Archive for the ‘Uncategorized’ Category

Carlo Levi – Christus kam nur bis Eboli

Saturday, October 27th, 2007

Levi ist Italiener, Arz, Maler und Schriftsteller. Er wird im faschistischen Italien der 1930er Jahr in ein einsames Mittelgebirgsdorf in Süditalien verbannt. Die Menschen dort pflegen ob ihrer Armut zu sagen, Jesus Christus sei auch nur bis Eboli gekommen, einer Stadt nördlich von der Region, in der die Menschen in einem Kreislauf ewiger Armut dahinvegetieren. Sie fühlen sich von Gott verlassen, sie leben und sterben wie die “Hunde”, wie sie selbst sagen. Das Land ist Malariaverseucht, das ortsansässige Kleinbürgertum spielt sich als Nachkommenschaft der ehemaligen Feudalherren auf und presst den Bauern Abgaben ab, wo immer es möglich ist.

In diese Umstände versetzt hält sich Levi mit Schreiben über das Leben in dieser vergessenen Region Italiens am Leben. Ohne sich über seine neuen Nachbarn lustig zu machen, ohne sie insgeheim für sein Schicksal zu hassen schreibt er ihre Geschichten und Sitten auf. Die Menschen sind eigentlich nicht religiös. Statt dessen haben sie einen Glauben, den Jean Piaget kindlichen Animismus genannt hätte. Es gibt viele Hexen im Ort, die aber glücklicherweise nicht verfolgt werden. Zaubertränke und -sprüche sind üblich, Tier- und Pflanzenwelt sind von Geistern belebt.

Auch die Sitten unterscheiden sich grundsätzlich von denen, die er bisher von seinem Leben in einer der großen Städte im Norden Italiens kennt. So ist es gesellschaftlich inakzeptabel, wenn sich ein Mann und eine Frau alleine in einem Raum treffen, falls sie nicht miteinander verheiratet sind. Die sexuelle Anziehung zwischen den Geschlechtern wird als etwas so natürliches betrachtet, dass niemand annimmt, man könne sich willentlich dagegen wehren. Uneheliche Kinder sind aus diesem Grund keine große Katastrophe, aber das zwischengeschlechtliche Zusammensein ist ein absolutes Tabu.
So tragisch der Aufenthalt von Levi in dieser Region ist, so froh kann Italien sein, dass es jemand von seinem Format war. Die Vielfalt und der kulturelle Reichtum dieser Menschen wäre sonst wohl nicht dokumentiert worden.

Urs Widmer – Der Geliebte der Mutter

Saturday, October 13th, 2007

Nach mehr als einem Monat der Rastlosigkeit – auch an den Wochenenden – war heute endlich mal Zeit für einen Tag der “Entschleunigung”. Deshalb konnte ich gleich nach dem Roman von Anne Seghers mit der gescheiterten Liebesgeschichte von Urs Widmer weitermachen. Die Geschichte wird aus Sicht eines Sohnes erzählt. Sie handelt von der großen Liebe seiner Mutter zu später einem berühmten Dirigenten. Sie haben eine kurze Affäre, danach lässt der Dirigent sie fallen und heiratet eine Millionenerbin, die ihn auf einen Schlag reich macht. Sie wird nicht einmal zur Hochzeit eingeladen, obwohl sie schwanger von ihm geworden war und eine Abtreibung hinter sich hatte.

Interessant am Erzählstil ist, dass Widmer den Icherzähler allwissend über das Leben seiner Mutter berichten lässt. Das ermöglicht ihm Nähe zur Person, über die geschrieben wird, aber auch einige Distanz, die die (fiktiven) Fakten vorträgt.

So wie ich die Geschichte gelesen habe ist sie vor allem eine gescheiterte Liebesgeschichte. Es ist die Liebe des Lebens, die nicht verwirklicht wird. Und dieses Nicht-Realisiert-Wert ist es auch, was die “Mutter” letztendlich psychisch zerbrechen lässt. Ihr ganzes Leben hat sie an “Edwin”, dem Dirigenten, gehangen, mit dem sie das später berühmte “Junge Orchester” aufgebaut hat. Die Geschichte endet damit, wie der erzählende Sohn den Dirigenten trifft, ihn auf die Geschichte anspricht und dieser vorgibt, sich nicht einmal erinnern zu können.