Emile Zola – Das Paradies der Damen

February 15th, 2010

In diesem Roman beschreibt Zola sehr detailliert die Transition von den kleinen Einzelhändlern zu den großen Warenhäusern in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts am Beispiel eines Modewarenhauses in Paris.

Über viele Aspekte von Geschäften wie Karstadt und Kaufhof habe ich mir vorher nie Gedanken gemacht. Zola setzt dem entgegen eine minutiöse Beschreibung des Aufkommens von Werbung, nicht chiffrierter Preisschilder, fester Preise (kein Feilschen mehr notwendig), moderner Architektur und elektrische Beleuchtung.

Sehr lesenswert.

Nancy Duarte – slide:ology

January 25th, 2010

Duarte hat einige der größten Firmen der letzte 20 Jahre im Zusammenhang mit ihren Folienpräsentationen beraten, darunter Adobe, Google und Microsoft. In diesem Buch hat sie eine Art Manifest geschrieben, in dem sie wesentliche Designentscheidungen zusammengefasst hat.

Das Buch ist nicht nur hilfreich sondern auch schön, denn die Art der Darstellung der Inhalte orientiert sich wirklich an dem, was beschrieben wird. Allein die Idee, die Acknowledgements visuell als eine Art Netzwerk darzustellen ist bereits eine Anregung, mehr als Bulletpoint auf Folien zu schreiben.

Ein sehr schönes Buch, das in Zukunft zu meiner Referenzlektüre beim Erstellen von wichtigen Präsentationen werden wird.

Jospeh Campbell – The Hero with a Thousand Faces

January 25th, 2010

Über mehrere Jahre schon wollte ich dieses Buch lesen und letztes Jahr war es um die Weihnachtszeit endlich soweit. Zeit und Ruhe zum Lesen hatte ich eigentlich genug, trotzdem habe ich nach der Hälfte der Seiten aufgegeben.

Warum?

Zunächst einmal besteht das Buch für mein Empfinden im wesentlichen aus Zitaten. Man mag einwenden, dass das auch richtig so sei, schließlich geht es um den Nachweis, dass die Mythen aller Kulturen weltweit und durch die Zeit hindurch doch immer wieder dieselbe Geschichte erzählt haben. Klar, um diese Behauptung abzusichern, ist eine Menge Literaturexegese unerlässlich. Hier scheint Campbell ungeheure Mengen von Zeit in Bibliotheken zugebracht zu haben und dazu noch Sekundärliteratur in den unterschiedlichsten Sprachen studiert zu haben, wie die Literaturverweise und zahlreichen Fußnoten belegen. Letztere erreichen bisweilen übrigens zum Teil ein 1:1-Verhältnis zum Text, d.h. eine Seite normaler Text erhält eine weitere Seite Fußnote beigestellt. Das unterbricht den Lesefluss.

Was mich jedoch mehr gestört hat ist die Vermischung mit der psychoanalytischen Traumdeutungslehre. Immer wieder zitiert Campbell Traumbeschreibungen, um die Theorie abzustützen, dass menschliches Denken und Empfinden immer um dieselben Geschichtsarchetypen revolviert. Ihm muss doch klar gewesen sein, dass er mit diesen Traumbeschreibungen im popperschen Sinne nichts beweisen kann. Von meinen Träumen sah kein einziger so aus aus wie die Geschichtsarchetypen, von deren Existenz ausgeht. Diese Tatsache stellt ebenso keinen Gegenbeweis dar.

So sehr ich den Grundgedanken des Buches reizvoll finde, die Darstellung spricht mich nicht an.

David Allen – Getting Things Done Fast

January 8th, 2010

Nachdem ich die letzten Jahre immer wieder darum herumgekommen bin, “Getting Things Done” zu lesen hat mich das Thema jetzt in Form eines Hörbuchs doch noch eingeholt.

Allens Methodologie zur Strukturierung von Aufgaben ist ziemlich einfach. “Arbeitskontexte”, “Aufgaben” und “Projekte” lassen sich ebenso leicht verstehen wie “Weekly Reviews” und das von ihm immer wieder unterstrichene “goal oriented thinking”, bei dem zunächst das positive Ergebnis eines Arbeitsprozesses gedacht wird und dann rückwärts von dort die nächsten notwendigen Aufgaben definiert werden.

Im Prinzip ist das alles nichts neues und das gibt Allen auch offen zu. Was er hinzugefügt hat ist eine einfache Beschreibung eines Gesamtsystems, das sowohl berufliche als auch private Aufgaben ordnet, priorisiert und delegiert.

Mit der Jahreswende 2009/2010 habe ich das für mich implementiert. In diesem Zusammenhang kann ich Tracks empfehlen, das man bei Morphexchange kostenlos testen kann und das ich seither benutze, um meine Aufgaben nach Projekten, Kontexten und Fälligkeitsdaten zu strukturieren.

