César Aira – Die Nächte von Flores

July 13th, 2010

Flores ist ein Stadtteil von Buenos Aires, in dem ein alterndes Ehepaar sich entschließt, die Abende mit Pizza-Lieferungen zu verbringen. Ihre zahlreichen jüngeren Kollegen verwenden für diese Aufgabe Motorroller, mit denen sie gelegentlich auch illegale Rennen spät in der Nacht veranstalten.

Das Ehepaar wird vor allem für die gefährlichen Aufträge eingesetzt, bei denen die Pizzariabetreiber vielfach befürchten müssen, dass die Pizza-Bestellung nur ein Vorwand ist, den Lieferanten in einen dunklen Hauseingang zu locken, um ihm dort Moped und Wechselgeld abzunehmen. Das alte Ehepaar dagegen wird nie angegriffen; niemand vermutet, dass bei ihnen etwas zu holen sein könnte.

Im weiteren Verlauf wird auch dieser Roman surreal. Ein verkleideter Zwerg erscheint den beiden Eheleuten auf ihren nächtlichen Routen immer häufiger und brabbelt scheinbar zusammenhangloses Zeug. Das alte Ehepaar besteht in Wirklichkeit aus zwei Männern, von dem der eine dem anderen nach dem Leben trachtet. Und es zeigt sich, dass viele der Figuren aus der Erzählung in ein kriminelles Netzwerk verstrickt sind, dessen Zugang sich in einem luxoriösen Nonnenkloster befindet.

Raymond Queneau – Zazie in der Metro

July 13th, 2010

Queneau beschreibt einen Besuch der jungen Zazie aus dem Umland von Paris in der Hauptstadt irgendwann nach dem 2. Weltkrieg. Früh-pubertär und ordinär kommentiert sie menschliche Eitelkeiten und Fehler um sich herum und ist bei allemdem selbst am meisten eitel. Naiv hatte sie sich auf eine Fahrt mit der Metro gefreut, doch gerade die streikt während ihres Kurzbesuchs, der weniger als zwei Tage umfasst.

Eigentlich bei ihrem Onkel “Gabriella” untergebracht, der als Tänzer in einer Schwulenbar sein Geld verdient, macht sie sich schon früh morgens selbst auf den Weg, um die Stadt zu erkunden. Bald wird sie von einem Mann angesprochen, vom dem sie von Anfang an nichts anderes vermutet, als dass er ihr an die Wäsche will. Trotzdem geht sie mit, weil sie sich von ihm “Bludschins” kaufen lassen möchte.

Gegen Ende der kurzweiligen Erzählung wird es zunehmend surreal. Die Spannung entlädt sich in einer großen Kneipenschlägerei und die Helden entkommen mit Hilfe eines versteckten Fahrstuhls und durch die Pariser Kanalisation dem sicheren Tod. Hier ist nicht mehr klar, ob sich Zazies Träume nach einem aufregenden Abend in Paris wirklich erfüllen oder ob sie nur träumt.

Daniel Kehlmann – Ruhm

June 23rd, 2010

Mein zweiter Roman von Daniel Kehlmann (inzwischen ist er noch erfolgreicher geworden) besteht auf mehreren Kurzgeschichten mit sehr unterschiedlichen Stilen: klassische 3.-Person-Perspektive, Ich-Erzähler bis hin zu Blog-Artikel. Auch wenn es keinen strengen chronologischen oder kausalen Zusammenhang zwischen den Einzelgeschichten gibt, so haben sie trotzdem eine gewisse Überlappung, die sie verbindet.

Kehlmann geht in den Geschichten verschiedenen Aspekten von persönlicher Identität und ihrer Eingebettetheit im sozialen Gefüge ein: Der Schauspieler, dessen Identität von einem Double übernommen wird; der Ehemann mit den zwei Leben, zwei Häusern und zwei Frauen; die krebskranke alte Frau, die sich dann doch nicht das Leben nehmen will.

Mehrfach treten diese Personen in den Erzählungen mit dem Autor in Dialog, tritt der Autor in seiner eigenen Erzählung als Autor auf.

Am Ende hatte ich das Gefühl, dass die Kehlmann nicht so richtig wusste, wie er die einzelnen Handlungsstränge zusammenfügen oder wenigstens bündig abschließen sollte. So wirkte der Schluss etwas abrupt für mich.

Karlheinz Deschner – Der gefälschte Glaube

June 23rd, 2010

Im Gegensatz zu Dawkins Gotteswahn, der vor allem die philosophische Frage stellt, ob wir nicht auch gut (oder sogar besser) ohne Glauben leben könnten, konzentriert sich Deschner auf die Kritik an der katholischen Kirche selbst.

Mit Hilfe unzähliger Literaturstellen versucht Deschner nachzuzeichnen, wie die katholische Kirche systematisch das neue Testament “angepasst” hat, um die eignen Machtstrukturen zu rechtfertigen. Prominente Beispiele dafür sind die Infallibilität (auch dies ein eigens entwickeltes Kunstwort) des Papstes oder das Papsttum selbst, das die Kirche von Petrus ableitet, der jedoch bis einige Jahrhunderte nach Christi Geburt gar nicht als Papst bekannt war.

