über Wasser halten muss und den es immer wieder in die Berge zieht. In den 1990er Jahren begannen die kommerziellen Bergexpeditionen auch den Mt. Everest als Ziel mit in ihre Kataloge aufzunehmen.

Boukreev wurde von Scott Fischer engagiert, dem Leiter der Expedition der US-amerikanischen Firma Mountain Madness, einem Anbieter, der sich in jenem Jahr zum ersten Mal mit einer kommerziellen Expedition an diesem Berg versuchte und seine Position auf dem Markt erst etablieren musste. Boukreev war bekannt als zuverlässiger und leistungsfähiger Bergsteiger, er hatte bereits mehrere 8000er ohne Sauerstoff bezwungen.

1996 waren mehrere komerzielle Expeditionen am Everest. In einer anderen befand sich zeitgleich mit Boukreev der US-amerikanische Journalist und Bergsteiger John Krakauer, der als erste über den Wahnsinn am Everest in einem größeren Rahmen publizierte. Viele der Teilnehmer, die zwischen 60 000 und 70 000 Dollar für die Besteigung bezahlt hatten, waren nicht wirklich geeignet. Sie verfügten über zu wenig Erfahrung auf hohen Gipfeln und/oder zu wenig Kondition.

Den Gipfelsturm unternahmen alle Expeditionen am gleichen Tag. An den Fixseilen, die zur Sicherung auf gespannt waren, kam es zu regelrechten Staus. Weitere Verzögerungen führten dazu, dass die letzten Kunden erst gegen 16 Uhr den Gipfel erreichten. Der Sauerstoffvorrat der zahlenden Kunden – keiner schaffte es ohne künstlichen Sauerstoff – war jedoch so berechnet, dass 14 Uhr der letzte Zeitpunkt zum Umkehren gewesen wäre. Dazu kam am Nachmittag ein Schneesturm. Großes Chaos brach aus. Einige Expeditionsteilnehmer brachen ohne den künstlichen Sauerstoff zusammen. Die Sichtweite fiel unter 10 Meter und nicht wenige von denen, die es fast bis zu einem Schutz bietenden Lager auf der Südflanke des Gipfels geschafft hatten, liefen im Schneesturm orientierungslos an den rettenden Zelten vorbei.

Boukreev war früher abgestiegen, um den Kunden ggf. mit heißem Tee und Sauerstoff auf ihrem Abstieg entgegenzukommen. Auf dem Südsattel rettete er fünf anderen Bergsteigern das Leben, indem er sie völlig erschöpft z.T. ins Lager tragen musste. Danach brach er selbst vor Erschöpfung in seinem Zelt zusammen. Scott Fischer, sein Chef und Expeditionsleiter kam an diesem Tag ums Leben. Vier weitere aus den anderen Expeditionen ebenfalls. Bei Krakauer kommt Boukreev nicht gut weg. Krakauer spekulierte darüber, dass Boukreev sich selbst in Sicherheit bringen wollte und deshalb früher abgestiegen sei. Von der Rettungsaktion auf dem Südsattel ist in seinen ersten Veröffentlichungen nicht die Rede.

Das scheint ein Hauptanliegen dieses Buches zu sein, nämlich Boukreevs Ruf zu verteidigen. Sein Einsatz zur Rettung anderer wurde von einer US-amerikanischen Bergsteigervereinigung ausgezeichnet und er erhielt international Anerkennung. Ende gut, alles gut? 1997 kam er im Himalaya bei einem Lawinenabgang ums Leben. Das vorliegende Buch verteidigt seinen Ruf also posthum.

Fazit: Wie das Buch von Kammerlander spannend zu lesen. Rätselhaft ist mir bis jetzt, wie Menschen so viel Geld ausgeben können, um ihr Leben buchstäblich auf’s Spiel zu setzen.