Peter Henning – Die Ängstlichen

December 13th, 2009

Henning beschreibt eine deutsche Familie zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Großmutter Johanna hat sich entschieden, in eine Einrichtung mit betreutem Wohnen umzuzuiehen. Mit der Unterschrift unter diesen Vertrag beginnt die Erzählung und dauert an bis zum Familienfest, bei dem sie ihren nächsten von ihrer Entscheidung berichten will.

In der Zwischenzeit entwickelt Henning die Familiengeschichten der drei Kinder von Johanna und z.T. auch die der Enkel. Helmut, der älteste Sohn, ist ein Hypochonder und notorischer Besserwisser, der ohne Beruhigungsmittel und Nasenspray nicht mehr durch den Tag kommt. Ulrike, die Tochter, ist mit einem dümmlichen Emporkömmling verheiratet und sieht innerhalb der Zeitspanne der Erzählung ihre Ehe zerbrechen. Johannas zweiter Sohn verbringt sein Leben seit einem Fahrradunfall in verschiedenen geschlossenen psychiatrischen Anstalten.

Aus der Enkel-Generation wird vor allem das Leben von Ben beschrieben, der die meiste wache Zeit unter Angst leidet. Für ihn sieht es aber – im Gegensatz zu den anderen – Familienmitgliedern noch verhältnismäßig rosig aus, hat er doch eine Freundin, die ihm Halt und Geborgenheit gibt.

Insgesamt eine ziemlich düstere Geschichte von Menschen, die sich nie das richtige zu sagen vermögen aber immer erst hinterher darüber traurig sind. Ihre Lebensträume sind zerbrochen, ihre hochfliegenden Ambitionen lassen sich nur noch durch Realitätsverdrängung – gerne auch mit Hilfe von Medikamenten – am Leben erhalten.

Am Ende der Familienfeier, zu der ohnehin weniger als die Hälfte der Gäste erschienen sind, nimmt Johanna sich das Leben, kurz bevor ihr tot geglaubter Lebensgefährte mit ihr in ein neues Leben entfliehen will.

Ben Shneiderman – Leonardos Laptop

December 12th, 2009

Shneiderman ist seit über 20 Jahren Professor für Informatik. Trotzdem – oder gerade deswegen – hat er nicht den Blick für’s Ganze verloren und überlegt in diesem Buch, was gut gelaufen ist in der Informatik und was nicht.

Vollkommen losgelöst von unseren Alltagsüberzeugungen fragt er etwa, warum bis heute Krankenakten vor allem mit der Begründung mangelnden Datenschutzes nicht elektronisch gespeichert und übertragen werden dürfen. Bei Geldtransaktionen scheint seit mehr als 20 Jahren niemand mehr ein ernstes Problem. Und was die Datensicherheit angeht kann bei nüchtener Betrachtung niemand ersthaft behaupten, dass Papierakten in einfachen Metallschränken in einer Arztpraxis nennenswert gegen Missbrauch, Diebstahl oder auch nur Banalitäten wie Vernichtung durch Feuer oder Wasserschäden geschützt wären.

Sein Buch erschien bereits 2002. Heute, sieben Jahre später muß man ihm in einigen Voraussagen Recht geben, so etwa in Bezug auf die sehr gestiegene Bedeutung der Bereitstellung von Nutzer-generiertem Content (Blogs, Twitter, Flickr…).

Insgesamt ein netter Denkanstoß, ab und zu mal wieder die Gedanken schweifen zu lassen.

Nick Heil – Dark Summit

November 23rd, 2009

Als eine unserer Buchacquisen auf der Annapurna-Runde kamen wir in Anbetracht der Berge kaum um eine weitere Reportage über die Verhältnisse im Extrembergsteigen herum. Und richtig: Im “Fishtail Book Store” in Pokhara fand sich Nick Heils “Dark Summit”, in dem er ausführlich über die kontroverse Saison 2006 am Everest berichtet.

1996 rückte der Everest zum ersten Mal ins öffentliche Bewusstsein, als dort in einer Saison mehrere kommerzielle Expeditionen von schlechtem Wetter überrascht jeweils mehrere Todesfälle zu beklagen hatten. Damals wurde viel über den kommerziellen Wahnsinn am Everest publiziert, der ungeübte Touristen auf den höchsten Gipfel der Erde bringen soll (60.000 US-$ Startgeld vorausgesetzt) und zu – im Nachhinein ist man ja stets klüger – vermutlich vermeidbaren Todesfällen geführt hätte.