Streckenweise habe ich mich an 1984 erinnert gefühlt: Die geschriebe Geschichte wurde, wie Deschner anhand der Differenzen zwischen älteren und neueren Versionen des Neuen Testaments zeigt, systematisch verändert, Dinge weggelassen und andere hinzugefügt.

Ein interessanter Schluss ist auch, dass sich vor dem Hintergrund dieser Fakten die Institution der katholischen Kirche nicht vom katholischen Glauben trennen lässt, da die Institution die christliche Lehre zumindest maßgeblich beeinflusst hat.

Hei Ma – Verloren in Peking

June 10th, 2010

Neuerdings kommen nun auch die Bücher der Metropolen-Serie der Süddeutschen Zeitung zu mir ins Haus; genauer gesagt ins Büro, weil die Postzustellung zuhause nicht zuverlässig funktioniert, aber das ist eine andere Geschichte.

Hei Mas Geschichte beschreibt eine Gruppe von Schriftstellern und Literaturkritikern, die sich im China der 1990er Jahre in Peking mit der Bürokratie ihres “Avantgarde”-Verlags herumschlagen müssen. Die meisten von ihnen stammen vom Land und wohnen bunt zusammengewürfelt in einem ziemlich heruntergekommenen und vollkommen überbelegten Wohnheim des Verlags. Diese Umstände sind quasi ein Treibhaus für Ambitionen und Neid, Beziehungsprobleme, Intrigen und Erfolg direkt neben Misserfolg.

Obwohl die Erzählung im Roman grob chronologisch geordnet ist und es Kausalzusammenhänge zwischen den beschriebenen Ereignissen gibt, entstand für mich eher der Eindruck, in ein Kaleidoskop zu schauen. Ma beschreibt verschiedenste Aspekte des beengten Zusammenlebens dieser Intellektuellen des post-maoistischen China. Hier beschreibt die Zuzugsproblematik nach Peking für die Ehefrauen der Literaten vom Land, auf die sie manchmal jahrelang warten müssen. Ein paar Seiten weiter hat sich das Kaleidoskop um einige Grad gedreht und ein Schlagerball mit Stars, Sternchen und Eintagsfliegen wird beschrieben.

Eine faszinierende Art der Beschreibung, sehr dicht und abwechslungsreich, ohne dabei rastlos zu wirken.

John Krakauer – Into the Wild

June 5th, 2010

Krakauer erzählt die Geschichte von Chris “Alexander Supertramp” McCandless, einem jungen US-Amerikaner, der Anfang der 1990er Jahre entschied, seine aussichtsreiche Hochschulausbildung vorzeitig zu beenden, all sein Geld an Oxfam (eine amerikanische Hilfsorganisation) zu verschenken und sein Glück im einfachen und einsamen Leben in Alaska zu suchen.

Die Geschichte ist eine wahre Begebenheit, wurde erfolgreich verfilmt und von Krakauer offenbar minutiös recherchiert. Neben den rein biographischen Begebenheiten behandelt Krakauer aber noch ein weiteres Thema, das ihn wie auch viele andere fasziniert: das Reißaus-Nehmen aus dem zivilisierten Alltagstrott, das “Zurück” zum “echten” und “einfachen” naturverbundenen Leben.

McCandless hat seinen Versuch mit dem Leben bezahlt. Nach einer Vergiftung an – wie Krakauer vermutet – verschimmelten Samen und einem durch Hochwasser vermeintlich abgeschnittenen Rückweg in die Zivilisation ist McCandless so schwach, dass er verhungert.

Krakauer widmet sich auch lang und breit der Frage, ob dies nun ein tragischer Unfall oder McCandless naiver unzureichender Vorbereitung geschuldet ist. Die Tatsache, dass er ohne Karte in die Wildnis zog, nicht einmal eine Axt mitbrachte und keine Möglichkeit zur Kommunikation mit der Außenwelt hatte führte letztenendlich dazu, dass er in einem alten Bus verhungerte. Dieser Tod ereilte ihn nur 6 Meilen entfernt von der nächsten Ranger-Station (also war er keineswegs “mitten in der Wildnis”) und in einem alten Linienbus aus den 1940er Jahren, der vor langer Zeit in der kanadischen als Unterkunft für Arbeiter abgestellt wurde (also in einem Relikt der Zivilisation).

Krakauer gibt sich viel Mühe, dieses Ende romantisch zu verklären, es einzuordnen in eine Reihe von intelligenten Menschen, die die Nähe zur Natur gesucht haben und abzugrenzen von einer Reihe anderer tragischer Fälle, bei denen Menschen wie McCandless blauäugig und bis zur Schädelkante aufgeladen mit Natur-Romantik und -Ideologie ihr Leben in der Wildnis ließen.