Hans Kammerlander – Bergsüchtig

Sunday, May 14th, 2006

Nach der Lektüre von allerlei philosophischer Abhandlungen über Descartes und das Körper-Geist-Problem in seiner Nachfolge brauchte ich für das Wochenende mal wieder etwas zur Zerstreuung. In der Uni-Bibliothek findet sich seit neustem ein Regal mit Sport-Büchern neben der in letzter Zeit stärker frequentierten Biographiensammlung. Unter zahlreichen Fußballbüchern, die ich nie auch nur aufschlagen werde und lauter Ratgebern, wie man beim Nordic Walking die meines Erachtens sinnlosen Stöcke schwingt, finden sich auch einige biographische Bücher von bzw. über Bergsteiger.

Der Südtiroler Hans Kammerlander ist einer von ihnen, der u.a. viel mit Reinhold Messner geklettert ist. Mich hat vor allem interessiert, was einen Menschen dazu treibt, so sehr sein Spiel auf’s Leben zu setzen, um ein paar Minuten auf einem Gipfel nach Luft zu schnappen und dann halsbrecherisch wieder nach unten zu klettern, um dort vor Erschöpfung fast zusammenzubrechen. Kammerlander hat auf seinen Expeditionen zwei seiner Freunde beerdigen müssen und allein bei seiner Everest-Besteigung eine ganze Reihe von Toten auf dem Weg zum Gipfel angetroffen.

Nach der Lektüre der 343 sehr flüssig geschrieben Seiten in weniger als zwei Tagen bin ich so ratlos wie vorher. Kammerlander kann selbst nicht erklären, was ihn immer wieder zu neuen Extremleistungen antreibt, mehrfach hebt er deren Sinnlosigkeit hervor. Und dann beschreibt er die tiefe Zufriedenheit, die ihn überkommt, wenn er eine Herausforderung gemeistert hat. Rückblickend gesteht er ein, dass er häufig fahrlässig gehandelt und das Glück herausgefordert hat. Einmal wurde wenige Meter entfernt von ihm einer seiner Freunde vom Blitz erschlagen, ein anderes Mal verliert er um ein Haar seine Zehen durch Erfrierung. Und doch bricht er immer wieder auf. Seine sportlichen Leistungen sind herausragend und für mich unerreichbar. Das eingegangene Risiko bleibt für mich unverständlich.

Fazit: Spannend geschrieben, manchmal nachdenklich und stets unterhaltsam.

Lance Armstrong, Sally Jenkins – Jede Sekunde zählt

Sunday, February 12th, 2006

Armstrong beschreibt mit einiger zeitlicher Distanz rückblickend seinen Kampf gegen den Krebs, der erst in weit fortgeschrittenem Stadium bei ihm diagnostiziert wurde. Irgendwie scheint es irreal, dass er es nach den Strapazen der Behandlung noch geschafft hat, wieder zur Weltklasse im Straßenradsport aufzuschließen und sie sogar über Jahre zu dominieren.
Die Sicht seines Trainers hatte ich bereits vor einiger Zeit gelesen.

Seine Lebensphilosophie ist so radikal wie sie mir symphatisch ist: Entweder schlafe ich oder ich mache die Sachen mit 150% Einsatz. An anderer Stelle (S.116) bezieht er sich im Kontext der Gretchenfrage auf eine Aussage von J. Craig Venter: Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass das Leben mit der Geburt beginnt und mit dem Tod endet und dass die meisten Menschen auf dieser Erde, wenn sie dies nur wirklich verstünden, ihr Leben ganz anders leben würden. Wir nehmen religiöse oder mysteriöse Kräfte und vertuschen mit ihnen unsere Unzulänglichkeiten, aber Himmel und Hölle sind beide hier auf der Erde, jeden Tag und wir führen unser Leben in ihrer Gegenwart.

Unter dem Eindruck dieser Zitate erscheint sein unbedingter Wille, die Tour de France zu gewinnen eigentlich wie eine Konsequenz seiner Lebensphilosophie. Dabei vergisst er jedoch nicht, auf Qualen und Rückschläge hinzuweisen, bisweilen etwas selbstverliebt. Alles ins allem betont er etwas zu oft, dass auch er nur ein gewöhnlicher Sterblicher ist, als dass man ihm abnehmen würde, dass er wirklich daran glaubt. Dennoch eine beeindruckende Biographie, die nicht nur für Radsportenthusiasten lesenswert ist.