Die Ereignisse des Jahres 1996 und die Öffentliche Bekanntheit der Zustände hat aber nur zu einem kleinen Einbruch der Scharen der kommerziellen Expeditionsteilnehmer geführt. Seit der Jahrtausendwende boomt das Geschäft mit geführten Everestbesteigungen wieder, sogar trotz Bürgerkrieg in Nepal zu jener Zeit.

Einige Zeit war es – abgesehen von den üblichen vereinzelten Todesfällen – ziemlich ruhig geworden um das Dach der Erde. 2006 kam es bei mehreren Besteigungen von der Nordseite aber wieder gehäuft zu Todesfällen. Im Gegensatz zu den Unglücken zehn Jahre zuvor war diesmal das Wetter ziemlich günstig. Trotzdem kam es zu einem Fall, in dem 40 Teilnehmer verschiedener Expeditionen an einem sterbenden Bergsteiger vorbei weiter aufstiegen und ihn nicht retteten.

Heil geht vor allem der Frage nach, wie das passieren konnte. Akribisch rekonstruiert er die Geschehnisse, spricht mit Teilnehmern der damaligen Expeditionen und steigt selbst bis auf den North Col am Everest auf, nicht weit vom Hauptgipfel entfernt.

Seine Antwort auf die Frage ist komplex und scheint ihn selbst auch nicht so richtig zu befriedigen. Trotzdem ist es ihm gelungen, eine möglichst ausgewogene und sachliche Rekonstruktion der Ereignisse zu Papier zu bringen. Im Gegensatz zu vielen anderen Kommentatoren der Ereignisse von 1996 verliert er sich nicht in bloßen Anschuldigungen und Moralapellen sondern bohrt weiter und geht der Frage nach, nach welchen Regeln am Everest gehandelt wird.

Äußerst lesenswert und ein interessanter Blick auf die menschliche Natur in Extremsituationen – also da, wo die Moral am stärksten auf die Probe gestellt wird.

Peter-Paul Verbeek – What Things Do

October 25th, 2009

Verbeek versucht einen neuen Zugang zur Technikphilosophie. Ausgiebig setzt er sich mit den zwei deutschen Philosophen zusammen, die einen phänomenologischen Zugang zu den Artefakten moderner Technologie versucht haben: Martin Heidegger und Karl Jaspers. Ein großer Teil des Buches behandelt ihre Auffassung von Technikphilosophie, die teils vom Eindruck des zweiten Weltkriegs gefärbt ist und der Rolle von Industrie und Hochtechnologie im Rahmen von Massenvernichtungswaffen gespielt haben. Andererseits zeigt Verbeek auch sehr deutlich Heideggers einseitig romantisierenden Blick auf Techniken aus der Vergangenheit vs. Technologien aus seiner Zeit.

Hier ist ein schönes Beispiel für eine philosophische Diskussion, die mir bei nüchterner Betrachtung schlicht eine Scheindiskussion zu sein scheint. Es geht um Heideggers Auffassung von zwei Arten von Technologie, nämlich einer traditionellen (”guten”) und einer modernen (”schlechten”).

“Ihde [ein Kritiker von Heidegger, Anm. MM] could also have illustrated his claim that Heidegger’s description of traditional technologies is biased by discussing another artifact Heidegger contrasts with the hydroelectric plant, namely ‘the old wooden bridge that joined bank with bank for hundreds of years’. Such a bridge, Heidegger claims, is ‘built into’ the Rhine, while the Rhine is ‘dammed up into’ the hydroelectric plant. By the phrase ‘built into the Rhine River,’ Heidegger evidently means something to the effect that it ‘respects’ the Rhine in some way, or ‘does not force the Rhine to reveal itself in a way that is not proper to it.’ But can’t this also be said for the hydroelectric plant? After all, the Rhine allows the power plant to be inserted into it, and the plant would not function if the Rhine did not cooperate.” (Zitat von S.68/69)

Hier werden gewaltige Worthülsen aufgebläht, der Rhein wird zu einem intentionalen Wesen anthropomorphisiert und “erlaubt” den Bau einer Brücke, ist “kooperativ” oder wird im Fall des Wasserkraftwerks zu etwas “gezwungen”. Wie der letzte zitierte Satz zeigt, ist Verbeek mit Heidegger durchaus einverstanden, die Diskussion auf dieser Ebene zu führen.

Warum dies eine Scheindiskussion ist? Sicher, jeder kann argumentieren wie er will. Es gibt auch kein Problem damit, Dingen wie etwa Flüssen vorrübergehend und in Gedanken Intentionen zu unterstellen. Das Problem hier ist, dass dem Fluss Intentionen unterstellt werden, für die es keine Evidenzen gibt. Und nachdem etwas unterstellt wurde, was maximal unwahrscheinlich ist (mehr noch, nach unserem Alltagsverständnis absurd) werden daraus sogar noch Einteilungen in Kategorien vorgenommen (hier: gute vs. schlechte Technologie).