Am Ende ist Krakauers Verklärung für mich leider doch nur eine Überladung des Geschehenen mit höheren Zielen und jugendlichen Ambitionen. Wenn McCandless so intelligent war wie Krakauer zeigen will, warum war er dann so schlecht vorbereitet? Auf diese Weise zu sterben ist traurig aber auch ziemlich leicht. Darin etwas höheres zu sehen kann ich nicht nachvollziehen.

Cater Coleman – Cage’s Bend

May 31st, 2010

Coleman beschäftigt sich in seinem Roman mit verschiedenen Themen: Liebe, Erwachsenwerden, Generationenkonflikt und vor allem manische Depression. Ohne den Anspruch erheben zu wollen, die Krankheit im klinischen Sinne zu beschreiben zeichnet er ein sympathisches Bild von Cage, einem der Protagonisten, der in seinen 20ern manisch Depressiv wird und fortan entweder mit schlimmen Depressionen zu kämpfen hat, oder, wenn er gerade manisch ist, auf einem Trip ist, bei dem er geistreich und witzig aber auch in gefährlicherweise übermütig ist.

Im Laufe der Geschichte wird Cage in diverse geschlossene Anstalten eingewiesen. Coleman gelingt es hier, von Cage und seiner Familie ein Bild zu zeichnen, das die einfache Stigmatisierung als “Verrückten” unmöglich macht und statt dessen echtes Mitgefühl für Familie und Cage und seine Straftaten selbst entstehen lässt. Wenn Coleman eins gelungen ist, dann ist es m.E. vor allem dies.

Die anderen aufgezählten Aspekte sind für mein Verständnis nicht so gut herausgearbeitet. So wird nicht klar, wieso Cages sexbesessener Bruder Harper gegen Ende des Romans mit einem Mal von seinen Sexexzession und Kokainmissbrauch ablassen kann und mal schnell eine Familie gründet.

Auch die Eltern von Cage und Harper empfand ich als verhältnismäßig flach, gerade in Anbetracht der Ambivalenz ihrer Söhne.

Ansonsten aber sehr lesenswert.

Jan Weiler – Drachensaat

May 10th, 2010

Jan Weiler setzt setzt sich in diesem Roman mit einem der Thema auseinander, das die öffentliche Diskussion in den vergangenen Jahren wiederholt bewegt hat. Das Stichwort ist “Neiddebatte”.

Mit ironischer Distanz lässt er die Romanfiguren die Argumente vortragen. Ironischerweise ist es der entführte Spitzenmanager, der darauf hinweisen muss, dass sich an der Debatte – sofern denn einmal jemand versucht, sie ernsthaft in der Öffentlichkeit zu führen – keiner mit ernsthaften Argumenten beteiligt. Statt dessen werden die immer gleichen Vorwürfe geäußert und Konflikte geschürt.

Weiler versucht mit seinem Roman einen Schritt weiter zu gehen. Der dritte Teil seiner Erzählung besteht aus einer Reihe von fiktiven Zeitungsartikeln in denen er wie ich finde ziemlich treffen die Stile der Nachrichtenagenturen und Zeitungen imitiert und zeigt, wie Diskussionen mehr oder weniger unwillkürlich von Medien gesteuert werden.

Stefanie Zweig – Die Kinder der Rothschildallee

May 2nd, 2010

Vermeintlich als Buch von Stefan Zweig gekauft, entpuppte sich dieses Buch als wahrscheinlich sehr persönliche aber eben doch authentische Schilderung des Lebens einer jüdischen Familie in der Zeit von 1932 bis 1938.

Drei Generationen leben eng zusammen und müssen erleben, wie ihre Welt in Scherben zerbricht. Die, die Sohn bzw. Bruder im ersten Weltkrieg verloren haben, die deutsche Tugend und Disziplin als konstituierend für ihre Leben gehalten haben, müssen erfahren, wie sie auf einmal nicht mehr dazugehören, schlimmer noch, beliebligem Unrecht unterworfen und fortan im Frankfurt am Main ihrer Zeit unerwünscht sind.

Die Erzählung endet mit der Auswanderung der Mehrheit der Romanfiguren. Am Ende bleiben fast nur noch die Großeltern in Frankfurt zurück.

Ein detailreiches Zeitzeugnis.

Emile Zola – Nana

May 2nd, 2010

In diesem Roman seiner großen Enzyklika des Frankreichs seiner Zeit beschreibt Zola die scheinheilige Moral im Paris kurz vor der Jahrhundertwende. Die Grenze zwischen Adel und Bürgertum bröckelt und die meisten der Romanfiguren stellen Dirnen nach, die sie ruinieren oder haben (im Falle der Ehefrauen) selbst Liebschaften. Unter der Punksucht der Dirnen gehen über Jahrhunderte zusammengeraffte Vermögen buchstäblich in Rauch auf und die Menschen werden von ihren Gefühlen schier wahnsinnig.

So sehr mir Zolas Bücher bisher gefallen haben, dieses schien mir zum ersten Mal übertrieben.