Insgesamt lässt Verbeek viele alte Bekannte vorbeiziehen. Der Neckerwürfel fehlt genausowenig wie das Beispiel vom Computer als Artefakt, dass für den Nutzer solange vollkommen transparent ist, solange es korrekt funktioniert, bspw. um einen Text zu schreiben. Erst obald er eine Fehlfunktion hat, wird der Rechner als solcher wieder “präsent”.

Ich bin etwas ratlos, schließlich sollte ich mich als M.A. Phil. über solche Versuche freuen, sich der modernen Technik aus philosophischer Sicht zu nähern. Aber irgendwie bleibt ein sehr schaler Geschmack zurück. Ich kann wirklich nicht erkennen, wozu dieses Protokoll der Auseinandersetzung (denn kaum mehr ist es) gut sein soll. Aber vielleicht liegt es auch an mir als Leser…

Ernst Pöppel – Grenzen des Bewußseins

October 8th, 2009

Der Autor beschreibt diverse Phänomene menschelichen Bewußtseins aus Sicht eines Psychologen. Er stellt sich die Frage, was menschliches Bewußtsein eigentlich ist und wo seine Grenzen liegen. Dabei spannt er den Bogen von optischer Wahrnehmung über Höhren bis hin zur Sprache.

Interessant zu lesen ist das Buch auch deshalb, weil es bereits 1985 geschrieben wurde, also fast 25 Jahre alt ist. Was bei mir in der Vorlesung Neurokognition (2003 oder 2004 an der TU-Chemnitz gehört) bereits etablierter Stand der Wissenschaft war – z.B. über die Verarbeitung optischer Reize im Okzipitallappen – wurde erst in den 1980er Jahren entdeckt.

Schön ist auch zu sehen, wie geistreich und abwechslungsreich sich populärwissenschaftliche Literatur schreiben lässt. Immer, wenn der Stoff über längere Strecken etwas trocken bleibt, streut Pöppel ein Gedicht oder eine Anspielung zu einem Klassiker der europäischen Geistesgeschichte. Ich kann mich nicht entsinnen, bereits ein ähnlich gut lesbares Buch über irgendeine Wissenschaft gelesen zu haben.

Daniel H. Pink – A Whole New Mind

October 1st, 2009

Daniel Pink hat sich die Frage gestellt, was die Menschen der westlichen Welt in Zukunft denn eigentlich noch arbeiten können angesichts der massiven Verlagerung von Produktionskapazitäten vor allem in Länder des asiatischen Raumes.

Wie er eingangs durch zahlreiche Statistiken belegt, sind es inzwischen nicht mehr nur noch die typischen blue collar jobs, die nach Osten wandern sondern durchaus auch Tätigkeiten wie die Entwicklung von Software oder die Beantwortung von Support-Anfragen via Telefon.

Seine Antwort – und er gibt sie noch bevor er die Frage explizit formuliert hat – lautet, dass wir uns auf die intellektuellen Qualitäten besinnen sollten, die gemeinhin der rechten Gehirnhemisphäre zugeschrieben werden: Kreativität, ästhetische Gestaltung, emotionale Intelligenz.

Zuweilen wirkt das Buch als käme es aus der Rubrik “Rat, Tat und Lebenshilfe” – nicht ganz zu unrecht. Gerne werden die großen Probleme unserer Zeit auf wenige Schlagworte verkürzt: Asia, Abundance, Automation. Immerhin bekommt der Leser aber den Hinweis, dass eine solche Schlagworttrias repräsentativ zu verstehen sei.

Nach der Antwort, der Problemanalyse und der Fragestellung liefert der Autor dann im zweiten und größeren Teil des Buches seine Auflistung von Kernkompetenzen, mit denen der Leser in der Welt der Glablisierung wirtschaftlich erfolgreich werden kann. Dazu gehören u.a. Symphaty, Story und Design.

Zeitweise konnte ich nicht unterdrücken, dass sich meine Augenbrauen beim Lesen nach oben zogen, etwa wenn der Autor seinen Besuch bei einem Lachclub in Indien ziemlich unreflektiert beschreibt und hinterher seinen Lesern empfiehlt. Witzig war auch der Verweis auf eine wissenschaftlichen Untersuchung, die von der Zeitschrift Nature durchgeführt worden sei. Etwas mehr Sorgfalt beim Schreiben hätte dem Autor hier vielfach den Vorwurf erspart, methodisch nicht sauber genug gearbeitet zu haben.

Von diesen Schwächen abgesehen war das Buch aber trotzdem interessant zu lesen.